Wenn Fahrplankästen und Flaschenautomaten zum Hindernis werden

Blind durch die Stadt: Hindernisse gibt es reichlich - Aufgeschlossenheit ist notwendig

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Angelika Börste (v.r.), Heinz Heidemann und Frank Vehlow (Vorsitzender Blinden- und Sehbehinderteverein Kreis Unna) an der Bushaltestelle. 

Werne – Schnell noch einen Blick auf den Fahrplan. Am Zebrastreifen über die Straße huschen, am Flaschenautomaten den Pfandbon anfordern: Für die meisten Menschen ist das so alltäglich, dass sie sich darüber keine Gedanken machen. Für Sehbehinderte geht so etwas dagegen oft mit Schwierigkeiten einher. Es gibt reichlich Hindernisse.

Wir treffen Angelika Börste, Heinz Heidemann und Frank Vehlow in Werne. Sie sind stark sehbehindert beziehungsweise erblindet. Heidemann ist mit Grünem Star und einer Hornhautentzündung auf die Welt gekommen. Börste verlor ihr Augenlicht vor etwa 32 Jahren durch eine feuchte Makula (Augenkrankheit). Vehlow, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Kreis Unna, hatte schon als Kind eine Lähmung der Augenmuskulatur und bekam Ende der 90er Jahre die Diagnose Grüner und Grauer Star. 

Seit 2011 gilt er als erblindet, auch wenn er nicht vollblind ist. Auch die Augen von Börste und Heidemann lassen sie noch etwas von ihrer Umwelt erkennen. Ohne Orientierungshilfen wie das mancherorts in den Fußweg eingelassene Blindenleitsystem oder den Blindenlangstock können sie sich aber nur dort orientieren, wo sie sich auskennen. 

Wer an der Augenkrankheit Retinitis Pigmentosa leidet, hat nur ein sehr stark eingeschränktes Sehfeld: Das linke Bild zeigt ein Beispiel wie Betroffene sehen – das Sehfeld kann aber auch noch kleiner sein.

„In Werne bin ich meist ohne Stock unterwegs“, sagt Börste. Immerhin wohne sie seit über 50 Jahren dort. „Ich habe meinen Stock immer dabei“, betont Heidemann. Der hilft ihm zwar dabei, sich zurechtzufinden – Hindernisse gibt es trotzdem reichlich. Autofahrer und Markthändler, die auf dem Blindenleitsystem stehen, Lkw-Ladeflächen, die auf den Gehweg ragen und Bushaltestellen mit Fahrplankästen. 

Stehen Hindernisse auf dem Blindenleitsystem kann es da schnell zum Unfall kommen.

„Wir benutzen unseren Langstock auf dem Boden – wir ertasten also den Masten aber nicht den Fahrplanaushang, der genau auf Kopfhöhe hängt“, erklärt Vehlow. Um Unfälle zu vermeiden, habe die VKU an einigen Bushaltestellen Sicherheitsringe auf dem Boden angebracht, die so breit sind wie die Fahrplankästen. „In Werne gibt es 13 oder 14 dieser Sicherheitsringe“, berichtet Heidemann. 

Ein weiteres Problem, das es nicht nur in Werne an vielen Stellen gibt: die Bordsteinhöhe an Fußgängerampeln und Zebrastreifen. An der kollidieren die Bedürfnisse verschiedener Gruppen. Für Rollstuhlfahrer oder Nutzer von Rollatoren sei eine Nullabsenkung am besten – also kein spürbarer Übergang zwischen Bürgersteig und Fahrbahn. Für Blinde sei eine Bordsteinhöhe von zehn bis zwölf Zentimetern ideal. „Das ist mit dem Langstock gut zu ertasten“, erklärt Vehlow. Optimal wäre es deswegen, nur einen Teil des Bordsteins ganz abzusenken (Foto). 

Auch in öffentlichen Gebäuden gebe es Nachholbedarf. „Es gibt aufklebbare Blindenleitsysteme für Gebäude“, sagt Vehlow. Mit deren Hilfe könnten Sehbehinderte beispielsweise leichter Aufzüge oder Toiletten in den Gebäuden finden. Bisher sind sie meist auf die Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter angewiesen. „Die ist in Werne groß“, betonen Börste und Heidemann. 

Vehlow kennt es auch anders: „Da vorne“ sei für einen Blinden einfach keine hilfreiche Antwort auf die Frage nach einem Fahrstuhl. Problematischer findet er aber etwas anderes. „Die Welt wird immer visualisierter. Alles ist immer mehr aufs Sehen eingestellt.“ 

„Die meisten sehen die Probleme eben nicht"

Ein Beispiel: Flaschenautomaten. „Bei den alten Automaten konnte man hören, wenn die Flasche zerquetscht wurde und man wusste, man kann die nächste einlegen. Außerdem konnte man die Knöpfe ertasten.“ Neuere Automaten dagegen haben oft einen Touchscreen und zeigen mittels Lichtsignal an, dass die nächste Flasche folgen kann. 

Er wolle den Planern solcher Systeme keinen Vorwurf machen. „Die meisten sehen die Probleme eben nicht, die Menschen mit einer Behinderung haben.“ Um so wichtiger sei Aufgeschlossenheit. Dazu gehöre auch, dass die Definition von Barrierefreiheit sich ändere. „Meist ist damit Barrierefreiheit für Menschen mit einer Gehbehinderung gemeint. Seh- und Hörbehinderte sind meistens außen vor“, so Vehlow. „Wir möchten kein Mitleid“, betonen die Drei. 

Wichtig sei es aber, dass alle Menschen über ihren eigenen Tellerrand hinausblickten.

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