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Nach Nazi-Provokation: So reagieren Vereine und Parteien

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Von: Holger Strumann

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„Bunt statt braun“ stand auch auf dem Banner, dass Unbekannte in Welver durch eine Nazi-Flagge ersetzt haben.
„Bunt statt braun“ stand auch auf dem Banner, dass Unbekannte in Welver durch eine Nazi-Flagge ersetzt haben. © Sandra Goerdt-Heegt

Nazis provozierten am Wochenende mit einer Aktion in Welver: Ein Plakat, das für Vielfalt in der Gesellschaft wirbt tauschten sie aus gegen eines mit NS-Symbolik. Der Aufschrei groß, die Diskussion teilweise schockierend. Das haben die demokratischen Kräfte in der Gemeinde nun vor.

Welver – Die Rats-Parteien und der Schützenverein Horrido wollen sich die Nazi-Provokation mit dem Totenkopf-Banner am Bahnhof nicht bieten lassen und sich auf ein gemeinsames Zeichen dagegen verständigen. Eine gute Idee könnte sein: Das zweite Schützen-Banner mit dem Slogan „Bunt statt Braun“, das bislang an der Börde-Halle hing, nun direkt vors Rathaus zu platzieren und somit ins Blickfeld der Öffentlichkeit am Markt.

In der Nacht zum Samstag hatten Unbekannte ein solches Bunt-statt-Braun-Transparent, das am Bahngeländer angebracht war, gestohlen. Mit dem Banner wollten die Schützen Farbe bekennen gegen Rassismus und für Toleranz in der Gesellschaft. Für die Vermutung, dass Neonazis hinter dem Diebstahl stecken, spricht vor allem die Fahne mit dem SS-Totenkopf-Symbol, die in derselben Nacht an derselben Stelle aufgehängt worden ist. Die Polizei ermittelt gleich in doppelter Mission gegen die Handlanger: wegen Diebstahls und der Verbreitung verbotener Nazi-Symbole (siehe Infokasten).

Auch Zustimmung in Kommentaren

Die Anzeiger-Berichterstattung hat bei Facebook vielfache Reaktionen ausgelöst. Doch nicht alle empören sich über die Aktion, manche Einträge zeugen auch von Zustimmung und klammheimlicher Freude. „Wo bekommt man so eine Flagge her?“, erkundigt sich etwa Michael F. und fügt hinzu, die Frage stelle er angeblich nur „für einen Freund“. Thomas S. empfiehlt dem Schützenverein, künftig auf „politische Agitation“ zu verzichten und sich lieber dem „heimischen Brauchtum widmen“. Und Danne L. äußert Verständnis für die Totenkopf-Botschaft: „Die Leute haben halt die Schnauze voll von Ideologien wie der Regenbogen tutti frutti Idioten.“

Bürgermeister Garzen: „Das hat in Welver nichts zu suchen“

„Das geht gar nicht und hat in Welver nichts zu suchen!“ Bürgermeister Camillo Garzen ist empört, dass Unbekannte am Wochenende das Banner des Schützenvereins „Horrido“ mit der Aufschrift „Bunt statt braun“ entfernt und durch eine Totenkopf-Flagge ersetzt hatten, die an Symbole der SS in der Nazizeit erinnerte. Gleich nach Bekanntwerden der Untat hatte sich Garzen mit den Schützen in Verbindung gesetzt. „Ich habe Verständnis, dass sie ihr zweites Plakat jetzt erst einmal sichern wollen“, kann er nachvollziehen, dass das zweite Banner von „Horrido“ am Sportplatz erst einmal abgehängt worden ist.

„Wir werden diese Aktion nicht hinnehmen, werden den Tätern keine Bühne bieten“, kündigt der Bürgermeister eine mit den Vertretern aller Parteien und Fraktionen angestimmte Antwort an, die schon gestern Abend auf der Tagesordnung einer ohnehin anberaumten Zusammenkunft werden sollte. „Wir werden ein klares Signal setzen, lassen uns nicht von unserem Kurs abbringen.“ Ein spezielles Problem von Welver in Sachen Rechtsradikalimus sieht Garzen nicht. „Solche Vorkommnisse gibt es leider überall, nicht nur in Welver“, erinnert er daran, dass es in seiner rheinländischen Heimat schon einmal notwendig geworden war, Aktionen gegen den Rechtsradikalismus zu starten.

Doch nicht minder groß ist die Empörung über die Neonazi-Aktion. „Ich kann nicht so viel essen, wie ich gerade kotzen möchte“, erklärt Kay Lucky S. „Auffallend viele Nazi-Köppe hier unterwegs“, stellt Juli W. fest. Chris G. gar findet: „War schon immer so in Welver.“

Einige Schreiber indes halten überhaupt nichts von den Reaktionen und der Berichterstattung, man bereite den „Idioten“ nur unnötig eine Bühne. Genau in dem Dilemma steckt auch der Schützenverein, sagt sein Kommandeur Stefan Pake. Natürlich wolle „Horrido“ den Rechten keine Plattform bieten, aber einfach klein beizugeben oder darüber hinwegzusehen und es zu verschweigen, sei „genau so falsch“. Pake will sich deshalb mit anderen Vereinen und der Politik austauschen, wie in Welver mit solchen Tendenzen am besten umzugehen ist.

Den Hinweis, Schützen sollten sich nur ums Brauchtum kümmern, weist der Kommandeur zurück: „Wir dürfen durchaus unsere Meinung äußern und über den Tellerrand hinausschauen, dafür leben wir in Deutschland.“

Nicht der erste Vorfall in Welver

„Es ist ja nicht das erste Mal“, sagt FDP-Fraktionschefin Monika Korn. Erst im vergangenen Jahr sei der Bahnhof mit unsäglichen Flyern zugeworfen worden. Die unappetitliche braune Soße darin sei den meisten übel aufgestoßen. Auf die Frage, was sie über die rechte Szene in Welver weiß, muss Korn passen: „Man kennt keinen persönlich.“ Immerhin habe sie schon mal einen jungen Kerl in der Fußgängerzone angesprochen, der ein T-Shirt mit Nazi-Parolen offen zur Schau trug. Auf ihre Frage „Geht’s noch?!“ habe sie nur ein breites Grinsen zur Antwort bekommen, so die Ratsfrau.

Wichtig sei jetzt, dass alle Kräfte im Gemeinderat an einem Strang ziehen, sagt Korn. Es werde Zeit, das Thema im Rat anzusprechen und nicht länger auszublenden. CDU-Fraktionschef Michael Schulte bewegt sich auf derselben Linie: „Es soll eine gemeinsame Erklärung geben.“

Totenkopf

Das Totenkopf-Symbol, das Unbekannte ans Bahngeländer gehängt hatten, war in der Nazi-Zeit das Erkennungszeichen der SS-Division „Totenkopf“. Der Frontverband hatte im Krieg unter anderem den Auftrag, die Konzentrationslager zu betreiben und zu bewachen, also den millionenfachen Mord an den Juden zu organisieren. Auf Wikipedia heißt es dazu: „Die SS-Division zählte zu den „Eliteverbänden“ des deutschen Heeres und war eine stark vom Nationalsozialismus geprägte Frontdivision der Waffen-SS, deren Fanatismus sich auf ihren ersten Kommandeur Theodor Eicke zurückführen ließ.

So ging beispielsweise das erste Kriegsverbrechen der jungen Waffen-SS (1940) auf Angehörige der SS-Totenkopf-Division zurück. Aber auch in den Folgejahren war diese Division durch eine besonders rücksichtslose Kriegsführung gekennzeichnet und an mehreren Kriegsverbrechen aktiv beteiligt.“ Die heutige Verwendung des Totenkopf-Truppensymbols ist strafbar.

SPD-Fraktionschef Udo Stehling hatte die Totenkopf-Geschichte gleich nach Bekanntwerden am Samstagnachmittag nicht gleichgültig gelassen. Er schickte den Ratsmitgliedern (aller Parteien) eine WhatsApp-Nachricht, den Vorfall nicht auf sich beruhen zu lassen. Die Antworten waren eindeutig: „Eine gute Idee“, hieß es da und „viele Daumen hoch“. Von Stehling stammt auch der Vorschlag, das zweite, bislang nicht gestohlene Bunt-statt-Braun-Transparent von der Schützenhalle weg jetzt direkt vors Rathaus zu hängen. Dort würden es viele sehen, dort erfülle es die Botschaft: Hier steht gerade eine ganze Gemeinde auf.

Keine Erkenntnisse über braune Szene

Aber auch Stehling muss passen, wenn man ihn nach Erkenntnissen über eine braune Szene in Welver befragt. Er kennt niemanden, den er mit den Neonazis in Verbindung bringen würde. „Wenn ich es wüsste, wäre ich der Erste, der es der Polizei meldet.“

Der SPD-Fraktionschef würde auch selber gern das Gespräch mit den Akteuren der Nacht-und-Nebel-Aktion suchen, um sie im besten Fall davon zu überzeugen, dass sie auf dem Holzweg seien. So aber bleibe nur als erste Reaktion: „Das macht mich unheimlich traurig und wütend.“

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