Kompromiss über Abriss

Denkmal Steinstraße 1: Neubau mit besonderen inneren Werten soll kommen

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Mit der nüchternen Klinkerfassade der 50er und der Ladenfront aus den 1980er Jahren gehört das Haus Steinstraße 1 zur vertrauten Kulisse, ist aber wahrlich keine Augenweide mehr in Wernes guter Stube. Durch den Neubau nach den Entwürfen von Architekt Lothar Steinhoff (rechts) soll sich das ändern. Die klar gegliederte Front samt Giebel in historischer Anmutung soll aus einem hellen Klinker errichtet werden. Von den vier gleichförmigen Öffnungen sind im Erdgeschoss drei Fenster, ganz links liegt der Eingang zum Laubengang in ein mittiges Treppenhaus.

Werne – Mit einer zeitgemäßen Interpretation der historischen Architektur nach außen und dem Erhalt des gut 500 Jahre alten Dachstuhls im Inneren scheint der Weg frei für einen Neubau anstelle des Denkmals Steinstraße Nr.1. Auf diese Vorgehensweise haben sich die örtliche Denkmalbehörde, Eigentümer und Architekt nach langem Hin und Her verständigt.

Jetzt werden die nötigen Vorbereitungen und Absprachen mit den Nachbarn eingeleitet. Mit einem Abriss des nach der ehemals dort ansässigen Metzgerei „Haus Schlunz“ genannten Gebäudes ist aber in diesem Jahr nicht mehr zu rechnen.

„In Werne gibt es ja nur zwei Jahreszeiten: Vor Sim-Jü und nach Sim-Jü“, erläuterte Architekt Lothar Steinhoff, wovon der Terminplan für dieses Projekt im Wesentlichen abhängt. Eine Baustelle in der exponierten Lage gleich neben dem Marktplatz kann nur so eingerichtet werden, dass sie Wernes großem Volksfest nicht an zentraler Stelle im Wege steht. 

Unabhängig von den aktuellen Unwägbarkeiten wären Abbruch und Errichtung des Neubaus samt des planerischen Vorlaufs bis zum Spektakel am letzten Oktoberwochenende nicht zu bewerkstelligen. „Außerdem müssen wir den Nachbarn links und rechts genügend Zeit lassen, ihre sonst kaum zugänglichen Außenwände in den Brandgassen zu sanieren, bevor wir die Lücke wieder schließen“, so Steinhoff.

Balkenkonstruktionen aus dem Jahr 1527

Der Architekt aus Nordkirchen ist für die beiden Werner Unternehmer tätig, die das Objekt 2016 erworben und mit ihren Plänen eine entsprechende Geduldsprobe hinter sich haben. Was die Klinkerfassade aus den 1950er Jahren nicht vermuten lässt: Im Inneren befinden sich in den Obergeschossen und unterm Dach noch Balkenkonstruktionen, die auf den ursprünglichen Fachwerkbau aus dem Jahr 1527 datiert sind, insbesondere das sogenannte Sprengwerk, mit dem der Dachstuhl zusammengehalten wird.

Die 3D-Ansicht macht deutlich, welche historische Substanz erhalten werden soll. In blau sind die Sprengwerke des historischen Dachstuhls eingezeichnet, die sichtbar in die neue Konstruktion integriert werden müssen.

Mit der Wiederverwendung der historischen Substanz ist der Forderung nach Erhalt historischer Substanz Genüge getan, wie Petra Göbel, Leiterin des Bauordnungs- und Denkmalamtes der Stadt berichtete. „Es gibt bezüglich der handwerklichen Ausführung beim neuen Gebälk noch Abstimmungsbedarf mit dem Denkmalamt in Münster. Das steht einer Vorbereitung des Bauantrages aber nicht im Wege. Deshalb habe ich mit den Eigentümern und dem Architekten vereinbart, dass sie sich um die gutachterlichen Nachweise für den Abriss und weitere Vorbereitungen kümmern.“

Aktuell gibt es noch kein Nutzungskonzept

Zumal der Entwurf Steinhoffs nicht öffentlich der Politik schon gezeigt wurde und im Planungsausschuss Anklang fand. Diese Arbeiten beruhen noch auf der Idee, in dem Haus eine Arztpraxis anzusiedeln. Die Bauvorschriften für den Stadtkern sehen auch zwingend eine gewerbliche Nutzung zumindest im Erdgeschoss vor. 

In Zeiten um sich greifenden Leerstands wäre ein Ladenlokal kaum erste Wahl, ein Arzt oder Dienstleiter aber schon. In den Obergeschossen ginge eine Wohnung dann in Ordnung. „Aktuell gibt es kein Nutzungskonzept. Darum werden wir uns neu kümmern“, sagte Steinhoff. Derzeit konzentriere sich die Planung auf eine gestalterisch ansprechende Gebäudehülle und technische Anforderungen in der sensiblen Lage.

„Der Rohbau soll aus Fertigteilen erstellt werden, die mit einem mobilen Autokran zusammengesetzt werden“, erläuterte der Architekt, wie das Zeitfenster zwischen den Kirmesterminen und saisonalen Einschränkungen durch die Witterung effektiv genutzt werden soll.

Historische Substanz soll aufbewahrt werden

Auf der Bodenplatte von etwa 500 Quadratmetern Grundfläche, die nicht unterkellert werde, ließe sich die Gebäudehülle in drei Monaten errichten. Das Gesamtprojekt werde sicher ein ganzes Jahr Bauzeit in Anspruch nehmen. Doch sobald zuoberst das aufgearbeitete alte Gebälk wieder zusammengesetzt, mit dem neuen Dachstuhl vereint und eingedeckt ist, könne der Ausbau im Inneren ohne größere äußere Auswirkungen und in Ruhe erfolgen.

Wie sehr sich das Erscheinungsbild der mittelalterlichen Ursprungsbebauung in jüngerer Zeit schon gewandelt hat, zeigt die historische Aufnahme aus den 1930ern mit den vor etwa 70 Jahren entfernten Jugendstilfassaden am Haus Schlunz und Reckers nebenan.

Was sonst noch an historischer Substanz zutage tritt, soll nach Maßgabe des Denkmalamtes in Münster übrigens aufbewahrt oder an anderer Stelle verwendet werden, wie Göbel weiter mitteilte: Teile der freigelegten Tapeten sind ein Fall fürs Bauarchiv und einzelne Balken soll der Bauherr anderen überlassen, die bei ihrer Restaurierung eines Baudenkmals Verwendung dafür haben.

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