Rund 2000 Menschen im Kreis stehen unter Quarantäne

Bilanz zu fünf Wochen Corona-Krise: Warum die Tests auf das Virus unsicher sind

Symbolbild
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Nicht immer sind die Tests auf das Coronavirus zuverlässig. In einem Pressegespräch hat die Kreisverwaltung erläutert, woran dies mitunter liegen kann.

Kreis Unna – Mit dem ersten Fall am 1. März kam die Corona-Krise in den Kreis Unna. Inzwischen sind 406 Menschen in den zehn angehörigen Städten und Gemeinden infiziert, 147 haben die Krankheit bereits überstanden, neun Frauen und Männer sind verstorben. In Unna zogen Landrat Michael Makiolla, Kreisdezernet Uwe Hasche und Fachbereichsleiter Josef Merfels am Mittwoch eine Zwischenbilanz.

Auch äußerten sie sich zu den nicht immer zuverlässigen Testverfahren, der knapper werdenden Schutzausrüstung und der Situation in den Krankenhäusern. Das Wichtigste im Überblick:

Wer testet bei Verdacht?

Nur wenige Tage, nachdem eine 61-jährige Unnaerin am 1. März positiv auf Covid-19 getestet wurde, richtete das Gesundheitsamt des Kreises zwei zentrale Probentnahmestellen in Unna und Lünen ein. Wenig später kam das Behandlungszentrum am Marienkrankenhaus in Schwerte hinzu, das von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) geführt wird. Und die ist ohnehin für die Tests zuständig, erklärte Landrat Makiolla. „Wir haben die Aufgabe provisorisch übernommen, weil viele der niedergelassenen Ärzte sich aus verschiedenen Gründen dazu nicht in der Lage sahen.“

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Seit Mittwoch beziehungsweise Dienstag ist nun die KVWL in Behandlungszentren in Lünen und Unna am Start. Der Kreis führt daher nur noch am Donnerstag Corona-Tests an den beiden Standorten der Gesundheitsbehörde in Unna und Lünen durch. „Wir müssen aber damit rechnen, dass immer wieder auch Einrichtungen wie Pflegeheime betroffen sind. Wir stehen daher sozusagen Gewehr bei Fuß, um in solchen Fällen weiter mobil testen zu können.“

Seit Anfang März haben die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes und der KVWL zusätzlich zu den Klinken und Ärzten im Kreis rund 2500 Proben genommen, davon etwa 1500 in den drei Abstrichstellen, 850 vor Ort in Pflegeeinrichtungen in Fröndenberg, Lünen und Schwerte sowie circa 150 Tests in der Kita Arche Noah, der Friedrich-von-Bodelschwingh- und der Freiherr-von-Ketteler-Schule in Bergkamen.

Wie zuverlässig sind die Covid-19-Tests?

Dass das Testen mit 30 Mitarbeitern nicht nur personell vom Kreis gestemmt werden muss, sondern auch finanziell, machte Makiolla deutlich. „Ein Test kostet circa 90 Euro, insgesamt bleiben somit rund 225.000 Euro beim Kreis hängen, 90.000 Euro davon für die Tests in den Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen.“ Trotz des beachtlichen Aufwandes bieten die Tests aber keine 100-prozentige Sicherheit, sondern lediglich eine etwa 70-prozentige, wie Josef Merfels erklärte. 

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„Die Tests haben eine gewisse Unsicherheit. Das hängt davon ab, wie hoch die Viruslast bei den Betroffenen ist.“ Zu Beginn der Inkubationszeit, also kurz nach der Ansteckung, falle er höchstwahrscheinlich noch negativ aus. „Deshalb ist es sinnvoll, erst zu testen, wenn Symptome da sind“, so der zuständige Fachbereichsleiter. Je stärker die Symptome, umso aussagekräftiger sei der Test. Damit richte sich der Kreis auch nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes.

Zudem hänge die Zuverlässigkeit des Ergebnisses von der Qualität der Tests und der Proben ab. So mussten etwa Bewohner und Mitarbeiter des Schmallenbach-Hauses in Fröndenberg erneut getestet werden, weil das Land falsche Teströhrchen geschickt hatte. „Normalerweise werden Trockentypen verwendet, wir haben aber Geltypen bekommen und sind davon ausgegangen, dass das seine Richtigkeit hat. Nachher hat sich aber herausgestellt, dass das Labor die Proben nicht verwenden kann“, berichtete Josef Merfels.

Wo liegt der Hot-Spot im Kreis Unna?

Das Pflegeheim in Fröndenberg sei für den Kreis derzeit der Corona-Hot-Spot, wie Michael Makiolla angab. 55 Bewohner haben sich dort mit dem Virus infiziert, außerdem 31 Mitarbeiter. „Die Situation ist sicher nicht so dramatisch wie etwa in Wolfsburg. Für uns wird die Einrichtung und das Hans-Jürgen-Janzen-Haus in Frömmern aber momentan im Zentrum unserer Bemühungen stehen.“

Wer hilft mit?

Dankbar ist der Landrat, dass der Kreis insbesondere in solchen Fällen auf die Unterstützung von externen Helfern wie den Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk, der Bundeswehr, dem Deutschen Roten Kreuz und dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) zählen kann. Der hat zum Beispiel vier Mitarbeiter in die Entnahmestellen nach Lünen und Unna geschickt.

In der Kreisverwaltung sind hingegen mittlerweile fast 40 Mitarbeiter mit dem Kontaktmanagement beschäftigt. Sie versuchen also zu ermitteln, mit welchen Personen nachweislich Infizierte zusammen waren. Fast 40 ihrer Kollegen betreuen das Bürgertelefon und hatten insbesondere am Anfang rund um die Uhr zu tun. Mehr als 44 500 Anrufe gingen über die Info-Telefonnummer im Kreishaus ein, der Spitzenwert lag bei 11 600 Anrufen an einem Tag. „Die konnten wir natürlich nicht annähernd alle bearbeiten“, sagte Michael Makiolla. Inzwischen habe sich die Lage aber entspannt, noch etwa 90 Bürger wandten sich täglich mit ihren Fragen an die Verwaltungsmitarbeiter.

Gibt es genügend Schutzmaterial?

Dafür verstärkt die Kreisverwaltung nun die Heimaufsicht und mit zehn zusätzlichen Kräften das Jobcenter. Und noch eine Aufgabe, eine derzeit ungemein Wichtige, ist jetzt an der Friedrich-Ebert-Straße angesiedelt, obwohl der Kreis grundsätzlich nicht dafür zuständig ist: die Beschaffung von Schutzkleidung und -material.

„Eigentlich gilt, dass die Arbeitgeber für die Ausstattung ihrer Mitarbeiter mit Schutzausrüstung verantwortlich sind“, stellte der Landrat fest. Doch da niemand auf eine solche Krise vorbereitet war und genügend Vorräte angelegt hat, kümmert sich der Kreis eben auch um die Beschaffung und Verteilung von Masken, Kitteln und Co.. Seit Beginn der Krise wurden circa 64.000 Mund-Nasen-Abdeckungen, 6000 FFP2-Masken, 300 FFP3-Masken und 300 Schutzkittel ausgegeben, vorrangig an Pflegeheime und mobile Pflegedienste.

Gemeinsam mit der Bayer AG in Bergkamen und einer Firma in Iserlohn hat der Kreis zudem 400 Liter Hand-Desinfektionsmittel organisiert. „Wir leben von der Hand in den Mund. Das Material reicht immer nur für ein paar Tage. Wir hoffen dann, dass vom Land oder vom Bund rechtzeitig Nachschub kommt. Bislang hat das auch immer geklappt, und wir hoffen, dass das auch so bleibt“, machte Makiolla deutlich.

Welche Kapazitäten haben die Kliniken?

Mehr Zuversicht zeigt Kreisdezernent Uwe Hasche, wenn es um die Kapazitäten in den Krankenhäusern im Kreis geht. Sein Eindruck sei, dass die Klinken im Augenblick nicht ausgelastet sind. Allerdings beziehe sich das nur auf Corona-Patienten. „Was die Gesamtauslastung angeht, kann ich nur ein subjektives Stimmungsbild wiedergeben“, so Hasche. Die meisten Krankenhäuser hätten ihre Kapazitäten erweitert und zusätzliche Plätze für die zu erwartenden, steigende Zahlen von Covid-19-Patienten geschaffen – teils in der umgebauten Caféteria.

Selbst für den Fall, dass mehr Bewohner des Schmallenbach-Hauses stationär aufgenommen werden müssten, würden die Kapazitäten allein in den Kliniken des Kreises ausreichen. „Ich glaube, dass sie sogar sämtliche Bewohner auf einen Schlag aufnehmen könnten.“ Soweit werde es aber nicht kommen, glaubt Hasche. „Viele Bewohner sind symptomfrei, einige werden isoliert im Haus behandelt.“

Wie lange bleibt der Kontakt beschränkt?

Eine Eskalation der Situation befürchtet der Landrat gleichfalls nicht. Er bittet die Kreisbewohner aber inständig, sich insbesondere an den Ostertagen weiter an die Kontaktbeschränkungen zu halten. „Ich glaube, dass wir dann die Chance haben, dass sich die Situation positiv entwickelt und wir nicht mehr so starke Zuwächse an Infizierten haben.“

Die Polizei werde in den kommenden Tagen daher gemeinsam mit den Kommunen verstärkt darauf achten, dass die Kontaktbeschränkungen eingehalten werden. Dass das Virus uns sogar bis in den Sommer hinein beschäftigen wird, davon ist Michael Makiolla aber überzeugt. Er rechnet zumindest bis in den Mai hinein mit Kontaktbeschränkungen.

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