Analyse

Die vier Bürgermeister-Kandidaten und was sie für Welver wollen

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Wen wählt Welver auf den Chefsessel im Rathaus?

Welver – Jetzt ist es offiziell: Die Welveraner haben im September die Wahl zwischen vier Optionen für ihren zukünftigen Bürgermeister. Vier Männer, viermal ganz eigene Vor- und Nachteile.

Die Äußerungen von Ex-Bürgermeister Hans-Peter Luck, der zumindest drei der Kandidaten scharf kritisiert und eine pointierte Lanze für Camillo Garzen gebrochen hatte, haben für eine Menge Wirbel gesorgt. Daher wird es Zeit für eine Analyse der Lage. 

Seit 18 Uhr ist die Frist für weitere Bewerber verstrichen. Einen fünften Anwärter auf den Chefsessel im Rathaus gibt es nicht – es ist ja auch schon spannend genug. Denn der amtierende Bürgermeister Uwe Schumacher bekommt es mit gleich drei Herausforderern zu tun, die gern seinen Platz an der Spitze der Gemeinde hätten. 

Uwe Schumacher (62)

 Uwe Schumacher geht als ältester Kandidat ins Rennen und hofft dabei auch auf den Amtsinhaber-Bonus, auf dem er sich aber nicht ausruhen möchte. Sein wichtigstes Ziel: der Aufbau der „neuen Mitte“ – Bahnhof, Schulquartier, Marktplatz. Zu den Hauptprojekten zählen aber auch Abwasserbeseitigung und Breitbandausbau. 

Er bezeichnet es „zweifelsfrei als Vorteil“, ohne parteiliche Unterstützung zu kandidieren – eine Lehre aus der Vergangenheit. Denn vor sechs Jahren wurden Schumacher die Erwartungen der Parteien, die ihm „ins Amt verholfen“ hatten, zum Verhängnis. Der finanziell und vom Aufwand betrachtet schwierigere Wahlkampf sei ihm die Unabhängigkeit wert. Dass ihn nach sechs Jahren keine Partei unterstützen will, spricht aber auch für fehlende Rückendeckung in der Politik. 

Die Neugestaltung der Ortsmitte einschließlich „Am Markt“ wollen alle Kandidaten angehen.

Zugute halten muss man ihm trotz einiger Fehltritte ( vermeintlicher Putzauftrag an Sekretärin, abgebrochene Hauptausschusssitzung, Versäumnis bei Ortsdurchfahrt Schwefe, deren Sanierung zunächst im Haushalt vergessen worden war), dass er in den vergangenen Jahren und in einer alles andere als dankbaren Amtszeit viel geschafft hat. Unter anderem die Ansiedlung von Rossmann im Ortskern und die Einführung des Bürgerbusses haben unter seiner Leitung geklappt. Auch der Brandschutzbedarfsplan und der Ausbau der Breitbandversorgung sind vorangekommen. Zudem sind die Weichen für einen neuen Bahnhof gestellt. 

Schumacher gibt zu, dass es neben diesen Erfolgen „nicht wenige Tiefschläge“ gab. In der nächsten Amtszeit fokussiere er daher eine konstruktivere Zusammenarbeit mit dem neuen Rat und der Verwaltung. Er sei bereit, die eigenen Ziele auch gegen den Widerstand einzelner Mandatsträger zu vertreten. 

Thorsten Teimann (52)

 Im Rat gab es zuletzt oft Streit, Schumachers Management wird von mehreren Seiten in Frage gestellt. Genau dieses Problem will Thorsten Teimann angehen. Er ist als einziger Kandidat ohne Verwaltungserfahrung die große Überraschung in der Wahl-Wundertüte, zudem das einzige Welveraner Urgestein, vor dem die Parteien mit Blick auf die Wahl Angst haben dürften. Er kenne nicht nur die Menschen, sondern auch deren Anliegen. Parteilos wirbt er mit dem Slogan „Mehr Heimatliebe für Welver“. Teimann weiß, wie man sich gut verkauft. 

Der Journalist will eine bessere Kommunikationsstruktur schaffen. „Natürlich sind City, Raiffeisen-Gelände und Bahnhof wichtig, die Leute wollen aber vor allem Harmonie im Gemeinderat.“ Das habe sich in den meisten Gesprächen gezeigt. Anzupacken sei besonders der Informationsfluss in den Ausschüssen – „nichts durchwinken, ohne die Bürger mitzunehmen, immer auch die Politik hören und Meinungen von allen Seiten abfragen“. 

Welver hat die Wahl: Wer wird Bürgermeister?

Er habe genaue Vorstellungen für Welver, will den Zentralort mit Themenmärkten beleben und so auch Gewerbetreibende locken. Er habe aber nicht nur Welver im Blick, sondern auch die Ortsteile: „Wir müssen zusehen, die Gemeinde zusammenzubringen.“ Konkret: Gemeindemeisterschaften im Sport, Fußball und Tennis sowie bei den Schulen. Außerdem hat Teimann vor, einmal jährlich eine Fahrradtour als Sternfahrt zu organisieren und damit die Orte vorzustellen. Radfahren sei in dieser Gemeinde wirklich lohnenswert. Verbessern soll sich auch die Öffentlichkeitsarbeit. Und um die richtigen Entscheidungen zu treffen, müsse man aus dem Ort kommen. Dass er nach 27 Jahren als Zeitungsredakteur „in dieses Haifischbecken springen“ möchte, findet er selbst mutig. „Auf der anderen Seite kann man nicht immer nur nörgeln, ohne etwas zu machen.“ Was die Wahl angeht, ist Thorsten Teimann sehr zuversichtlich. 

Skeptisch sind einige Welveraner aus zwei Gründen: Er ist der Bruder von Ingo Teimann, der bis 2014 Bürgermeister war. Das hat damals nicht optimal funktioniert. Thorsten Teimann hofft aber, dass das keine große Rolle spielt und die Leute trennen: „Wir sind zwei grundverschiedene Menschen. Wer uns kennt, weiß das.“ 

Zweitens mangelt es ihm an Verwaltungserfahrung, er ist absoluter Quereinsteiger. „Das kann man sich mit planerischem Weitblick und etwas Kreativität aber sehr schnell aneignen. Sozialkompetenz, gesunder Menschenverstand und Empathie sind entscheidend.“ 

Karl-Heinz Ricken (61)

Karl-Heinz Ricken, der für CDU und BG antritt, ist ein echter Verwaltungsfachmann, momentan Kämmerer in Bad Sassendorf. Er wollte 2014 Bürgermeister von Warstein werden, trat dabei für die SPD an. Kann er nun Welver repräsentieren, hat er dazu das nötige Charisma? Und warum eigentlich Welver? Er hatte schon viel Kontakt mit der Kommune. „Welver ist viel besser als sein Ruf und mir gefällt es hier“, sagt er. Wichtig sei ihm vor allem die Veränderung der Kommunikationskultur, er will offene, ehrliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Parteien. Die Verwaltung soll ein serviceorientiertes Unternehmen werden. 

Außerdem sieht Ricken Nachholbedarf bei der Infrastruktur. Zwei Themen, die ihm besonders am Herzen liegen: Schule und Lehrschwimmbecken. Seine Vision: ein Zentrum mit Grund- und weiterführender Schule sowie Lehrschwimmbecken – und zwar am Standort der früheren Hauptschule. „Die Bernhard-Honkamp-Schule ist dort, wo sie jetzt ist, derart beengt, das Lehrschwimmbecken extrem sanierungsbedürftig“, erklärt Ricken. Priorität habe aber auch eine Sache, die die Bürger am meisten interessieren dürfte: „Ich will keine höhere Steuerbelastung, denn die ist in meinen Augen jetzt schon an der obersten Grenze.“ 

Dass er als einziger Kandidat „von außerhalb“ kommt, weder in Welver wohnt noch arbeitet, sieht er als Vorteil: „Ich bin örtlich keinem Verein besonders zugetan und kann zudem politisch völlig neutral an die Sache herangehen – das hilft beim respektvollen Umgang.“ 

Camillo Garzen (51)

 Chancen hat auch Camillo Garzen, der in Welver arbeitet und die Gemeinde bereits gut kennt, seit Jahren eine Wohnung im Zentralort hat. Er sagt: „Wir müssen viele Sachen anstoßen in der nächsten Zeit. Grundsätzlich gilt es erst einmal, den ganzen Investitionsstau abzubauen, um dann die weiteren Schritte anzugehen.“ Er will nicht nur planen, sondern auch schneller umsetzen. Bestes Beispiel: der Rückstand bei der Bördehalle, für die er sich eine zeitnahe Lösung wünscht. Ebenso stehen Kindergartenplätze und die außerschulische Betreuung auf seiner Agenda. Der derzeitige Kämmerer geht von einer herausfordernden Amtszeit aus, nicht nur wegen Corona. Auf Teimanns „100 Prozent Welver, 100 Prozent Heimatliebe“ reagiert Garzen auf seinen Plakaten mit „100 Prozent Ahnung, 100 Prozent Kompetenz“. 

Der Jüngste im Quartett will nach fünf Jahren stolz auf das Erreichte sein können, sein Wahlprogramm soll sich allerdings auf einen längeren Zeitraum ausrichten: „Wir brauchen einen langen Atem. Es ist nicht alles in fünf Jahren zu schaffen, man benötigt mindestens zwei Perioden.“ Ständig wechselnde Mehrheiten und das andauernde Schieben von Entscheidungen seien die größten Probleme in der Politik. Der Bürgermeister habe als Chef in vielen Sachen das letzte Wort. Auf die Frage, ob er das besser machen will als sein aktueller Vorgesetzter, antwortet er entschlossen: „Ich will nicht, ich werde es besser machen!“ 

Was für Schumachers Vertreter spricht, ist auch, dass er die Unterstützung der meisten Parteien (SPD, FDP und Grüne) hat. Er sammelte im Dezember allerdings Minuspunkte mit einer Bewerbung für den Beigeordneten-Posten in Radevormwald. 

Plan B

 Fest steht: Ricken, Teimann und Garzen haben eine Alternative. Falls es mit der Wahl im September nicht klappt, würden alle bei ihrem aktuellen Job bleiben wollen. Schumacher sagt optimistisch: „Darüber mache ich mir keine Gedanken.“ 

Im „Mittelpunkt Westfalens“ wird es voraussichtlich extrem eng. Denn wie immer in Welver ist alles möglich. Nirgends im Kreis Soest spricht so viel für eine Stichwahl wie hier – in kaum einer Kommune ist das „Angebot“ so verschieden. Bereits 2009 gab es vier Kandidaten, damals gewann Schumachers Vorgänger Ingo Teimann nur ganz knapp vor Heinz-Günter Schlüter (SPD). Die Fragen, die am Ende wohl über den Sieg entscheiden: Heimat oder Kompetenz? Sympathie oder Erfahrung? Und wer von keinem der vier überzeugt ist, holt einfach den Würfel raus.

Wir wollten es wissen

Weil die Kandidaten derzeit wegen Corona kaum an einen Tisch zu bekommen sind, haben wir jeden einzeln zum kleinen „Vorstellungsgespräch“ mit knappen Antworten in nur wenigen Minuten geladen – ganz ohne große Vorbereitung. 

Wir wollten eigentlich die gleichen Bedingungen für alle: Karl-Heinz Ricken, Thorsten Teimann und auch Camillo Garzen waren spontan dazu bereit, doch Uwe Schumacher stand für ein Telefongespräch nicht zur Verfügung und stellte sich den Fragen ausschließlich in schriftlicher Form – er antwortete nach 30 Stunden per Mail.

Quelle: Soester Anzeiger

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