Tauziehen um den letzten Wolf

+
Als Skulptur ist der Wolf nach Herbern zurückgekehrt und beäugt neugierig die Gegend.

HERBERN -  Ein steinernes Denkmal an der B54 zeugt vom „letzten Wolf Westfalens“, sein Bronze-Abbild am Westerteich schmückt seit Kurzem den Wolfspfad der Schlösserachse Nordkirchen Westerwinkel und das Präparat des einst so gefürchteten Räubers kann man bis heute im LWL-Naturkundemuseum in Münster bewundern. Und doch: An der Einzigartigkeit des populären Herberner „Alleinstellungsmerkmals“ rütteln inzwischen die Forscher, die von Wölfen berichten, die nach dem 17. Januar 1835 in Westfalen erlegt oder gesichtet worden sind.

War es also wirklich der letzte Wolf, dem der Gastwirt Josef Hennemann mit einer Breitseite ein schroffes Ende bereitete? Wohl nicht, belegt Dr. Bernd Tenbergen in der Zeitschrift „Westfälische Forschungen“ (62/2012) des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte.

„Der letzte westfälische Wolf wurde am 17. März 1839 in Kirle bei Schüllar erlegt“, schreibt er in seinem Aufsatz „Von Wölfen, Fischottern, Bibern und Bären – Westfalens Säugetierwelt unter dem Einfluss des Menschen.“ Auch wenn ein Beleg der Jagd fehle, sei die Aktenlage eindeutig, heißt es dort.

Offensichtlich fanden sich aber auch in Ascheberg nach 1835 offensichtlich weitere Wolfsfährten. „Noch einige Jahre später, das heißt im Februar 1838 soll sich für mehrere Wochen ein Wolf in dem Waldgebiet der Davert aufgehalten haben“, ist in Tenbergens Aufsatz nachzulesen.

„Im selben Jahr wurden nach Altum (1868) auch noch zwei Wölfe in der Nähe von Seppenrade aufgespürt“. Erst 1860 und 1861 wurden zwei weitere Tiere im südlichen Münsterland gesichtet, aber nicht erlegt“, heißt es weiter.

Über 150 Jahre lang waren schließlich laut Tenbergen die Wölfe in Westfalen kein Thema mehr. „Einerseits war man froh, sich dieses lästigen Nahrungskonkurrenten entledigt zu haben, andererseits glaubten auch die Biologen nicht mehr an die Rückkehrmöglichkeit des Wolfes in die moderne Industrielandschaft.“

Erstmals 2010 habe es im westfälischen Höxter an der Weser wieder Wolfsbeobachtungen gegeben, schreibt Dr. Tenbergen.

Aber zurück zum letzten Wolf in Herbern: Das spannende Geschehen um die Todesumstände des Raubtieres wird vom Zoologieprofessor Herman Landois 1883 in Wort und Bild festgehalten. Denn um den erlegten Wolf entbrannte in den Januartagen 1835 ein Streit zwischen dem Herberner Wirt Josef Hennemann und einigen Jägern des Grafen von Merveldt. Der Gastwirt auf der einen und die Jäger auf der anderen Seite nahmen für sich in Anspruch, das Tier zur Strecke gebracht zu haben. Der Fall wurde mit geradezu kriminalistischer Sorgfalt aufgeklärt, zugunsten des Josef Hennemann. Der hatte mit seinem Rehposten (Patronen) den gefürchteten Räuber erwischt. Der trickreiche Versuch der gräflichen Waidmänner, mit einigen Blindschüssen die Jagdbeute für sich zu reklamieren, schlug allerdings fehl. Kein Kügelchen Schrot aus ihren mit Fuchshagel geladenen Büchsen wurde in dem Wolfskadaver gefunden, schildert Landois.

Ein Auszug aus dessen Bericht ist übrigens in der Broschüre zur Schlösserachse abgedruckt, die das Naturschutzzentrum des Kreises Coesfeld im Auftrag der Gemeinden Nordkirchen und Ascheberg erstellt hat. Daneben finden sich viele Informationen über das scheue Wildtier Wolf, dessen Vorkommen, Verhalten und anderes mehr.

Der 1839 erlegte „letzte Wolf“ von Schüllar überzeugt in der heimischen Region offenbar nicht wirklich. „Da das im äußeren Südosten von Nordrhein-Westfalen gelegene Wittgensteiner Land jedoch von vielen landschaftlich und kulturell nicht mehr als Teil Westfalens angesehen wird – so gehört beispielsweise die Wittgensteiner Mundart zum oberhessischen Sprachraum – wurde der letzte Wolf Westfalens im Verständnis vieler tatsächlich bei Herbern zur Strecke gebracht“, heißt es etwa in der Broschüre zur Schlösserachse. - gh

 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare