Ausländische Fachkräfte ohne Einreiseerlaubnis

"Rent a Spargelfeld" als letzte Lösung? Erntehelfer dürfen nicht kommen

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Zerstört das Coronavirus nun die Spargelsaison? Wenn die Helfer aus Rumänien nicht kommen können, vermietet Johannes Laurenz auf dem Hof Schulze Blasum in Stockum vielleicht Felder.

Heißt es bald: „Rent a Spargelfeld“ ? Horst Seehofer hat verboten, dass Erntehelfer aus Rumänen zur Spargelsaison kommen dürfen. Eine Katastrophe für die heimischen Bauern. Gibt es jetzt keinen Spargel wegen dem Coronavirus?

Stockum/Rünthe – Jetzt hat‘s die Spargelbauer kurz vorm Saisonstart doch kalt erwischt. Nicht der jüngste Nachtfrost, sondern der für sie kaltherzige Bann der ausländischen Erntehelfer. Zu Wochenbeginn waren Johannes Laurenz auf dem Hof Schulze Blasum und Antje Schulze Elberg in ihrem Betrieb in Rünthe noch zuversichtlich, ihre bewährten Saisonkräfte unter den Corona-Auflagen ins Land und aufs Feld zu bekommen. Doch am Mittwoch schob Innenminister Horst Seehofer den Riegel vor: Kein Erntehelfer darf mehr rein. 

„Völliger Schwachsinn“, schimpft Johannes Laurenz über die Kehrtwende, die auch der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe, Hans-Heinrich Wortmann aus Bergkamen, im Namen aller Kollegen beklagt. 

Lesen Sie hier die aktuellen Entwicklungen und Ausbreitungen des Coronavirus' im Kreis Unna.

Coronavirus trifft Spargelbauern: Infektionsschutz ad absurdum geführt?

Für den Spargelbauer wird der Infektionsschutz nun ad absurdum geführt: „Meine 20 Arbeiter sind auf dem Hof weitgehend unter sich, da muss einer mal raus zum Einkaufen und kann dabei auf Abstand bleiben. Um diese Vollprofis zu ersetzen, brauche ich mindestens 40 ungelernte Kräfte, die wieder nach Hause gehen und von deren Situation dort ich nichts weiß. So hole ich mir garantiert das Virus auf den Hof.“ 

Zudem stelle sich die Frage, wie Ungeübte im verlangten Abstand überhaupt angelernt werden sollen. „Ich muss mit denen ja zusammen ins Loch gucken, den Spargel zeigen und wie man sticht. Wie soll das gehen? Außerdem habe ich als Betriebsleiter anderes zu tun“, schüttelt Laurenz über die Realitätsferne der politischen Vorgaben den Kopf. „Das ist alles total unüberlegt.“ 

Spargelernte in Corona-Zeiten: Lohn der Helfer ist ein Problem

Erfahrene Kräfte schafften das Drei- bis Vierfache, Ungelernte scheiterten oft schon am Durchhaltevermögen. Dass er nun mit Angeboten von Zeitarbeitsfirmen überschüttet wird, besänftigt den Landwirt nicht. „Die wollen mir Leute für 20 oder 25 Euro die Stunde schicken, wie soll unser Gemüse da bezahlbar bleiben?“ Seine Helfer bekämen Mindestlohn als Grundentgelt und eine Leistungsprämie. Das mache 10 bis 15 Euro Stundenlohn. 

Vier erfahrene Kräfte kümmern sich auf den Feldern in Stockum schon um die Vorbereitung der Ernte. Nächste Woche soll es an die frühe Sorte gehen. Also hatte Johannes Laurenz für seine rumänischen Arbeiter für Freitag 19 Flüge gebucht. Vergebens. 

Kein Spargel wegen Corona? Felder könnten vermietet werden

Was nun? „Wir werden die jungen Felder nicht beernten. Das ist zwar ein Ausfall und erfordert mehr Pflege, die Kultur wird aber kräftiger“, berichtet Laurenz. „Außerdem überlegen wir, ob wir den Kunden anbieten, fünf oder zehn Meter Spargeldamm für die Saison zu mieten, um selbst ernten zu können. Wir würden Werkzeug und Anleitung geben.“ Aber auch hier stellt sich die Frage, was die Corona-Auflagen erlauben. 

Antje Schulze Elberg aus Rünthe ist noch zuversichtlich, dass ihre Erntehelfer kommen dürfen.

Der Spargel wächst auf jeden Fall. Deshalb hat Antje Schulze Elberg auf den Feldern am Ostenhellweg flugs die Folie gewendet. Die schwarze Abdeckung sollte die Reife zuletzt beschleunigen, nun liegt die weiße Seite oben, damit sich der Boden nicht zu schnell aufheizt und das edle Gemüse hervorschießt. Gute acht Tage noch, so Schulze Elberg, dann geht‘s aber los. 

Rumänen dürfen nicht ins Land - auch Pflegekräfte?

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, bemüht sie sich um Zuversicht. Die beruht unter anderem darauf, dass von den Verbänden gemunkelt wird, die Politik könne in diesem Punkt noch einlenken. „Es kommen ja auch viele Pflegekräfte quartalsweise hierher“, so Schulze Elberg. „Wenn die wegbleiben, steuern wir auf ein Pflegeproblem zu und das Gesundheitssystem fällt auf die Nase.“ Aber für sie sind die ungewissen Aussichten und ständig wechselnde Vorgaben eine erhebliche Belastung. 

Antje Schulze Elberg wäre froh, wenn sie zumindest schon mal drei ihrer bewährten Kräfte ins Land bekäme, weil sie leistungsfähig sind und selbstständig arbeiten. Vielleicht mit einem Schnelltest, um sicher zu gehen. Sie teilt die Auffassung, dass der Schutz vor Viren am ehesten gegeben ist, wenn die Saisonkräfte in ihrem Quartier leben. 

Unerfahrene Erntehelfer: Die Angst, dass der Spargel über den Kopf wächst

Immerhin gebe es Nachfragen hiesiger Arbeitsuchender. „Mit einer Kraft habe ich zu meiner Überraschung recht positive Erfahrungen gemacht. Die hat zugepackt und gefragt, ob‘s morgen weiter geht.“ Andere kämen erst gar nicht, wenn sie erfahren, dass sie für Mindestlohn antreten – oder kämen gar nicht wieder nach der ungewohnten Ackerei. 

Auch deswegen drosselt die Rüntherin mit der Folie den Ertrag. „Mit Ungelernten kann ich nicht so schnell ernten. Da geht‘s auch um die Psyche, damit die Helfer nicht deprimiert sind, weil sie das Gefühl haben, der Spargel wächst mir über den Kopf.“

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