Norditalien in Zeiten des Coronavirus

„Die Straßen sind leer gefegt“: Cordula Wessel erlebt die beispiellose Ausnahmesituation in Italien

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Eine Straße in Albino, Norditalien. Leer gefegt, so wie die Straßen im ganzen Land, seit dem vor drei Wochen eine Ausgangssperre verhängt wurde. Cordula Wessel kommt gebürtig aus Herbern, lebt aber seit über 25 Jahren in einer Kleinstadt in Norditalien.

Venedig/Herbern – Seit dem 11. März herrscht in ganz Italien per Dekret eine Ausgangssperre. Das Land ist mit am schwersten betroffen von der Corona-Pandemie. Die Zahl der Infizierten steigt und steigt. Besonders stark betroffen ist der Norden des Landes. Dort wohnt die gebürtige Herbernerin Cordula Wessel in der Kleinstadt Schio (Region Venetien) mit ihren Kindern Elia und Teresa. Die Familie erlebt hautnah, wie sich ein ganzes Land abschottet.

Im Gespräch mit WA-Mitarbeiterin Isabel Schütte erzählt Cordula Wessel, wie sich das Leben mit Ausgangsbescheinigung und überlastetem Internet anfühlt.

Mit Italien verbindet man „La Dolce Vita“. Doch das Land verändert sich gerade. Was bereitet Ihnen momentan Sorgen?

Es ist schon krass, wie sich das Leben von einem Tag auf den anderen geändert hat. Erst haben sich nicht alle an die vorgegebenen Maßnahmen gehalten, mittlerweile klappt es. Die Schlangen vor den Supermärkten sind lang, teilweise gehen die Menschen mit Masken und Handschuhen einkaufen. Das ist für mich persönlich oft ein mulmiges Gefühl.

Wo ich früher jeden Tag ein bisschen eingekauft habe, kaufe ich jetzt immer für drei bis vier Tage ein. Schlimm ist zurzeit das Gefühl, nicht in meine Heimat nach Deutschland zu meiner Familie fahren zu können. Wir telefonieren jeden Tag, dass macht die Situation etwas erträglicher.

Cordula Wessel (Mitte) lebt mit ihren Kindern Elia und Teresa in einer Kleinstadt in Norditalien.

Die dritte Woche mit Ausgangssperre. Schule und Arbeit, wie klappt das alles?

Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Das mit der digitalen Schule klappt ganz gut. Elia steht vor der Abi-Prüfung, da wissen wir noch gar nicht, ob die überhaupt stattfindet. Seit dieser Woche bin auch ich im „Smart working“, so nennen wir hier unser Homeoffice. Da muss ich mich noch rein finden. Zeitweise ist das Internet so überlastet, da geht fast nichts mehr.

Und was bedeutet die Ausgangssperre für Ihren Alltag?

Wir müssen immer eine Ausgehzertifizierung bei uns haben. Die kann man im Internet herunterladen. Die Kontrollen seitens der Polizei sind sehr streng und die Strafen bei Nichtbeachtung richtig hart. Wir dürfen uns einzeln 200 Meter im Umkreis unserer Wohnung aufhalten. 

Ich meide es mit dem Fahrrad zu fahren und nehme zurzeit lieber das Auto. Die Straßen sind leer, man sieht keine Menschen mehr. Das kenne ich so gar nicht. Die Welt ist nicht mehr so, wie wir sie bisher kannten, das unbeschwerte Leben ist erst einmal vorbei.

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In Deutschland sind die Toilettenpapierregale in den Supermärkten oft leer gefegt. Ist das in Italien auch so?

Nein, davon ist genug da. Hier sind Backpulver, Mozzarella und Mehl knapp. Ich weiß auch nicht warum, wahrscheinlich backen jetzt alle ihre Pizza selbst.

Was lernt man in dieser Ausnahmesituation besonders zu schätzen?

Freiheit! Die hat jeder von uns immer für zu selbstverständlich gehalten.

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