Ende einer traditionsreichen Gaststätte in Welver

Küche bleibt kalt im Lindenhof in Nateln

Der Lindenhof hat die Pforten geschlossen.
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Der Lindenhof hat die Pforten geschlossen.

Nateln – Die Küche bleibt kalt im Lindenhof. Fast 30 Jahre lang rührte Zumreta Mrzljak in den Töpfen, jetzt heißt es Abschied nehmen für die 52-Jährige. Die Wirtin der beliebten Gaststätte an der Brunnenstraße in Nateln packt ihre sieben Sachen und verlässt Ende April ihre Wirkungsstätte, an der sie seit 1991 Gäste von nah und fern bewirtet hat. „Das fällt schon schwer“, stockt ihr Stimme, die Augen werden wässrig, eine Träne verschwindet hinter der Maske.

Auch ihr Sohn Suljo, wie sein Bruder Anel im Welveraner Ortsteil aufgewachsen, kann die Emotionen nicht verbergen: „Man kann es noch nicht richtig realisieren.“ Dabei zeigt der Blick in den Thekenbereich, dass die Familie mit bosnischen Wurzeln dabei ist, die Koffer zu packen. In den beiden Speiseräumen stapeln sich die Kisten mit Geschirr und Besteck, in der Küche sind einige Geräte schon abgebaut. „Meine Schwester führt auch ein Restaurant, sie kann davon was gebrauchen“, verweist Zumreta Mrzljak auf die enge familiäre Verbundenheit.

Bis Ende April muss das Haus geräumt sein, zu gern würde sie noch Abnehmer finden für das Inventar. Zu schade wäre es aus ihrer Sicht, wenn die Inneneinrichtung in den Containern verschwinden würde. Vor 30 Jahren hatte der kürzlich verstorbene Winfried Schröder die Sitzecken und Tische gefertigt. Der Handwerker aus Dorfwelver trug damals dazu bei, den Lindenhof aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken.

„Wir haben die Gaststätte 1991 gekauft, da hatte sie ungefähr zehn Jahre lang leer gestanden“, erinnert sich die scheidende Wirtin. „Die Tapeten hingen von den Wänden herab, überall lag Schutt herum. Im Keller haben wir erst einmal 40 Zentimeter ausgeschachtet, damit man darin stehen konnte“, haben sie und ihr Mann Husein die Ärmel hochgekrempelt.

Sie kamen mit gastronomischer Erfahrung nach Nateln, führten im Hammer Westen das „Dalmatija“ im Haus Schlepphege. Die in Duisburg-Marxloh aufgewachsene junge Mutter und ihr 1986 aus Bosnien eingewanderter Mann scheuten keine Arbeit. Ein halbes Jahr renovierten sie den Lindenhof von Grund auf, kurz vor Weihnachten 1991 öffneten sie die Pforten.

Es wurde ein riesiger Erfolg. Direkt an der L670 auf halbem Weg zwischen Soest und Hamm gelegen wurde „Pistolen-Willi“, so der Lindenhof in Erinnerung an einen früheren Wirt, zum beliebten Treffpunkt. Ob aus Hamm und Soest, Beckum und Ahlen, Meschede und Arnsberg oder natürlich aus Welver – die Gäste gaben sich die Türklinke in die Hand, schätzten auch das gemütliche Ambiente im Biergarten.

„Steaks liefen am besten“, plaudert Zumreta Mrzljak. Natürlich waren auch die jugoslawischen Spezialitäten wie Cevapcici und Raznici absolute Renner. Sie führte die Regie in der Küche, ihr Mann managte mit dem bis zu zehnköpfigen Personal den Service inklusive Theke. Sie genossen hohes Ansehen in Nateln: „Wir hatten tolle Nachbarn.“ Der Erfolg ließ zu, 2001 in der Hammer Martin-Luther-Straße mit dem „Hazienda“ ein zweites Lokal zu eröffnen, um das sich in erster Linie Husein Mrzljak kümmerte.

Doch ereilte die Familie 2012 ein Schicksalsschlag, er erkrankte schwer, verstarb anderthalb Jahre später. Da musste Zumreta Mrzljak das „Hazienda“ verkaufen, machte im Lindenhof in Nateln aber weiter. Dank der Unterstützung der inzwischen erwachsenen Söhne und der emsigen Servicekräfte lief der Lindenhof, auch Schwiegertochter Dajra half mit.

2019 aber orientierten sich die Brüder beruflich neu in Richtung Meinerzhagen. „Da hat uns ein Onkel einen guten Job vermittelt“, wechselten Suljo und Anel Mrzljak in die Autobranche. An den Wochenenden halfen sie weiter mit, doch allmählich wurde es für Zumreta Mrzljak arg viel.

Und dann kam Corona. „Vor einem Jahr haben wir entschieden, dass wir verkaufen werden“, fiel der Entschluss während des ersten Lockdowns. Im Sommer 2020 wurde zwar wiedereröffnet. „Da haben wir die Hälfte der Tische herausgenommen, alle Hygieneregeln beachtet mit Desinfektionsmitteln und so weiter“, betrieb die Lindenhof-Wirtin viel Aufwand.

Sogar beim zweiten Lockdown im November steckte sie nicht den Kopf in den Sand, aber: „Für sechs, sieben Essen am Abend lohnt es sich nicht, die Küche warm zu halten.“ Denn die Resonanz beim Außer-Haus-Service war überschaubar, schließlich ist Nateln von den umliegenden Städten nicht nur ein Katzensprung entfernt.

Nach Neujahr wurde der Herd endgültig stillgelegt. Ein Käufer für den Lindenhof war schnell gefunden, Ende Januar wurde der Vertrag unterschrieben. Damit endet auch die Geschichte der Gaststätte, denn der Käufer wandelt das Gebäude zu Wohnzwecken um. Zumreta Mrzljak wird Welver treu bleiben, zieht in ein Eigentum an der Ladestraße. Dabei will sie die Hände nicht in den Schoß legen. „Ich werde mir einen Job suchen, bin völlig flexibel. Ich bin das Arbeiten ja gewöhnt“, ist sie auch nach dem Auszug aus dem Lindenhof voller Tatendrang.

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