Ein Stück Gastronomie-Geschichte

Nach mehr als zwei Jahrhunderten: Wipker dreht den Zapfhahn hoch

Das Haus Wipker am Hellweg in Dinker steht zum Verkauf
+
Das Haus Wipker am Hellweg in Dinker steht zum Verkauf

Ein Kapitel in der Geschichte der Gastronomie in der Gemeinde Welver geht zu Ende. Das Haus Wipker schließt seine Pforten. „Wir hätten gern noch bis zum Jahresende weitergemacht, dann hätten wir genau 30 Jahre voll gehabt“, bedauert Norbert Ortmann. Doch die Corona-Zwangspause hat ihn und seine Frau Annegret die Reißleine ziehen lassen. Das Haus am Hellweg in Dinker steht zum Verkauf.

Dinker – „Es sind schon ein paar Tränen geflossen“, gesteht Annegret Ortmann ein. Der Entschluss ist gerade ihr alles andere als leicht gefallen. „Wir führen das Haus in der sechsten Generation“, erläutert die Tochter von Fritz Wipker, dessen Familiennamen das Haus seit dem Jahre 1802 trägt. „Die Geschichte der Gastronomie an dieser Stelle reicht sogar bis ins 17. Jahrhundert zurück“, haben Norbert Ortmann und seine Frau in den Annalen geblättert.

Damals trug die Gaststätte noch den Namen Riehs, seit mehr als zwei Jahrhunderten schließlich Wipker. Bis zum 2. Weltkrieg gab es auch noch eine Schnapsbrennerei, ehe die Kupferkessel abgegeben werden mussten, damit die Nazis daraus Kriegsgerät bauen konnten.

Nach dem Krieg war das Haus Wipker eines der ersten mit einem Fernsehgerät. Kein Wunder, dass sich die Leute 1954 im Saal und der Gaststätte vor der Flimmerkiste versammelten, um das Endspiel der Fußball-WM zu sehen. Tradition hatte auch das Rinderwurstessen während der Kirmes, als sich die Karussells auf dem Kirchplatz drehten. Bis Anfang der 80er-Jahre die Schützenhalle gebaut wurde, stand das Haus Wipker auch beim Schützenfest und Erntedankfest im Mittelpunkt.

Nach dem frühen Tod von Fritz Wipker stieg Tochter Annegret 1984 ins Geschäft ein, sie hatte inzwischen als ausgebildete Hotelfachfrau das Metier von der Pike auf gelernt. Sieben Jahre lang führte sie das Haus gemeinsam mit ihrer Mutter Elli, ehe sie mit ihrem Mann Norbert die Leitung übernahm.

Kulinarisch mehr als ein Geheimtipp

Im Gastraum und dem großen Saal war stets eine Menge los. Da gaben sich sonntags die Kirchgänger zum Stammtisch die Klinke in die Hand. „Einige kamen schon vor dem Gottesdienst“, muss Norbert Ortmann rückblickend schmunzeln. Auch der Sparclub, die Feuerwehr, der Schützenverein, die Landjugend, die Avantgarde, die Plattdeutsche Runde und die Landfrauen sorgten für Leben.

Freitags wurden die Knobelbecher hervorgeholt. „Die haben nicht selten um sieben Uhr abends angefangen bis um zwei in der Nacht“, war die Gaststätte über viele Jahrzehnte Treffpunkt für Jung und Alt. Es wurden in den beiden Sälen Geburtstage, Polterabende, Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen gefeiert.

Kulinarisch war das Haus Wipker weit mehr als ein Geheimtipp. Als Küchenmeister sorgte Norbert Ortmann für Abwechslung auf der Speisekarte. Ob Spargel, Fisch oder Wild – von Woche zu Woche, von Monat zu Monat gab es immer wieder besondere Leckereien. Auch die Frühstücksangebote fanden großen Zuspruch, ebenso der Partyservice.

Doch die Dinkeraner Wirtsleute mussten im Laufe der Jahre auch erleben, wie sich ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen hat. Die Vereine hatten ihre eigenen Räumlichkeiten. Abends in die Kneipe zu gehen oder auch sonntags nach der Kirche war immer seltener angesagt.

Corona beschleunigt Abschied

Daher zeichnete sich schon lange vor Corona ab, dass es kaum eine siebte Generation der Familie im Haus Wipker geben würde. Die Töchter hatten sich für andere berufliche Wege entschieden. „Ulrike ist im Schwarzwald, arbeitet als Sales-Managerin im Europa-Park Rust“, erzählt Annegret Ortmann. Und Stephanie ist als Bankkauffrau in der Automobilbranche tätig. „Sie haben als Kinder gesehen, wie wir gearbeitet haben“, so die 67-Jährige, die nie Buch geführt hat über die Wochenarbeitszeit.

Daher war für die Wirtsleute ohnehin klar, dass Ende 2021 nach 30 Jahren Schluss sein sollte. Corona hat aber die Pläne über den Haufen geworfen. Mitte März wurde nach einer letzten großen Geburtstagsfeier auf Geheiß der Behörden der Schlüssel umgedreht. „Dabei wäre 2020 ein großartiges Jahr geworden, wir hatten so viele Buchungen“, berichtet Norbert Ortmann von vielen geplanten Feiern im Haus Wipker.

Doch daraus wurde nichts. Auch nach den Lockerungen im Sommer war kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht. „Wenn die Leute mit über hundert Leuten feiern wollten, doch nur 40, 50 hätten kommen dürfen, hätte es auch nichts gebracht“, so Norbert Ortmann. Das Restaurant zu öffnen, wäre angesichts der räumlichen Gegebenheiten auch schwierig geworden. „Wir hätten nur fünf, sechs Tische stellen können, um die Abstände einzuhalten“, ergänzt Annegret Ortmann.

Also reifte der Entschluss, überhaupt nicht mehr aufzumachen. „Wir hatten schon alle Verpflichtungen runtergefahren, die Behörden sind uns da sehr entgegengekommen“, ist Norbert Ortmann heilfroh, dass die bürokratischen Hürden überwunden werden konnten. „Wir sind ja noch gut dran im Vergleich zu vielen Kollegen, die tun mir echt leid“, weiß er als Kassierer des Werler Wirtevereins, dass es etlichen Gastronomen sehr schlecht geht.

Jetzt ziehen sich die Wirtsleute zurück, beziehen demnächst ihr Einfamilienhaus am Ahseweg, nur ein Steinwurf hinter der St. Othmar-Kirche. „Bis zu meinem 65. Geburtstag im Frühsommer wollen wir drin sein“, setzt der angehende Rentner darauf, dass bis dahin das Haus Wipker verkauft ist. „Ich würde mir wünschen, dass es junge Leute gibt, die auch in Zukunft einen gastronomischen Betrieb hier führen würden“, hegt Ortmann die Hoffnung, dass vor allem die hochwertige Einrichtung der Küche nach Corona wieder im Betrieb gehen wird.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.