Trotz Lockdowns

Jeder Fünfte geht in Welver eben doch zur Schule

Corona-Lockdown: Honkamp-Schule Welver Schüler holt sich Hausaufgaben ab
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Holen und Liefern: Elian hat sich seine Klarsichthülle mit den Lernblättern und Aufgaben aus der Box gepickt. Zuvor hat der Schüler seine fertigen Hausaufgaben in die Box gelegt, damit nun sein Lehrer sie begutachten kann.

Die Schulen sind geschlossen und sollen es noch bis Mitte Februar bleiben. Doch die Top-Botschaft dieser Woche bildet nur die eine Seite der Medaille ab. Tatsächlich kommt jedes fünfte Kind weiterhin in die Grundschule, um hier betreut zu werden und zu lernen.

Welver – Die Lehrerinnen und Lehrer in der Bernhard-Honkamp-Schule haben gerade im Lockdown mehr denn je zu tun, allen gerecht zu werden. Wir haben uns dort einmal umgehört

.Die Schulen sind geschlossen und sollen es noch bis Mitte Februar bleiben. Doch die Top-Botschaft dieser Woche bildet nur die eine Seite der Medaille ab. Tatsächlich kommt jedes fünfte Kind weiterhin in die Grundschule, um hier betreut zu werden und zu lernen. Die Lehrerinnen und Lehrer in der Bernhard-Honkamp-Schule haben gerade im Lockdown mehr denn je zu tun, allen gerecht zu werden. Wir haben uns dort einmal umgehört.

Nicht jeder hat einen Drucker

Da fallen sofort die Tische auf, die unterm Abdach vor der Schule stehen. Auf ihnen liegen Klarsichthüllen mit den Namen der Erst- bis Viertklässler. Wer zu Hause im sogenannten Distanzunterricht lernt, bekommt einmal die Woche sein Päckchen mit Arbeitsblättern, Anregungen und Hausaufgaben. Damit erst gar kein Geknubbel vor den Tischen aufkommt, ist für jede Jahrgangsstufe der Tisch an einem anderen Wochentag gedeckt, erläutert Cornelia Plaßmann, die Leiter der Welveraner Grundschule. Doch die Eltern (manchmal auch die Schüler selber) holen nicht nur, sie liefern auch: Die ausgefüllten Arbeitsblätter, die von den Lehrern begutachtet werden.

Natürlich geht es auch elektronisch: Wer verlässliches Internet, vor allem aber, wer einen PC und – noch wichtiger) einen Drucker hat, bekommt die Materialien aus der Schule online zugesandt und schickt seine Ergebnisse auch über die Leitung wieder zurück. Doch der elektronische Postweg kommt nur für die wenigsten in Betracht, schildert Plaßmann.

48 der 226 Welveraner Grundschüler können hingegen gar nicht oder zumindest an bestimmten Tagen nicht von zu Hause lernen. Die Eltern sind berufstätig oder haben sonst wie keine Möglichkeit, ihre Kinder zu betreuen und selber in die Ersatz-Lehrer-Rolle zu schlüpfen. Wie auch in Nicht-Corona-Zeiten öffnet die Schule für diese Kinder um 7.45 Uhr und geht mindestens bis 11.30 Uhr. Ist dann immer noch niemand zu Hause, schließen sich in der Honkamp-Schule die Mittags-Betreuung und die offene Ganztagsschule an, die bis weit in den Nachmittag reicht.

„Vormittags werden die Kinder in Jahrgangsgruppen betreut, ein Lehrer ist dabei“, berichtet die Schulleiterin. Da wird gelernt, da werden die „Haus“aufgaben erledigt, aber es wird auch gebastelt und gespielt.

„Kinder vermissen ihre Freunde“

Die Lehrerinnen und Lehrer halten derweil Kontakt zu ihren Schülern und Eltern, die zu Hause bleiben: Am Telefon, per Mail oder auch per Chat und Videokonferenz. „Es läuft, ich höre nichts Negatives“, sagt Plaßmann. Und dennoch: „Den Kindern fehlen ganz eindeutig die sozialen Kontakte; sie vermissen ihre Freunde aus der Schule.“ Es bedürfe „unglaublicher Kraftanstrengungen der Eltern“, dies wettzumachen und dem Alltag ordentlich Struktur und den Kleinen Halt zu geben. Schließlich lernen gerade die Jüngsten nicht allein nur durch bloße Wissensvermittlung, sondern über das Miteinander und die Gemeinschaft.

„Wir als Schule sind gehalten, nicht zu anspruchsvoll die Aufgaben fürs Lernen zu Hause zu gestalten“, meint Plaßmann. Eltern in diesen Wochen zu überfordern oder zusätzlichen Druck aufzubauen, wäre grundverkehrt. Gut möglich, dass am Ende des Schuljahrs nicht alle Lernziele erreicht würden. „Doch weniger ist hier mehr.“

„Sehr belastend für alle“

„Keine Frage, das ist eine harte Zeit, die für alle sehr belastend ist“, schätzt Winfried Ebert die Situation ein. Er ist Schulrat für die Grundschulen und hat somit den besten Überblick, was für die Sechs- bis Zehnjährigen alles getan wird und was dennoch fehlt. Den oft verbreiteten Vorwurf, die Schulen seien für diesen Ausnahmezustand nicht gerüstet, weist er zurück: Das möge in Teilen beim ersten Lockdown im vergangenen Jahr so gewesen sein, doch heute erlebe er „sehr stark engagierte Lehrer, die ihren Blick voll auf die Bedürfnisse der Kinder richten“. Speziell auf die, die sonst mangels Möglichkeiten zu Hause „hinten rüber fallen“ würden.

Ebert kennt sogar Grundschulen im Kreis, die ihre Sozialarbeiter in die Familien schicken, wenn die Lehrer den Eindruck gewinnen, es laufe in den Haushalten nur sehr schlecht. Langzeitschäden, wie sie bereits in dieser Woche von Experten und Verbänden prognostiziert worden sind, kann der Schulrat „nicht ausschließen“. Doch er ist sich sicher: Auch wenn die Lehrerschaft in diesen Wochen besonders gefordert sei, gehe sie zugleich „extrem motiviert“ an die Arbeit. „Grundschul-Lehrer sind so gestrickt, alles für ihre Kinder leisten zu wollen.“

Schulleiterin Plaßmann geht sogar noch einen Schritt weiter. Dem Kollegium, das sich auch nur begrenzt und auf Abstand begegnen kann, fehle beileibe nicht nur der Austausch untereinander: „Sie vermissen die Kinder.“

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