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Für "Albatros" war keine See zu groß - die Geschichte eines Seemanns aus Werne

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Von: Oskar Köppen

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Miniaturschiffe, Fotos, Logbücher: Albert Steinkes Haus ist voll mit Erinnerungen an seine Zeit als Seefahrer. Der heute 81-Jährige ist in Werne aufgewachsen. Sein Zuhause war aber schon immer die See – und dort hat Steinke so manches Abenteuer erlebt. © Köppen

Werne - Wellenberge, Meeresluft und Wasser bis zum Horizont – Bilder, die mit Werne so gar nicht zusammenpassen wollen. Doch ein richtiger Seemann sehnt sich danach, egal wo er geboren wird. Albert Steinke ist so jemand. Aufgewachsen in der Lippestadt, hat er in seinem Leben beträchtliche Teile unseres blauen Planeten besegelt.

Albert Steinke, von seinen Segelkumpanen noch immer „Albatros“ genannt, besteigt kein Boot mehr. Seine Segelzeit ist vorbei, das Alter erlaubt keine weiteren Fahrten. Heute sitzt er bei seiner Frau Elisabeth im eigenen Haus, mit weißem Seebärenbart, umgeben von Miniaturschiffen und alten Fotos. 

„Ich habe die Erinnerungen“, sagt Steinke, „und die sind so gewaltig, dass ich gar nicht mehr losfahren brauche.“ Steinke wird am 23. Mai 1938 in Werne geboren. Mit seinen Eltern und seiner Schwester wächst er in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Bellingheide auf. 

„Wenn mein Vater im Fernsehen ein Schiff gesehen hat, hat er geweint“

Die Lust an der Welt und der Drang zur See wohnen in Steinke seit er denken kann. Als Jugendlicher radelt er erst zum Boden-, dann zur Nordsee. Damit hatte er schon mehr von der Welt gesehen als seine Großmutter in ihrem ganzen Leben. ´

Diese Neigung kam nicht von ungefähr: Schon Steinkes Großvater aus dem damaligen pommerschen Stabitz, unweit Wernes heutiger polnischer Partnerstadt Walcz, fischte im dortigen See, kam aber der Arbeit wegen ins Ruhrgebiet. Dessen Söhne, allen voran Steinkes Vater, wurden Seefahrer mit Leib und Seele. „Wenn mein Vater im Fernsehen ein Schiff gesehen hat, hat er geweint“, erinnert sich Steinke. 

Er selbst fasste, geprägt durch Persönlichkeiten wie den Erster-Weltkriegsseeoffizier Felix Graf von Luckner oder Johann Kinau alias „Gorch Fock“, schnell den Entschluss, es seinem Vater gleichzutun. Doch kam wenig Unterstützung dafür aus dem Elternhaus; Steinke: „Seemannschaft und Familie passen nicht gut zusammen.“ 

Steinke selbst schaffte es aber, seine Leidenschaft mit dem Beruf und der eigenen Familie zu vereinen: Zur militärischen und seemännischen Ausbildung im Wehrdienst kam eine Banklehre; lange Zeit war Steinke werktags Bankdirektor in Hamm, an den Wochenenden ging es aufs Wasser.

In Elisabeth „Betty“ Steinke hat er die richtige Frau für dieses Leben gefunden. Zwar sei sie, wie sie sagt, immer Strohwitwe gewesen, konnte aber gut mit dem Freiraum umgehen: „Was glauben Sie, warum ich so viele Hobbies habe?“ Während ihre drei Kinder gern mal mit Papa segeln gingen, blieb Betty Steinke lieber daheim – sie wird zu schnell seekrank. 

In Lissabon einen Bockum-Höveler getroffen

Auf seinem zweiten Törn, 1976 in Lissabon, lernt Steinke durch Zufall Theo aus Hamm-Bockum-Hövel kennen. Theo legte sich eine „Hallberg-Rassy“ zu – in Schweden gebaut, innen mit Mahagoni verkleidet, der Mercedes unter den Segelschiffen. 

Die beiden wurden Partner, von Theos Heimathafen Marina Wendtorf an der Kieler Außenförde befuhren sie die Ostsee und Skandinavien. Regelmäßig gewannen sie die „Sternfahrten“ der Kreuzerabteilung im Deutschen Segelverband, wo die Gespanne mit den kürzesten Hafenaufenthalten und längsten motorlosen Segelzeiten ausgezeichnet wurden. 

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Eine Logbuch-Seite von einem Törn nach Tornio in Finnland erinnert Albert Steinke an seine Zeiten auf See. © Köppen

Dann der Bruch: Zu einem Törn von Kiel nach Almería brachte Steinke seinen DDR-Freund Arnold mit. Theo sah in Arnold einen Rivalen und kapselte sich ab – in Spanien komplimentierte er Albert und Arnold von seinem Boot herunter. Albert Steinke kennt solche Situationen, davor war er selbst schon einmal in der Rolle des „neuen Freundes“. 

Die Verletzlichkeit der Segelpartner liegt in der engen Beziehung begründet, die Segler untereinander eingehen. Denn auf dem Boot, wo jeder dem anderen rund um die Uhr durch die Intimsphäre stolpert, entstehen besondere Freundschaften. Steinke: „Ein Freund an Land bleibt nicht unbedingt ein Freund auf See.“ 

10-Meter-Segelboot von Florida nach Europa

Schon Mitte der 80er sammelte sich um den begeisterten Geschichtenerzähler Steinke eine neue Crew. Dreißig Jahre lang segelten die acht Mann gemeinsam, in der Karibik oder in Mecklenburg. Mit zwei seiner Segelkumpanen, Günter und Hannes, erlebte Albert Steinke die herausforderndste Fahrt seines Lebens. 

Der Auftrag: Die drei sollten ein 10-Meter-Segelboot von Fort Myers an der Westküste Floridas nach Europa bringen. Kurz vor Reiseantritt erlitt Steinke den ersten von zwei Schlaganfällen seines Lebens. Notgedrungen suchten sich Günter und Hannes einen anderen Skipper. 

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„Die Crew“ um Albert Steinke (rechts) und seine Kameraden Günter und Hannes (von links) hat schon so manche stürmische Fahrt auf See überstanden. © Köppen

Der machte aber schon bei der ersten Station, den Bermudas, schlapp. Steinke, gerade aus dem Krankenhaus entlassen, erhielt den Hilferuf seiner Freunde, schnürte seinen Seesack und machte sich auf den Weg. Vor den dreien: der Nordatlantik. Es folgte eine stürmische Überfahrt. 

Wasser stob durch die Luft, Matratzen durchnässten, keiner zog sein Ölzeug aus. Einmal galt es, einen Bruch am Achterstag zu reparieren, der das Segel nach vorn hin sichert. Ein andermal krachte der Wasserkessel auf die Funkanlage und ließ ungewiss, ob etwaige Notrufe zu den nötigen Stellen durchdringen würden. 

„Segeln unterscheidet sich sehr vom Leben an Land"

Eines Tages verkündete das GPS-Gerät, dass die drei im Kreis gefahren waren. Der Atlantik hielt genug Abenteuer bereit. Aber er konnte Steinke und seine Partner nicht brechen. Nach drei Wochen erreichten sie die portugiesischen Azoren. Steinke erinnerte sich, wie Günter, Hannes und er im Anschluss in der Kneipe beisammensaßen: „Wir hatten alle Tränen in den Augen.“ 

Nach diesem Höhepunkt seines Seglerlebens wurden die Törns weniger, kürzer und beschwerlicher. Steinke fiel es nicht leicht, kürzer zu treten, doch letztlich sah er es ein. Zur Goldenen Hochzeit 2016 unternahm er seine letzte Segelfahrt. Heute schwelgt er in Erinnerungen mit seinen Crewmitgliedern, die noch leben. 

„Meine Freunde sagen mir, sie wollen nichts von der Zeit missen“, so Steinke, „Segeln unterscheidet sich sehr vom Leben an Land – wer das noch nicht mitgemacht hat, kann es nicht verstehen.“

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