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Ober-Schütze Jägermann tritt ab: „Habe mich sauwohl gefühlt“

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Von: Cedric Sporkert

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Als Thomas Jägermann (63) war 20 Jahre Vorsitzende des Stadtverbandes der Schützenvereine von Hamm.
Als Thomas Jägermann (63) war 20 Jahre Vorsitzende des Stadtverbandes der Schützenvereine von Hamm. Er sagt: „Wir sind in der Pflicht alle zu integrieren – ganz egal welchen Geschlechts, Glaubens, welcher Hautfarbe oder Herkunft und sexueller Orientierung sie sind.“ © Privat

20 Jahre nach seiner Wahl tritt Thomas Jägermann als Vorsitzender des Stadtverbandes der Schützenvereine von Hamm ab. Zeit für einen umfassenden Rückblick - Zeit für ein Interview.

Hamm - Als Thomas Jägermann (63) am 28. Februar 2002 zum neuen Vorsitzenden des Stadtverbandes der Schützenvereine von Hamm gewählt wurde, durften die Deutschen das letzte Mal mit der D-Mark einkaufen, bevor die Währung abgeschafft wurde. Gerhard Schröder schaffte es im gleichen Jahr noch einmal, zum Bundeskanzler gewählt zu werden. Und Oliver Bierhoff stürmte im Herbst seiner Karriere noch immer für die Deutsche Nationalmannschaft. In den Schützenzelten in Hamm wurde gefeiert, getrunken – und ordentlich gequarzt. In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert.

Jägermann gibt seinen Vorstandsposten am Donnerstagabend auf der Jahreshauptversammlung des Stadtverbandes ab. Im Gespräch mit WA.de blickt er zurück.

Unter welchen Voraussetzungen sind Sie damals Vorsitzender geworden?

Das hatte eine Vorgeschichte. Ich war schon von 1998 bis 2000 zweiter Vorsitzender. Als damaliger Vorsitzender der Handwerkerschützen Heessen habe ich mich daran gestört, dass im Stadtverband der Zusammenhalt ein Stück weit fehlte. Wenn man sich aus dem Fenster lehnt, muss man aber auch Farbe bekennen und sich engagieren. Eigentlich wurde ich schon da angesprochen, ob ich mir den Vorsitz vorstellen kann. Da gefiel mir die Konstellation im Vorstand aber nicht. Also wurde Norbert Kattenbusch gewählt, der nur ein Jahr blieb, weil er leider krank wurde. Sein Nachfolger Volker Schmidt starb 2001 im Amt, Dr. Heinz-Werner Hartfiel blieb kommissarisch bis 2002. Danach habe ich den Vorsitz zusammen mit Hans-Adolf Löw übernommen, der bis 2019 an meiner Seite war.

Sie waren schnell besonders gefordert, oder?

Ja. Es ging gleich mit einem Paukenschlag los. Bei den Stadtavantgarden, die damals noch aktiv waren, fehlte Geld in der Kasse. Bei der ersten Vorstandssitzung musste es also eine Kassenprüfung geben. Es kam heraus, dass der damalige Kommandeur einen vierstelligen Betrag veruntreut hatte. Er ist dann natürlich nicht lange Kommandeur geblieben.

Was gab es noch für Herausforderungen?

Erst einmal lief dann vieles rund. Wir haben mit den Vorsitzenden der Vereine gesprochen, mit dem Ziel, sie über die Bezirke hinaus zusammenzubringen. Und das haben wir auch geschafft. Das freut mich im Rückblick wirklich sehr.

Warum war das so wichtig?

Dadurch, dass die Vereine nicht wirklich viel miteinander gesprochen haben, gab es Probleme bei Preisabsprachen oder Terminen. Jeder hat da sein eigenes Ding gemacht. Für Kapellen hat zum Beispiel der eine Verein deutlich mehr gezahlt als der andere – obwohl die Leistung die gleiche war.

Thomas Jägermann und Frau Christina amtierten von 2018 bis 2019 beim Schützenverein 1835 Heessen.
Der Vorsitzende als König: Jägermann und Frau Christina amtierten von 2018 bis 2019 beim Schützenverein 1835 Heessen. © Robert Szkudlarek

Welche Situationen waren emotional?

Als 2012 ein Schützenbruder durch einen Böllerschuss in Westtünnen seine Hand verloren hat, war die Betroffenheit riesig. Wir haben sofort über einen Sonder-Pin gesammelt und 1 000 Euro zusammenbekommen. Auf der Versammlung am Donnerstag werden wir auch für die Ukraine sammeln angesichts dieses schlimmen Angriffskriegs Russlands.

Was verbuchen Sie als Erfolg?

Der Frühlingsball hat sich nach und nach zu einem wirklich schönen, großen Fest für alle Königspaare und Vereine entwickelt. Wir hatten vor Corona immer ausverkauftes Haus mit teilweise an die 1000 Gästen. In diesem Jahr wird am 23. April gefeiert. Wir gehen von 550 bis 600 Besuchern aus, sollte Corona das zulassen.

Worauf blicken Sie besonders gerne zurück?

Das waren sicherlich die vielen Jubiläen der Vereine, bei denen immer unzählige Vereine zusammengekommen sind und lange Züge durch Hamm marschiert sind. Dazu die Feier zum 50. Bestehen des Stadtverbandes 2005 und die Schützen-Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum. Besonder schön war es immer dann, wenn ich eigentlich vor hatte, eine halbe Stunde zu bleiben und mich meine Frau Christina dann nach fünf oder sechs Stunden abholen musste, weil ich mich bei den Vereinen sauwohl gefühlt habe und die Gemeinschaft und die Gespräche toll waren. Das Spiel kannte sie irgendwann. Ich bin dann immer mit einem Lächeln nach Hause gegangen.

Schützen stehen für Traditionen ein. Welche Werte haben sich verändert?

Es gibt mehr Vereine, in denen Frauen aufgenommen sind und mitschießen dürfen. Man sollte da mit der Zeit gehen, Hamm ist offen. Trotzdem wird wahrscheinlich nicht jeder Verein die Vogelstange für Frauen frei machen. Das liegt an den jeweiligen Strukturen. Worin sich alle einig sind: Frauen sind ein wichtiger Bestandteil – mindestens, wenn sie ihren Männern den Rücken frei halten. Wir sind in der Pflicht alle zu integrieren – ganz egal welchen Geschlechts, Glaubens, welcher Hautfarbe oder Herkunft und sexueller Orientierung sie sind.

Viele Vereine klagen über immer größere Einschränkungen bei der Organisation von Schützenfesten. Erleben Sie das auch so?

Die ersten wirklichen Steine in den Weg gelegt wurden uns da in den frühen 2010er Jahren. Durch die neue Schießverordnung sollte der Vogel auf nur noch 80 Millimeter Dicke schrumpfen. Das wäre der Supergau gewesen und hätte das Vogelschießen abgewertet und komplett verändert. Dann kam das viel diskutierte Rauchverbot in den Zelten.

Hat das Rauchverbot denn geschadet?

Man muss aus heutiger Sicht ehrlich sagen, dass die Luft schon besser ist in den Zelten. Schaden hat es also nicht gegeben.

Mit Ex-OB Thomas Hunsteger-Petermann tauschte Jägermann auch schon mal Schützenjacke gegen Sacko
Gutes Verhältnis: Mit Ex-OB Thomas Hunsteger-Petermann tauschte Jägermann auch schon mal Schützenjacke gegen Sacko. In der Mitte lacht Ex-CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer. © privat

Steuern, Abgaben, Richtlinien, Anträge, Versicherungen, umfangreiche Vertragswerke: Schützenvorstände müssen heute viel leisten oder sich Hilfe von Anwälten und Steuerberatern suchen. Was könnte da helfen?

Die Politik muss ein Auge darauf haben, dass die Bürokratie nicht Überhand nimmt. Geärgert haben wir uns vielfach über Berlin, auf lokaler Ebene sind wir aber immer bestens klar gekommen. Mit Thomas Hunsteger-Petermann habe ich auch mal die Jacke getauscht – und auch unsere Namen wurden mal verwechselt. Das mag vielleicht auch mit unserer ähnlichen Statur zu tun gehabt haben. Die Unterstützung war immer da, das wird sicher auch mit Marc Herter so sein. Wir hoffen auf ein offenes Ohr aber auch über die Feste hinaus. Einfach mal zum Hörer greifen ist immer besser als der lange Dienstweg.

Mittlerweile ist die Zahl der angehörigen Vereine von 34 auf 31 geschrumpft. Gehen Sie von weiteren Auflösungen aus?

Einige Vereine haben Nachwuchssorgen. Das ist Fakt. Es gibt immer weniger Leute, die bereit sind, die intensive Arbeit zu leisten. Bei den Auflösungen gab es jeweils spezielle Problemlagen. Insgesamt muss man auch sehen, dass wir nach wie vor viele Vereine für eine Stadt wie Hamm haben. Ich stehe in Kontakt mit einem Verband in Düsseldorf, wo es 40 Vereine gibt – die Stadt aber ungleich größer ist. Unsere Vereine in Hamm unterstützen sich gegenseitig mit vielen Besuchen und Ausmärschen. Alle profitieren davon. Einige große Vereine haben Kooperationen, wie es sie schon gibt, aktuell vielleicht noch nicht nötig. Ich gebe aber zu bedenken, dass das auch mal anders sein kann.

Welche Befürchtungen gibt es durch die lange Corona-Pause?

Ich bin immer wieder verblüfft, welchen Idealismus, welche Ideen die Vereine an den Tag gelegt haben. Es gab digitale Sitzungen, Angebote auf Abstand oder etwa das „Schützenfest in der Box“. Die Leute sind natürlich vorsichtiger geworden. Durch die Altersstruktur sind viele Mitglieder der Vereine oder Festbesucher auch nach wie vor in der Risikogruppe. Wir wissen alle nicht, was kommt und ob die Menschen wieder mit 1 000 anderen im Zelt feiern wollen. Da sind wir sehr gespannt auf die Saison. Aber: Es wird sicher Feste geben, die Vögel werden wieder von der Stange purzeln.

Wie geht es nach Ihrem Abschied im Stadtverband weiter?

Der Vorschlag ist, unseren zweiten Vorsitzenden René Kiese zum neuen Vorsitzenden zu wählen. Olaf Rump-Petri kandidiert als zweiter Vorsitzender, Markus Jütte bleibt als Beisitzer dabei und auch Jutta Petri will als Geschäftsführerin weitermachen. Mein Telefon wird auch nicht sofort abgeschaltet.

Was planen Sie persönlich?

Ich will gerne noch eine Abschiedsrunde auf den Plätzen drehen und weiter tolle Feste genießen. Über die Jahre sind viele gute Freundschaften entstanden, die möchte ich nicht missen.

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