Familie Breuer aus Schwefe verzichtet seit einem Jahr weitgehend auf ein Auto

Vom Leben auf dem Land mit dem Fahrrad

Nadine und Jan Breuer sind mit ihren Kindern weitgehend nur noch mit dem Fahrrad unterwegs.
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Nadine und Jan Breuer sind mit ihren Kindern weitgehend nur noch mit dem Fahrrad unterwegs.

Jan Breuer liegt jeglicher missionarischer Eifer fern. „Ich will kein Idealbild verkörpern, vielmehr in einer Ideenbörse eine konstruktive Diskussion anregen“, betont der 35-Jährige. Der Sprecher der Grünen in Welver hat mit seiner Frau Nadine vor gut einem Jahr das Familienauto abgeschafft und nahezu vollständig aufs Fahrrad umgesattelt. Die Erfahrungen aus den ersten zwölf Monaten mit weitgehend konsequent zweirädriger Mobilität hat er nun auf der Homepage seiner Partei geschildert.

Welver - Vor zwei Jahren ist die junge Familie aus Castrop-Rauxel nach Schwefe gezogen. „Wir haben ein über hundert Jahre altes Haus gekauft“, schildert der Bildungsreferent beim BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), wie es sie in die Niederbörde verschlagen hat. Das Büro der Landesjugendgeschäftsstelle der Umweltorganisation ist in Soest angesiedelt, von Schwefe aus für Jan Breuer nur ein Katzensprung.

In den ersten Wochen erlebte er auf dem Weg ins Büro – das war noch vor Corona – sein blaues Wunder. Als Kind des Ruhrgebiets, das weitgehend im innerstädtischen Verkehr unterwegs war, wunderte er sich über die Fahrweise auf den Landstraßen: „Was ist denn hier los?“ dachte er sich nach den ersten Touren mit dem Drahtesel in die Kreisstadt. „Da wird mit hundert Sachen gefahren, wo eigentlich nur 30 km/h ratsam wären.“ Schnell entdeckte er Feldwege als Ausweichmöglichkeit.

Nach einem Jahr war die Kernsanierung des Hauses an der Schwefer Straße vollendet, das Auto stand fast nur noch am Straßenrand. „Das war eine teure Form der Verkehrsberuhigung“, stellten die Breuers fest, dass ihr Vehikel einige Autofahrer dazu zwang, ihre PS zu bändigen. Noch aber stand der Pkw vor der Tür. „Aus Bequemlichkeit sind wir dann doch schon noch mal reingesprungen, um was zu erledigen.“

Abschied vom Auto am 6. Mai 2020

Am 6. Mai 2020 aber wurde das Auto verabschiedet. „Wir sind vom Fahrrad überzeugt“, rüstete die junge Familie nach und nach auf das umweltfreundlichere Verkehrsmittel um. Vom BUND gab es – quasi als Dienstfahrzeug – ein Lastenrad, bei dem zwischen Lenker und Vorderrad ein große Box installiert ist. Damit werden seither die meisten Einkäufe erledigt.

Weitere Zweiräder wurden angeschafft, einige gebraucht, einige als E-Bike, wie auch das Lastenrad. Sonst würde es halt doch sehr mühsam, schwere Lasten im voll gepackten Rad von der Einkaufstour aus Welver oder Soest nach Schwefe zu befördern. Auch für den ältesten Sprössling gab es ein Rad mit elektrischer Unterstützung - bei allem Vorbehalt hinsichtlich der ökologischen Bedenken in Sachen Akku. So kann Leonhard mitradeln, wenn Mama und Papa in die Pedalen ihrer größeren Gefährte treten.

Geht es beispielsweise zum Bioladen in Soest, radeln die Breuers über den Sägemühlenweg gen Hattrop, von dort über die Beddekammer und den Oelweg zur Brückenstraße. „Da müssen wir ein kurzes Stück über die Hauptstraße. „Da kann es manchmal kritisch werden“, weiß Nadine Breuer aus Erfahrung. Nach wenigen hundert Metern aber ist der Eselsweg erreicht, über die Schendelerstraße geht es hinein nach Soest. Am Hammer Weg gibt‘s schon einen Radweg.

Mehr Kilometer sind es nach Welver. Hier erlebte die junge Familie, wie gefährlich Radfahrer bisweilen auf Landstraßen unterwegs sind. Auf der Anhöhe zwischen Klotingen und Welver ist es durch die Kuppe unübersichtlich. „Dennoch ist einer mit Vollgas an uns vorbeigebrettert, obwohl er gesehen haben muss, dass wir mit Kindern unterwegs sind“, schüttelt Nadine Breuer rückblickend noch verständnislos mit dem Kopf.

Seither nehmen die Schwefer Rad-Enthusiasten einen Umweg in Kauf. Von ihrem Zuhause geht es an den Kopfweiden vorbei zum Soestweg, ein kurzes – auch nicht ungefährliches Stück – über diese Landstraße zum Abzweig des Wirtschaftsweges nach Eineckerholsen. Aus dem Dorf heraus ist eine kurze Passage entlang der Kreisstraße zu fahren, ehe durch Einecke geht. „Da ist die Hauptstraße innerorts geradeaus, der Verkehr wird durch am Straßenrand abgestellte Fahrzeuge abgebremst“, schildert Jan Breuer diesen Streckenabschnitt.

Ab Obsthof Korn geht es durch die Felder, kurz vor Klotingen in Richtung Hohe Brücke. Nach dem Überqueren der Bahnlinie – auch hier ist eine Kreisstraße nicht zu vermeiden – nehmen die Breuers die Schotterpiste entlang der Bahn bis zum Erlei, ehe sie den Pferdekamp überquerend die Ladestraße und danach den Marktplatz mit den Einkaufsmöglichkeiten erreichen.

Helm ist obligatorisch

In Sachen Sicherheit ist dabei ein Helm obligatorisch, eine Warnweste ebenso. Gleichwohl wissen die Breuers, dass ihre Knautschzone überschaubar ist wie bei jedem Radfahrer. Eine Trennung von Auto- und Radverkehr nach holländischem Vorbild wäre das Ideal. In Welver ist es allenfalls rudimentär umgesetzt, am besten noch zwischen Scheidingen und Meyerich. Daher wollen die Breuers auch ihren Beitrag leisten bei der Diskussion über das Radwegenetz in der Gemeinde, das im Laufe des Juni im Rahmen einer online durchgeführten Bürgerbeteiligung Thema sein wird.

Der Sprecher der Welveraner Grünen, der sich diese Aufgabe mit Petra Maras teilt, sieht im angedachten Bau weiterer Radwege durchaus ein zweischneidiges Schwert: „Durch eine gebundene Fahrbahndecke würde Feld- oder Wiesenfläche verbraucht, da müssten andernorts Ausgleichsmaßnahmen geschaffen werden.“ Andererseits gibt es eben nicht überall Ausweichmöglichkeiten auf Wirtschaftswege.

Das gilt auch für die Route zwischen Schwefe und Borgeln, wo der Bahnhof ein idealer Anlaufpunkt für Radfahrer ist, wenn weite Strecken zurückgelegt werden müssen. „Wir brauchen kreative Lösungen“, schwebt Breuer eine Verbindung bestehender Wirtschaftswege mit neuen Radwegen vor. „Wenn die Straße breit genug ist, wäre auch eine Abtrennung eines Fahrstreifens für die Radfahrer möglich.“

Initiative für Tempo 30

Hilfreich für eine Reduzierung des Gefahrenpotenzials für Radfahrer, aber auch für Fußgänger, wäre aus Breuers Sicht eine Absenkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf bestimmten Streckenabschnitten. In Schwefe hatte er schon eine Unterschriften-Initiative gestartet, wurde aber durch Corona ausgebremst. „Wir würden uns generell Tempo 30 innerorts wünschen“, rannte er vor Corona im Dorf offene Türen ein. „Nur in einem Haushalt wurden wir abgewiesen.“ Nach Corona soll die Initiative wieder aufgegriffen werden.

Einstweilen gehen die Breuers ihren Weg weiter, lassen sich auch bei widrigen Witterungsbedingungen nicht vom Sattel werfen: „Dafür gibt es Regenkleidung.“ Gleichwohl sind sie nicht so puristisch, dass Autofahren gar nicht mehr in Frage kommt. „Als ich bei Ebay eine Spüle für unsere Küche gekauft habe, musste ich das Ding irgendwie aus Hemer hierher kriegen“, schilderte Nadine Breuer ein ganz praktisches Beispiel, wann sie auf Nachbarschaftshilfe in Form eines geliehenen Autos angewiesen war. „Wir sind in dem einem Jahr seit Abschaffen unseres Wagens vielleicht 20-mal mit einem Auto gefahren.“

Car-Sharing auf dem Dorf

In diesem Zusammenhang bringt die junge Schwefer Familie auch das Thema Car-Sharing ins Gespräch. „Auf einem Dorf wie Schwefe wäre vielleicht ein guter Standort“, geben sie einen Denkanstoß in diese Richtung. Derzeit gibt es in Welver nur im Zentralort ein solches Angebot. Zur verbesserten Mobilität im ländlichen Raum unter Verzicht auf das Auto könnten auch Bus und Bahn beitragen, verweist Jan Breuer unter anderen auf den Bürgerbus. „Da ist man zwar nicht sehr flexibel. Doch ein Einkauf lässt sich in einer Stunde erledigen, ehe der Bus wieder zu.

Die Bahn fährt ab Welver und Borgeln zwar um ein Vielfaches häufiger. Doch würde sich Jan Breuer wünschen, dass die Eurobahn sein Lastenrad mitnehmen würde. Das ist aber aufgrund der Größe des Gefährts nicht gestattet. „Es ist schon manchmal ein Abenteuer, eine kombinierte Rad- und Zugfahrt zu planen“, bedarf auch der Besuch bei der Verwandtschaft im Ruhrgebiet einer exakten Planung.

Einer Planung wie auch vor den Einkäufen; es passt eben nicht alles aufs Rad wie in den Kofferraum eines Autos. Mittels Listen wird genau gecheckt, was in die Boxen des Fahrrads passt und was nicht. „Manches passt dann einfach nicht mehr rein“, schildert Jan Breuer seine Erfahrungen auf der Hompage der Grünen.

Unterm Strich bleibt nach einem Jahr fast ohne Auto für die Familie Breuer aber die Erkenntnis, dass das Leben eine gewisse Entschleunigung erfahren hat. Auch der Kostenfaktor ist nicht von der Hand zu weisen. Ein Auto ist schon eine kostenintensive Angelegenheit; vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Privatwagen 95 Prozent ihres Daseins auf einem Parkplatz oder in einer Garage verbringen.

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