Denkmal-Serie

Direkt an der Autobahn: Brückenköpfe erinnern an Nazi-Bauprojekt

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Diese alte Autobahn-Brücke mit Fahrbahn befindet sich im Kettlerholz an einem Waldweg zwischen dem Friedhof in Kirchwelver und dem Dorf Dinker.

Welver – Heute liegen sie scheinbar sinnlos in der Gegend herum. Brückenköpfe und ganze Brücken teils mit Fahrbahn-Überquerung, die für ein Autobahn-Projekt der Nationalsozialisten in den späten 1930-er Jahren gebaut wurden

Ziel in Deutschland war war es ab 1926 gewesen, ein dichtes inländisches Autobahn-Netz zu flechten. Später griffen die Nazis die Pläne auf. Dabei spielte die „Strecke 77“, eine Linie Hamm – Kassel – Eisennach – Dresden als eine von zwei West-Ostverbindungen zwischen dem Ruhrgebiet und Schlesien eine wichtige Rolle.

Und diese Autobahn-Strecke sollte quer durch Welver führen. Die Reste der Bauwerke zwischen Rhynern und Berwicke liegen heute teils versteckt, teils offen und sind überwiegend von Grün überwuchert. 

Brückenreste an mehreren Orten

Offensichtlich werden die als Denkmal eingestuften Klötze für Passanten besonders im Buchenwald an der Landesstraße 747 zwischen Haus Galen in Dorfwelver und VW Gretenkort am Ortseingang von Welver, dann im Kettlerholz nördlich vom Friedhof in Kirchwelver und auf der Kreisstraße von Illingen nach Süddinker, wo die Fahrbahn direkt zwischen den Pfeilern hindurchführt.

Im Kettlerholz ist die Brücke samt Fahrbahn sehr gut erhalten. Zurzeit wird das Gelände als Lagerstätte von einem Bauern genutzt. Die Brückenteile sind die Überreste eines gewaltigen Plans aus dem frühen 20. Jahrhundert für die automobile Infrastruktur. Bis heute fristen die alten Brückenfragmente ohne ihren eigentlichen Zweck ihr Dasein, wuchtig, grau und lange haltbar. In der Tat sollten sie lange halten – 1 000 Jahre waren bekanntlich vorgesehen. 

Bauarbeiter mussten in den Krieg ziehen

Aber die irrwitzigen Kriegsanstrengungen Hitlers forderten für die Schlachten nach und nach alle Arbeitskräfte, die im sinnlosen Gemetzel aufgerieben wurden. Ruinen blieben zurück. Wenn sie tatsächlich zu Ende gebaut worden wäre, wäre Welver jetzt eine Gemeinde mit Autobahn-Anschluss und entsprechenden Emissionen.

An Brückenfundamenten, Dammschüttungen, ehemaligen Schneisen und Trassenvorbereitungen findet sich so einiges an Überresten, hauptsächlich zwischen der Autobahn 2 und Welver. Östlich von Welver verlieren sich ab Berwicke die Spuren. 

Anschluss von Rhynern in Richtung Schlesien

Die Autobahn sollte ursprünglich östlich von Soest die heutige Trasse der A 44 erreichen. Mehrere Brücken sollten im Bereich Hamm/Welver die Überquerung der Autobahn sicherstellen. Im Bereich Süddinker/Welver kann man mehrere Wiederlager sehen, auch die Brückenköpfe.

1938 wurden die Bauarbeiten an der „Strecke 77“ Hamm-Rhynern-Warburg, im Abschnitt Rhynern über Berwicke und Schmerlecke begonnen. Ziel war die Schaffung einer Verbindung der Industriezentren Ruhrgebiet und Oberschlesien. 1942 wurden die Arbeiten kriegsbedingt eingestellt. Bis dahin wurden mehrere Bauwerke und Streckenteile zum Teil oder ganz fertig gestellt.

Nach 1945 wurde die Trassenführung zugunsten der Trasse der heutigen A 44 verworfen. Die meisten Autobahnbauwerke sind noch heute unverändert vorhanden und stehen somit auch Forschungen zur Verfügung.

Ein Zeitzeuge lebt noch heute...

Heimatexperte Eberhard Arnd (95 Jahre alt, geboren 1924) erinnert sich im Zusammenhang mit dem Autobahnbau heute noch daran, ...

  • ... dass die Bauarbeiten wohl 1938 begonnen hatten.
  • ... dass die Baumaßnahmen den Firmen und auch den Welveranern schöne Einnahmen einbrachten.
  • ... dass die Trasse für die „Strecke 77“ bis zu 1,5 Meter tief ausgebaggert wurde und die Kinder hier im Winter Schlittschuhlaufen konnten.
  • ... dass es „Im Erlei“ einen Umschlagbahnhof gab, wo die Schlacke aus dem Ruhrgebiet für den Unterbau der Trasse von großen Waggons in Handarbeit mit Schüppen auf kleine Loren verladen wurde und dann mit zwei Lokomotiven zur Autobahn-Baustelle gefahren wurde. Die Bahngleise der Schmalspur sind heute noch im Asphalt im Erlei zu sehen.
  • ...dass bis nach Berwicke Schneisen für die Autobahn in den Wald geschlagen wurden, die noch heute erkennbar sind.

Quelle: Soester Anzeiger

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