Reisestopp für ausländische Arbeitskräfte

Was tun, wenn die Pflegekraft für Oma nicht mehr ins Land kommt?

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Werne - Die Grenzen dicht, ausländische Arbeitskräfte entweder ein- oder ausgesperrt: Das hat das Zeug zu einer eklatanten Krise in der häuslichen Pflege. Ein Beispiel:

Die saisonbedingte Zuspitzung der Schlagzeilen auf die Misere der Spargelbauern ohne Erntehelfer lenkte zuletzt  davon ab, dass sich das Ausbleiben ausländischer Arbeitskräfte unter etlichen Dächern zu einem gewaltigen Problem entwickeln könnte – ausgerechnet bei denen, die wegen des Coronavirus besonderer Zuwendung bedürfen: Älteren, die Hilfe im Haushalt oder Pflege benötigen. 

Ein Beispiel unter einem Werner Dach

Spitz auf Knopf steht es bei der Werner Familie, die wir hier einfach mal Meier nennen, noch nicht. Bis Anfang Mai wird Anna (Name gleichfalls geändert), im Haus wohnen und sich um die 94-jährige Mutter kümmern. Ob im vereinbarten Wechsel die nächste Kraft aus Bosnien einreisen kann, um die Familie zu entlasten, ist ungewiss. Kein Einzelfall, und es gibt gewiss dramatischere, weil solche Pflegekräfte ausbleiben oder eilig heimgefahren sind. Da derlei häusliche Pflege behördlicherseits nicht begleitet wird, gibt es zur Tragweite keine konkreten Zahlen. Von allein mehreren tausend ausländischen Hilfen gehen Kenner des Pflegebedarfs im Kreis Unna aus. 

Angehörige stoßen an die Schmerzgrenze

Lange hatte Familie Meier ihre Seniorin selbst versorgt. Doch irgendwann begann die immer forderndere Aufgabe, das eigene Leben aufzufressen und die gute Beziehung zur Mutter gleich mit. „Meine Mutter ist nicht krank, aber altersschwach. Zwei Mal am Tag kam ein Pflegedienst, holte sie aus dem Bett, zog die Stützstrümpfe an. Aber sie brauchte mehr Hilfen“, berichtet die Tochter, die mit im selben Haus wohnt. „Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir sie nachts nicht mehr allein lassen können. Drei Mal ist sie gestürzt, hat sich zum Glück nichts gebrochen, war aber im Krankenhaus, auch dank des Hausnotrufs“, sagt sie.

Gute Erfahrungen mit Kräfte aus Bosnien

Aber so ging’s nicht halt mehr. Flugs wurde in Mutters Wohnung ein Zimmer so gerichtet, dass die Tochter im Wechsel mit einer Schwester, die zum Glück um die Ecke wohnt, dort schlafen konnte – und helfen, wenn Mama nachts zur Toilette musste oder einfach umher tapste. Aber: „Das ging auf Dauer nicht, wir haben ja noch unser eigenes Leben. Und es belastet das Verhältnis zur Mutter sehr“, berichtet die Tochter, längst selbst eine Großmutter. Über private Kontakte stießen die Meiers auf Sascha Siemer, der über seine Firma „Domicura24“ Frauen wie Anna an Kunden wie die Meiers vermittelt. Für die kam ein Heim nicht in Betracht. 

Familie möchte ihre Kraft nicht mehr missen

Also schuf die Familie den Frauen ein Zimmer, sorgt sich auch sonst um das Wohlergehen samt Freizeit der Dienstleister im eigenen Haus und ist froh, wie es trotz gelegentlichen Umständlichkeiten bei der Verständigung läuft: „Die Anna würde ich am liebsten fest hier einstellen“, sagt die Tochter. Auf Bosnierinnen hat sich Arbeitsvermittler Siemer verlegt, weil „Frauen aus diesem Land von der Mentalität her besser zu dem passen, was ich meinen Kunden bieten möchte“, wie er sagt.

Coronavirus macht Einreise unmöglich

Doch das Land gehört nicht zur EU, was Einreise und Aufenthalt sowieso erschwert und in Zeiten der Grenzschließung ein besonderes Problem mit sich bringt. Wie lange Anna und ihre Kolleginnen bleiben dürfen, ist auf den Tag genau begrenzt, ihnen drohen Strafen wenn sie zu lange bleiben. Nur kommen die Frauen gerade genauso wenig heim wie die Ablösung her. „Es darf niemand rein“, berichtet Siemer. „Aber zum Glück ist es so, dass bei den meisten meiner aktuellen Kunden der Wechsel gerade stattgefunden hat. Aber ich führe jede Menge Gespräche, um Lösungen zu bekommen.“ Vor allem mit den Ausländerämtern der Kommunen, in denen seine Kunden leben. Bei wem die Zeit drängt, versucht er eine Verlängerung des Aufenthalts zu erwirken. 

Nicht-EU-Bürgern läuft Aufenthaltszeit davon

90 Tage darf Anna mit einem Besuchsvisum ins Land, sie kommt als selbstständige Kleinstunternehmerin und hat sich zu Hause dafür krankenversichert. Danach muss sie 180 Tage in Bosnien bleiben, ehe sie wiederkommen kann. Bei einer Überziehung drohen Bußgelder und eine Wiedereinreisesperre. Das würde alle Beteiligten hart treffen, denn Domicura 24 versucht, die Wechsel so zu organisieren, dass möglichst dieselben Kräfte wieder zum selben Kunden kommen. „Ein Tag und eine Nacht sind bei uns für die Übergabe eingeplant“, erläutert Siemer. Hier zeige sich „ein Grundsatzproblem in der 24-Stunden-Pflege, solange uns der Gesetzgeber keinen klaren Weg vorgibt. Das ganze Thema wird stiefmütterlich behandelt, obwohl es so viele Pflegebedürftige betrifft“, klagt der Unternehmer. 

Ungewissheit, ob die Ablösung eintrifft

Seine Kunden hätten sich in der Regel bewusst dazu entschieden, betagten Angehörigen ein Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Auch da spielen die Kosten eine Rolle, die Nachfrage sei groß. „Neukunden kann ich in der ungewissen Lage gar nicht annehmen“, sagt der Unternehmer. Sollte ein Betreuter versterben, könne er allenfalls einen Wechsel der Kraft in einen neuen Haushalt vermitteln.“ Ohne Abschlussjob stünden die Frauen schlimmstenfalls auf der Straße. Die Meiers hoffen derweil, dass sich die Dinge in den nächsten vier Wochen klären. „Es ist halt ungewiss“, sagt die Tochter. „Aber wir haben mit meiner Mutter darüber gesprochen. Sie sieht die Coronaproblematik ja auch im Fernsehen und versteht schon, worum es auch bei uns geht.“ In Sorge sei die 94-Jährige nicht, sondern voller vertrauen, dass es die Kinder schon richten werden...

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