Eine ganz besondere Freundschaft

Mit der Milchflasche aufgezogen: Rehkitz Polly erobert die Herzen

Klingt normal, sieht aber komisch aus: Franka, Petra, Polly und Rut haben es sich auf der Couch bequem gemacht.

Polly und Petra sind echte Freunde. Mehr noch: Petra ist für Polly wie eine Mutter. Denn hat Petra hat Polly mit der Milchflasche aufgezogen. Alle drei Stunden gab es die nahrhafte Lämmermilch. Auch nachts. Was die Beziehung zu einer ganz besonderen macht? Polly ist ein Rehkitz, Petra eine Jägerin. 

Merklingsen – „Ich habe sofort ,Ja‘ gesagt“, erinnert sich Petra Woesthoff an den Beginn ihrer tierischen Liebe. Das war Mitte Mai. Damals hatte ein befreundeter Jäger angerufen und gefragt, ob sie ein etwa zehn Tage altes Reh aufnehmen könne. Die Mutter war kurz zuvor bei einem Verkehrsunfall gestorben. 

„Zuerst habe ich mich an die Zeit mit meinen vier Kindern erinnert als sie noch ganz klein waren“, sagt die Merklingserin über ihren neuen Alltag. Vor allem die kurzen Nächte mit ihren Drei-Stunden-Trinkrhythmen seien anstrengend gewesen. 

Doch Petra und Polly gewöhnen sich schnell aneinander, gelten bald schon als eingespieltes Team. Wer heute auf den Hof der Familie Woesthoff in Merklingsen kommt, reibt sich verwundert die Augen: Nicht wegen der beiden Dackel oder den Hühnern und Enten. 

Ein echtes Familienmitglied

Vielmehr ist es Polly, die sich inzwischen ziemlich gut eingelebt hat – und immer und überall mit dabei ist. „Wenn ich zu Hause bin, dann läuft sie hinter mir her“, sagt Petra Woesthoff. Sie „helfe“ beim Wäsche falten und sitze mit auf der Couch im Wohnzimmer. Ganz wie ein echtes Familienmitglied eben. „Manchmal liest sie auch den Soester Anzeiger“, schmunzelt Ersatzmama Petra. 

Dass Polly so gut auf den Hof passt, ist nicht selbstverständlich. Die beiden ausgebildeten Jagddackel hätten das Rehkitz auch ablehnen können. Doch das sei gar kein Problem gewesen, wundert sich Petra. 

Im Gegenteil: Liebevoll lecken die beiden das junge Kitz noch heute ab, fördern so nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Verdauung. Polly ist allen ans Herz gewachsen. Inzwischen bekommt sie abends gegen elf ihre letzte Flasche, morgens um sechs die erste. Tagsüber ist sie oft im Gehege mit den Hühnern und Enten. Wie es weiter geht mit Polly? 

Über den Winter bleibt Polly noch

„Ich hoffe, dass sie bei uns bleibt“, macht Petra Woesthoff aus ihrer Mutterliebe keinen Hehl. „Wenn wir sie aber doch wieder frei lassen, dann bekommt sie eine Ohrmarke.“ 

Petra ist selbst Jägerin. Ehemann Otto und Sohn Marc sind Jagdpächter in Merklingsen. Alle Nachbarreviere würden informiert, damit Polly in der Natur gute Chancen hat aufs Überleben. Aber das hat noch Zeit. „Über den Winter bleibt Polly jedenfalls noch hier“, sagt Petra. 

Das Rehkitz gehört schließlich längst zur Familie. Auch wenn es komisch aussieht. Und auch, wenn Polly Petras Welt als Jägerin gehörig ins Wanken gebracht hat. „Ob ich es überhaupt noch übers Herz bringe, einen Bock zu schießen, das weiß ich nicht“, sagt sie mit Blick auf das kleine Kitz, das in der Küche gleich hinter ihr steht und aufmerksam zuhört. 

Pollys Blick jedenfalls ist eindeutig. Was er sagt? Auf Familienmitglieder schießt man nicht.

Quelle: Soester Anzeiger

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