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Achtfacher Mord bleibt ein Rätsel

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Von: Dirk Wilms

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Else Behrendt kam in der Schreckensnacht ebenso ums Leben wie ihre Töchter Gerlinde und Ute (unten rechts). Kurt, der älteste Sohn, war Anfang April 1945 in Kriegsgefangenschaft.
Else Behrendt kam in der Schreckensnacht ebenso ums Leben wie ihre Töchter Gerlinde und Ute (unten rechts). Kurt, der älteste Sohn, war Anfang April 1945 in Kriegsgefangenschaft. © privat

Es ist einer der schrecklichsten Tage in der Geschichte von Dinker, vielleicht sogar der schrecklichste. In der Nacht vom 5. auf den 6. April 1945, also vor genau 77 Jahren, fielen Schüsse im „Haus Weber“ am westlichen Ortsausgang des Hellwegdorfes. Am nächsten Morgen wird das Unfassbare offenbar. Acht Menschen sind in der Nacht einem Mordanschlag zum Opfer gefallen.

Dinker - Gunther Behrendt aus Werl hat sich in den vergangenen Jahrzehnten darum bemüht, Licht ins Dunkel zu bringen, was das Schicksal seiner Verwandten betrifft. Unter anderem drei Geschwister seines Vaters und seine Großmutter kamen dabei ums Leben.

Behrendts Bemühungen blieben erfolglos. Denn es erwies sich als Stochern im Nebel, die Hintergründe des fürchterlichen Geschehens sind bis heute im Dunkeln geblieben. „Es gibt viele Mutmaßungen, ich will mich aber nicht an den Spekulationen beteiligen“, so der Werler, dessen Eltern beide aus Dinker stammen. „Wem würde es heute etwas helfen“, hat er auch Verständnis dafür, dass das Geschehene in der Vergangenheit nicht aufgearbeitet worden ist.

Gunther Behrendt hat aber immerhin die Aufzeichnungen des inzwischen verstorbenen Hans Rosenwald erhalten, der vor über 20 Jahren mit Lisbeth Behlert eine zu dem Zeitpunkt schon betagte Zeitzeugin befragen konnte. Sie befand sich in der Nacht vom 5. auf den 6. April 1945 im Haus Heermann, dem am westlichsten gelegenen Gebäude am Hellweg in Dinker. Es war tags zuvor von den heranrückenden Soldaten der US-Army besetzt worden. „Sie belegten ein Zimmer im Obergeschoss mit ungestörtem Blick nach Westen, unter dem Fenster war ein Panzer abgestellt“, so die Zeitzeugin in dem Gunther Behrendt vorliegenden Schriftstück.

In der fraglichen Nacht hörten die Bewohner und Besatzer des Hauses Schüsse aus dem Nachbarhaus Weber. Die US-Soldaten schauten am nächsten Morgen nach und berichteten: „Es ist etwas Schlimmes passiert, alle Personen im Haus sind erschossen worden!“

Zu den Opfern gehörten Alma Weber und ihr unverheirateter Sohn Alfred, ihre Tochter Else Behrendt mit ihren Kindern Gerlinde, Gunther und Ute sowie Mieterin Lilli Wilms mit ihrem Sohn Alfred. Die Namen aller Opfer sind eingraviert im Kriegerdenkmal in Dinker und finden sich auch in einem von Ludwig Steinbrecher gestalteten Gedenkbuch wieder, dem sogenannten „Goldenen Buch der Kirchengemeinde Dinker“.

Die Opfer mussten auf Geheiß der Amerikaner sofort beerdigt werden. Die Bestattung erfolgte ohne Pastor durch Bürger des Kirchspiels. Die Bewohner der Nachbarhäuser Heermann, Stehmann und Möller mussten ihre Gebäude verlassen, kamen mit ihren Habseligkeiten auf umliegenden Höfen unter. Das Vorhaben der Amerikaner, das Haus Weber zu sprengen, wurde nicht mehr in die Tat umgesetzt; die Soldaten zogen weiter.

In den folgenden Jahren wurde der Mantel des Schweigens über die Geschehnisse gedeckt. Mutmaßungen, die Amerikaner selber hätten dieses Blutbad angerichtet, entbehren jeglicher Grundlage, zumal es sich bei einigen der Opfer um kleine Kinder handelte. Der kleine Gunther Behrendt war gerade einmal zwei Jahre alt.

Davon ist auch Pastor Werner Vedder überzeugt, dem als Seelsorger im Laufe der Jahre einige Geheimnisse anvertraut worden sind, die er aber natürlich wegen der Schweigepflicht nicht preisgeben kann. So kann und darf er sich auch nicht äußern zu Spekulationen, ob es ein Rachemord gewesen sein könnte – entweder von Zwangsarbeitern, die nach ihrer Befreiung marodierend durch die Lande zogen, oder innerhalb des Dorfes im Nachgang der zwölf dunklen Jahre der Nazizeit.

„Es hat auch Familien-Suizide am Ende der Nazizeit gegeben“, so Gunter Behrendt, dem aber nicht bekannt ist, dass seine Vorfahren ganz stramme Hitler-Anhänger gewesen sind.

Er hatte auch in Gesprächen mit seinem Vater Kurt kein Licht ins Dunkel bringen können. Kurt Behrendt, Jahrgang 1928, war dem Mord an seiner Mutter und seinen drei jüngeren Geschwistern, seiner Großmutter und seinem Onkel sowie den beiden Mitbewohnern entgangen, da er zu dem Zeitpunkt als 16-Jähriger im Kriegsgefangenenlager in den Rheinwiesen ums Überleben kämpfte. Sein Vater, ebenfalls mit dem Vornamen Kurt, war schon 1942 in Stalingrad ums Leben gekommen.

„Mein Vater hat unsere Familie 1959 verlassen, als ich sechs Jahre alt war“, gibt Gunther Behrendt einen Einblick. „Nach 30 Jahren habe ich den Kontakt zu ihm wieder aufgenommen. Doch er erzählte wenig“, ist der Werler wie viele seiner Zeitgenossen auf eine Mauer des Schweigens gestoßen, wenn es um die Aufarbeitung der Nazizeit und der Folgejahre ging. „Als er aus der Gefangenschaft nach Dinker kam, wurde ihm nur gesagt, er sollte nicht nach Hause gehen, da wäre nichts mehr.“

Andere Dinkeraner bekamen nach den schrecklichen Ereignissen ihr Leben wieder in den Griff. Der Witwer von Lilli Wilms, Heinrich Wilms, heiratete ein zweites Mal. Alma, Willi und Gottfried Weber kehrten nach Dinker zurück, mussten sich mit dem Geschehen abfinden, so schilderte es Lisbeth Behlert laut den Aufzeichnungen von Hans Rosenwald.

So müssen sich auch Gunther Behrendt und die anderen Nachfahren damit abfinden, dass der achtfache Mord von Dinker von vor 77 Jahren wohl nie aufgeklärt wird.

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