Apotheker klagen auch in Werne über Medikamenten-Engpässe

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Ursula Brinkmann-Trötsch mit ihrer letzten Packung „Berlosin“, einem starken Scherzmittel, das unter anderem Krebspatienten verschrieben wird.

Werne - In diesem Sommer waren zeitweise Sechsfach-Impfungen nicht lieferbar, die Babies im ersten Lebensjahr eigentlich standardmäßig bekommen. Momentan sind es Blutdruckmittel mit Wirkstoffen wie Metoprolol, die Apothekerin Nadine Markewitz ihren Kunden häufig nicht aushändigen kann.

„Früher waren es vor allem exotische Impfstoffe gegen Tropenkrankheiten, bei denen es eine längere Lieferzeit gab“, erzählt die Besitzerin der Gerstein-Apotheke in Stockum. Inzwischen seien es aber immer häufiger ganz normale Standardmedikamente, die nicht zu bekommen sind. Die Entwicklung ist nicht ganz neu: Schon seit einigen Jahren klagen Apotheker und Ärzte über Medikamentenengpässe. „Das Problem wird aber in den letzten Monaten immer akuter und nimmt immer größere Ausmaße an“, sagt Markewitz.

Mehr als 60 Präparate umfasst die Liste der Medikamente, die für die Christophorus-Apotheke in der Innenstadt aktuell nicht lieferbar sind. Darunter sind Mittel gegen erhöhten Blutdruck, aber auch solche, mit denen Psychosen behandelt werden können. „Gerade letzte Woche haben wir beim Hersteller nach einem bestimmten Präparat gefragt“, erzählt Inhaberin Ursula Brinkmann-Trötsch. Und obwohl sie und ihre Kollegen sich inzwischen an die Situation gewöhnt haben, schockierte die Antwort dann doch: „Anfang 2018“ hieß es bei dem Pharmakonzern zum wahrscheinlichen Liefertermin. Mit anderen Medikamenten sei nicht vor Ende des Jahres zu rechnen.

"Rabattverträge Auslöser für Lieferengpässe"

Für Brinkmann-Trötsch ist der Grund für die Lieferengpässe schnell gefunden: „Auslöser sind die Rabattverträge.“ Diese werden seit einigen Jahren zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen geschlossen. Die Idee: Die Krankenkassen verpflichten sich, oft für einen Zeitraum von zwei Jahren, ihren Mitgliedern für verschiedene Therapien nur Medikamente eines bestimmten Herstellers zu erstatten. Im Gegenzug zahlt die Krankenkasse für eben jene Medikamente einen vergünstigten Preis. Das bedeute aber auch, dass die Firmen – nach eigenen Angaben – einen höheren Kostendruck hätten und deshalb entweder genau die Anzahl Präparate produzierten, die sie wahrscheinlich absetzen werden, oder mehr und mehr Medikamente ins Ausland verkauften, wo die Gewinnmargen teilweise höher seien.

„Viele Kunden sind überrascht, dass das in Deutschland überhaupt möglich ist“, berichtet Nadine Markewitz aus ihrem Berufsalltag. Medikamentenmangel – das klingt für viele wohl eher nach „Dritter Welt“ als nach hochentwickeltem Industrieland. Doch dieses Industrieland hat neben den Vertragsstrukturen noch ein zweites Problem, da sind sich Markewitz und Brinkmann-Trötsch einig: Auch die Pharmafirmen produzieren zunehmend im Ausland – und dort stimmt häufig das Qualitätsmanagement nicht. Schnell werden dann ganze Produktionschargen zurückgerufen. Bei Medikamenten, die sowieso schon Mangelware sind, kommt die Versorgung dann schonmal komplett zum Erliegen.

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