Transsexualer Welveraner fühlt sich fremd im eigenen Körper

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Weiteres Beispiel von Intoleranz gegenüber Transsexuellen: Norbert Lindner, heute Michaela Lindner, war von 1996 bis 1998 Bürgermeister von Quellendorf in Sachsen-Anhalt. Als er sich 1998 als transsexuell „outete“, leitete der Gemeinderat ein Abwahlverfahren ein. Noch heute werden Transsexuelle von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Matthias* wollte sich nicht fotografieren lassen. ▪

WELVER ▪ Ein Versteckspiel betreibt seit vier Jahren ein junger Welveraner. Im Alltag kennen ihn Familie, Freunde und Kollegen als Mann. Nach Feierabend zieht er in den eigenen vier Wänden Frauenkleidung an. Er ist transsexuell, möchte sich aus Angst vor intoleranten Mitmenschen jedoch nicht „outen“.

Von Dirk Osterholz

Langsam öffnet sich die Wohnungstür. Dahinter steht ein Hüne von fast zwei Metern. Mit festem Händedruck begrüßt er den Gast und führt ihn in die Küche. Als er sich auf dem Stuhl niederlässt, zieht er den Rock zurück, schlägt die Beine übereinander und wischt sich eine Strähne aus dem Gesicht. Der 32-jährige Matthias* aus Welver ist transsexuell. In seiner Freizeit trägt er Frauenkleidung.

Im Alter von 13 Jahren sammelte Matthias erste Erfahrungen mit dem Tragen von Frauenunterwäsche. „Da habe ich gemerkt, dass ich mich irgendwie mehr als Frau fühle, als als Mann. Doch damals habe ich das zunächst einmal als Phase abgetan“, erzählt der 32-Jährige, der sich inzwischen einen Frauennamen gibt.

In den Folgejahren führte er Beziehungen zu Frauen und hielt sein inneres Ich verborgen. Erst als er aus dem Elternhaus auszog, zog er in seiner Freizeit in den eigenen vier Wänden wieder Frauenkleidung an. „Ich lebe jetzt mein wahres Ich aus“, sagt Matthias. Bis heute führt er jedoch ein Doppelleben. Tagsüber ist er für Familie, Freunde und Arbeitskollegen der Mann. Wenn er abends nach Hause kommt, wird er zur Frau. „Bis vor vier Jahren hatte ich auch noch eine Beziehung mit einer „biologischen Frau“. Doch ich konnte das nicht mehr und habe ihr gesagt, dass ich mich als Frau fühle. Damit kam sie natürlich gar nicht klar und wir haben die Beziehung beendet“, erzählt Matthias.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Transsexualität als Krankheit klassifiziert (siehe Infokasten). Für Matthias ist dies unverständlich: „Wir tun doch niemandem etwas. Wir sind nicht pädophil oder bringen andere Menschen um. Die sexuelle Orientierung wird schon im Mutterleib bestimmt. Auf der anderen Seite muss man es rechtlich als Krankheit hinstellen, wenn man möchte, dass die Krankenkasse Teile der Kosten übernimmt.“

Doch will sich ein Transsexueller einer geschlechtsangleichende Operation unterziehen, muss er einen langen und steinigen Weg mit vielen Schikanen beschreiten. Zunächst muss er sich einem Psychologen anvertrauen, der ein Gutachten erstellt und ihn zu einem weiteren Psychologen schickt, der ebenfalls ein Gutachten erstellen muss. Danach muss der Transsexuelle ein Jahr lang als Frau leben, sowohl im Privatleben, als auch in der Öffentlichkeit. „Erst wenn man diese ,Bewährungsphase’ übersteht, kommt es zu weiteren Gesprächen mit Psychologen und es werden weitere Gutachten erstellt“, erklärt Matthias. Wenn der Transsexuelle dann immer noch die geschlechtsangleichende Operation will, darf er eine Hormontherapie beginnen. Ist diese abgeschlossen, müssen erneut Psychologen aufgesucht und Gutachten erstellt werden, bevor die Operation durchgeführt werden darf.

„Wenn man dann endlich einen weiblichen Körper hat, muss man noch mit den Gutachten und allen anderen Unterlagen zu den verschiedenen Ämtern und dort die Namensänderung für die Dokumente regeln“, erklärt Matthias den Prozess, der sich über bis zu sieben Jahre ziehen kann.

Häufig komme es vor, dass die operierten Transsexuellen nicht glücklicher mit ihrem neuen Aussehen seien, sagt er: „Ich weiß aus vielen Gesprächen und Chats, dass die Betroffenen nicht glücklicher sind. Sie haben zwar endlich den Körper, den sie haben wollen, doch meistens kommt das Umfeld nicht damit klar. Die Folge sind Depressionen, Drogenmissbrauch, bis hin zum Selbstmord“, sagt Matthias.

Er selbst hat auch schon schlechte Erfahrungen mit intoleranten Menschen gemacht. Eines Nachts traute sich Matthias als Frau vor die Tür. „Irgendwann haben mich ein paar Jugendliche gesehen und haben wohl auch gemerkt, dass ich ein Mann bin. Sie haben mich fast eine Stunde durch das Dorf verfolgt, ehe ich sie abschütteln konnte.“

Der Drang, auch als Frau nach draußen zu gehen, sei zwar weiter da, sagt Matthias, doch dafür müsse man weit weg fahren. „In Städten wie Berlin, Köln oder Hamburg sind die Menschen viel toleranter als hier auf dem Dorf“, sagt er. Doch auch in Hamm hat Matthias einen Modeladen und eine Bar speziell für Transsexuelle gefunden. „Das wäre eine Möglichkeit, mal raus zu kommen und Selbstvertrauen zu tanken“, sagt der 32-Jährige.

Eine geschlechtsangleichende Operation hat Matthias ausgeschlossen. „Ich werde meine Weiblichkeit auf meine Art hervorbringen. Ich habe entschieden, dass ich meinen Körper so lasse, wie er ist. Schließlich führt eine Operation nicht automatisch zum Glücklichsein. Warum soll ich mich freiwillig ausgrenzen, wenn die Gesellschaft Transsexuelle nicht akzeptiert?“

* Name und Alter geändert

Quelle: Soester Anzeiger

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