Prozess wegen Mordversuchs: Staatsanwalt geht von Tötungsabsicht aus

Ascheberg - Ungereimtheiten und Widersprüche in den Aussagen der Täter, skeptische Nachfragen von Richtern und Staatsanwalt sowie zwei kurze Entschuldigungen: Der zweite Verhandlungstag am Landgericht Münster im Prozess wegen Mordversuchs und Folter Ende Mai am Kanal in Lüdinghausen barg Zündstoff.

Aus unterschiedlichen Richtungen fuhren die Fahrzeuge mit den drei jungen Angeklagten am Dienstag am Landgericht vor. Die 17-jährige Aschebergerin kam aus der U-Haft in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld. Ihr aus Nordkirchen stammender Exfreund und Schulkamerad wurde aus Iserlohn vorgeführt. Er ist seit fünf Tagen volljährig. Und der 19-jährige Auszubildende aus Lünen sitzt in Herford in U-Haft. Die Aschebergerin und der Lünener waren am ersten Prozesstag vergangene Woche intensiv befragt worden. Am Dienstag war der Dritte im Bunde an der Reihe.

Nordkirchener räumt Taten ein

Auch er räumte die Grausamkeiten gegen das Opfer ein. Man habe den 18-jährigen Münsteraner in den Hinterhalt gelockt, ihn gefesselt und geknebelt, gewürgt und mit einem Schlagstock malträtiert. Die Schnitte mit dem Teppichmesser an Hals, Arm und Bauch habe er dem Opfer allein beigebracht, so der Nordkirchener. Er habe sich zu diesen Taten hinreißen lassen, um seine Freundin zu rächen. Die von ihr erfundene Vergewaltigung habe er ihr geglaubt, beteuerte der Nordkirchener: „Wir hatten eine so enge und vertrauensvolle Beziehung. Sie hatte mich vorher noch nie belogen.“ Auch als das Opfer vor Schmerzen schrie und die Vergewaltigungsvorwürfe von sich wies, habe er nur seiner Freundin geglaubt und die Folter fortgesetzt. Niemals aber, weder vor noch während der Tat, habe er den Münsteraner umbringen wollen. 

Ähnlich hatten sich auch die beiden Mitangeklagten eingelassen. Die jeweils anderen hätten das Opfer vielleicht töten wollen, aber nicht sie selbst. Genau hier hakten Richter und Staatsanwalt ein und stellten bohrende Fragen: Warum wurde der gescheiterte Würgeversuch erst mit Kabelbindern und dann noch einmal mit einem Ledergürtel wiederholt? Warum überlegte man, das Opfer in den Kanal zu werfen, wenn man es nicht töten wollte? Was bedeutete der Satz „Wir müssen das jetzt zu Ende bringen?“. Und warum zogen sich die Täter Handschuhe an? Warum wollten sie also keine Fingerabdrücke hinterlassen, obwohl die 17-Jährige sich dem Opfer unmaskiert zeigte? Für alles hatten die Angeklagten Erklärungen parat. 

Der Münsteraner sollte das erleiden, was er angeblich der 17-Jährigen angetan hatte. Man wollte ihm Angst einjagen, ihn zur Rede stellen. Das Messer sei nur zufällig am Hals des Opfers gelandet.

Staatsanwalt geht von Tötungsabsicht aus

Für Staatsanwalt Ralf Tyborczyk gibt es hingegen nur eine schlüssige Antwort auf all die Fragen: Das sei keine spontane Sache gewesen. Keine „Abreibung“, die aus dem Ruder gelaufen ist. Vielmehr eine tagelang geplante Tat mit Tötungsabsicht. 

Am Donnerstag hat zum ersten Mal der Nebenkläger das Wort: der junge Mann, der die Tortur erleiden musste. Am Dienstag ließ er zwei Entschuldigungen über sich ergehen: zuerst ein paar mündliche Sätze des Nordkircheners, dann eine kurze schriftliche Erklärung der Aschebergerin, die ihre Anwältin verlas.

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