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Blick ins Archiv: Als es für Werner Bäcker die "Brottaxe" gab

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Symbolbild

Werne – Die Getreideernte ist seit einigen Wochen abgeschlossen. Für Brotgetreide melden Verbände und Institute durchschnittliche Erträge. Vor etwa 200 Jahren, besonders in den Anfangsjahren der preußischen Herrschaft über das Rheinland und Westfalen, gab es dagegen Missernten und als Folge davon Brotknappheit und entsprechende Teuerungen. Ein Blick ins Archiv. 

Von der allgemeinen Gewerbefreiheit, die die Epoche der Zünfte ablöste, waren die Bäcker deshalb ausgenommen. Der preußische Staat griff durch eine gesetzliche Regelung der Brotpreise, der sogenannten Brottaxe, in den freien Wettbewerb ein. Im Werner Stadtarchiv zeugt eine Akte, die etwa 150 Dokumente enthält, von den Problemen, die es im Zeitraum von etwa 40 Jahren um die sogenannte Brottaxe und die Bäcker in Werne gab. 

Unter den Schriftstücken findet sich der einfache Schriftverkehr zwischen den Werner Bäckern und den Werner Bürgermeistern oder dem Magistrat. Auch mehrfache Anweisungen der damaligen preußischen Bezirksregierung in Münster und des Landrates an die Werner Bürgermeister bezüglich der Brottaxen sind erhalten.

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Im Jahre 1828 lässt beispielsweise der damalige Werner Bürgermeister Maybach folgendes öffentlich bekanntmachen: „Es ist die Einrichtung getroffen, daß die hiesigen Bäcker vom 1ten Januar künftigen Jahres an nach einer von ihnen angegebenen Taxe und Gewichte ihr Brod verbacken, diese Taxe selbst aber in ihren Bäckerläden öffentlich aushängen müßten, damit jeder Käufer sehe, wieviel Gewicht ihm für sein Geld verabreicht wird. Es wird dieses dem Publikum bekannt gemacht, mit der Aufforderung, jedesmal dasjenige Brod, welches das bestimmte Gewicht nicht hat, auf dem Polizey Amte abzugeben, um den betreffenden Bäcker zur Bestrafung zu ziehen.“ 

Als die Versorgung der Bevölkerung mit Brot immer kritischer wurde, schrieb der Magistrat der Stadt Werne den Bäckern ab dem Jahre 1843 das Gewicht und den Preis der jeweiligen Brotsorten, die sie zu backen hatten, vor. Nach der Missernte von 1846 war es kaum noch möglich, die Menschen, auch nur notdürftig, mit Brot zu versorgen. 

Als sich in den wachsenden Städten des Ruhrgebietes erste Zeichen örtlicher Revolten zeigten, schaltete sich 1847 Preußens König Friedrich Wilhelm mit einem Schreiben an seine Minister persönlich ein. Diese leiteten den Brief als Kopie an alle Bürgermeister der damaligen Monarchie weiter. 

Die Bekanntmachung über die Selbsttaxen der Bäcker im Oktober 1855.

In unserem Stadtarchiv ist dieser Brief ebenfalls erhalten. Darin gibt seine Majestät, der König, eine seltsame Weisheit von sich: „Da die Erfahrung lehrt, daß frischgebackenes Brod weniger nahrhaft ist, als älteres, die gegenwärtige ungewöhnliche Theuerung der Brodfrüchte aber den möglichst sparsamen Gebrauch derselben zur Pflicht macht …“ Die Orts-Polizeibehörden wurden daraufhin ermächtigt, von Anfang Mai bis Mitte August den Verkauf frisch gebackenen Brotes zu untersagen. 

Diese gut gemeinte königliche Vorschrift konnte die schlechte Versorgungslage nicht merklich verbessern. Es folgte die sogenannte Märzrevolution von 1848, die unter anderem durch die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung hervorgerufen wurde. Weil sich die Situation in den folgenden Jahren etwas verbesserte, durfte ab 1854 jeder Werner Bäcker seine eigene Brottaxe festlegen. Er musste sie aber öffentlich an oder in seinem Verkaufsraum zeigen. Die polizeiliche Überwachung des Brotgewichtes dagegen blieb erhalten. 

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entspannte sich die Lage bei langsam steigenden Ernteerträgen. Durch die Erkenntnisse bezüglich der Düngung der Pflanzen mit Mineraldünger und die Arbeitserleichterungen durch wichtige Erfindungen in der gesamten Landtechnik vervielfachten sich die Ernteerträge in der folgenden Zeit. 

Damit erübrigte sich allmählich die amtliche Festsetzung des Brotpreises und die Brottaxe fand damit ein Ende.

VON BERTHOLD OSTROP

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