Eine Abfalltechnikerin erklärt

Klimaschutz beginnt beim Joghurtbecher: Wann Recycling funktioniert – und wann nicht

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Werne - Die Müllproblematik hat einen festen Platz in der Klimadebatte. Zurecht, sagt Adelheid Hauschopp-Francke. Die Abfalltechnikerin leitet in Werne zusammen mit ihrem Mann Gerd Francke den Recycling- und Entsorgungsbetrieb RCS. Sie sieht die Klima-Diskussion aktuell in eine falsche Richtung laufen. „Die Menschen sind überfordert“, sagt Hauschopp-Francke. Aufklärung sei gefragt – vor allem, wenn es um Recycling gehe.

Bei RCS stapelt sich das Plastik. Der Betrieb in Werne recycelt PET-Getränkeflaschen und verkauft den aufgearbeiteten Kunststoff anschließend zur Wiederverwertung im Non-Food-Bereich. „Wir können im Alltag nicht mehr ohne Kunststoff zurecht kommen“, sagt Adelheid Hauschopp-Francke. Vielmehr müsse die Frage im Vordergrund stehen: Wo ist Kunststoff sinnvoll? Im Gespräch mit der Redaktion hat die 55-Jährige erklärt, worauf es beim Recycling ankommt – und mit welchen Tricks jeder dazu beitragen kann, dass das System ökologisch und ökonomisch sinnvoll funktioniert. 

Praktikable Beispiele statt Verbote 

„Nachdem in den vergangenen Jahren eine Sensibilität für das Thema geschaffen wurde und die Menschen mittlerweile auch den Klimawandel sehen, ist es jetzt an der Zeit, praktikable Dinge zu nennen“, sagt Hauschopp-Francke. Damit meint sie konkret: Die Menschen müssen nicht auf alles verzichten, sondern an die Recyclefähigkeit der Produkte denken. Dazu nennt die Abfall-Expertin zwei Beispiele:

  • Sektflaschen Sekt ist durch eine Glasflasche geschützt. Und das reicht auch, sagt Hauschopp-Francke. Trotzdem gebe es Firmen, die ihre Flaschen mit einem Kunststoffüberzug versehen – nur für die Optik. „In dem Moment, wo man diese Flasche kauft, ist weder das Glas noch der Kunststoff recycelbar“, erklärt Hauschopp-Francke. Wirft man eine solche Flasche in den Altglas-Container, wird die Abfall-Sortieranlage nur den Kunststoff erkennen, aber nicht recyceln, da er an der Flasche sitzt – die Flasche wird aussortiert und nicht recycelt. „Das ist Umweltverschmutzung“, sagt Hauschopp-Francke. Aber: „Wer soll das wissen?“
  • Joghurtbecher Der Becher besteht aus Kunststoff, der Deckel oft aus Aluminium. Viele Menschen reißen den Deckel eines Joghurtbechers nicht vollständig ab und drücken ihn nach dem Essen in den Becher. Dann geht der Becher – im besten Fall – in die gelbe Tonne. „Die Sortieranlage wird den Becher nur als Kunststoff identifizieren, das innen liegenden Aluminium kann die Anlage nicht erkennen“, erklärt Hauschopp-Francke.  Das Ende vom Lied: Das hinterher recycelte Kunststoff ist verunreinigt. „Einfach den Deckel abreißen, immer den Abfall trennen“, verdeutlicht Hauschopp-Francke den simplen Weg, unseren Abfall recyclefähig zu machen.

Wann Recycling gut funktioniert 

Recycling funktioniert am besten, wenn große Mengen des recycelten Stoffes vorhanden sind, erklärt Hauschopp-Francke. Dann erfülle es nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch einen Sinn. Denn die teuren Abfall-Sortieranlagen haben einen hohen Energieverbrauch. „Am sinnvollsten sind Monochargen“, sagt die Abfall-Expertin. 

Eine Monocharge ist ein Stoff, der alleine entsorgt wird. Beispiele: Altpapier, Altglas, Holz, Metall. „Hier funktioniert das Recycling sehr gut, weil die Stoffe als Monochargen erfasst werden.“ Glas beispielsweise könne fast ohne Qualitätsverlust neu produziert werden. 

Das Gegenteil: die Gelbe Tonne. Sie enthält verschiedene Arten von Kunststoffen sowie Metallen und auch andere Stoffe, die in dieser Tonne mitunter gar nichts zu suchen haben. „Im Gelben Sack ist zunächst einmal alles drin“, erklärt Hauschopp-Francke. Der Müll einer Gelben Tonne muss sortiert werden, bevor er recyclefähig ist. Je höher die Verunreinigung des Mülls, desto höher der Sortieraufwand und der Energieverbrauch – und desto höher am Ende der Anteil, der aussortiert und nicht recycelt wird. 

Eine Müllsortiermaschine für Kunststoffmüll: Infrarotkameras identifizieren Fremdstoffe und die Maschine sortiert diese aus.

„Nur circa 25 bis 30 Prozent der Gelben Tonne werden stofflich verwertet. Der Rest wird energetisch verwertet, das heißt, verbrannt, dies liegt daran, das der sortierte Rest einfach nicht die Qualität oder Quantität für das stoffliche Recycling hat“, erklärt Hauschopp-Francke. 

Eine traurige Bilanz, die allerdings nicht allein durch falsche Mülltrennung der Bürger oder etwa dem Joghurtbecher verursacht wird. Laut Hauschopp-Francke sind beispielsweise auch sogenannte Verbundverpackungen an der Verunreinigung des Mülls Schuld. 

Ein Beispiel: Fleischverpackungen aus dem Kühlregal im Supermarkt. Frischfleisch wird in Kunststoffschalen mit durchsichtigen Kunststofffolien verkauft – damit der Käufer sieht, was er später essen wird. Dazu kommt noch ein Tuch aus Kunststoff am Boden der Schale – damit der Saft des Fleisches aufgesaugt wird und nicht in der Schale herumschwimmt. Die Schale und das Tuch sind nach Angaben von Hauschopp-Francke Kunststoff. 

Was jedoch an der Fleischverpackung nicht recycelbar ist, ist die Folie. „Die Kunststofffolie wird noch einmal beschichtet, damit nicht so viel Sauerstoff durch kommt und sich das Fleisch länger hält“, erklärt Hauschopp-Francke. Und somit wird die Folie zu einem Verbundkunststoff – und ist nicht recycelbar. 

Und an dieser Stelle komme die Produktentwicklung ins Spiel, sagt Hauschopp-Francke. „Recycling ist dort nicht verankert.“ 

PET-Flasche – der Buhmann? 

Kunststoff ist der Buhmann unter den Verpackungsmaterialien. Und spätestens seitdem Jeder die Bilder vom Plastikteppich in den Weltmeeren gesehen hat, lautet der Appell von allen Seiten: Verzichtet auf Plastik. „Wir müssen uns aber fragen: Wo ist Kunststoff sinnvoll?“, so die Abfalltechnikerin. 

Die PET-Flasche beispielsweise grundsätzlich zu verteufeln, erscheint Hauschopp-Francke als zu einfach. Denn die Alternative – also Glasflaschen – habe nicht immer die bessere Umweltbilanz. „Glasflaschen sind sinnvoll, wenn sich der Abfüllort nah an dem Ort befindet, wo das Getränk getrunken wird“, erklärt die Abfall-Expertin. 

Die Stichwörter: Gewicht plus Transportweg. Auch bei Ein- und Mehrweg müsse ein Unterschied gemacht werden – der an dieser Stelle den Rahmen sprengen würde. 

Beim Recyceln entstehen Kunststoff-Flakes, aus denen neue Materialien hergestellt werden können.

Was allerdings fest stehe, so Hauschopp-Francke: „Das PET-Flaschen-Recycling ist das einzige Kunststoffrecycling, mit einer über 90 Prozent Recyclingquote. Aus den gebrauchten Flaschen werden wieder neue Produkte hergestellt. Dieser Kreislauf ist ohne Qualitätsverlust fast unendlich wiederholbar.“ 

Maßgeblicher Grund: Das Pfand-System. „Der deutsche Bürger war immer schon sparsam und will sein Pfand zurück. Deshalb bringt er die Flaschen zurück und sie können recycelt werden. Derzeit gibt es in Europa nur in den Niederlanden und in Skandinavien ähnlich erfolgreiche Pfandsysteme. 

Weitere europäische Nachbarn sind derzeit dabei, das System einzuführen – denn es ist sinnvoll und funktioniert“, sagt Hauschopp-Francke. Die Abfalltechnikerin weiß, wie undurchsichtig das Thema ist – und kann den Frust der Menschen bei der Müllproblematik sehr gut nachvollziehen. „Ich glaube, dass jeder gerne etwas tun würde. Aber dafür müssen die Menschen dann auch praktikabel informiert werden.“

Mit Müll kennt sich Adelheid Hauschopp-Francke aus. Mit ihrem Mann Gerhard Francke führt sie eine Entsorgungsfirma in Werne.

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