Mordversuchs-Prozess: Freunde waren in Pläne eingeweiht

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Groß war auch am Donnerstag wieder der Andrang beim Mordversuchs-Prozess am Landgericht. Links neben der Besucherschlange stehen zwei der gepanzerten Polizeifahrzeuge, die die Angeklagten aus den Haftanstalten in Herford, Bielefeld und Iserlohn nach Münster brachten.

ASCHEBERG/MÜNSTER - Die engsten Freunde, der drei vor Gericht stehenden jungen Leute aus Ascheberg, Nordkirchen und Lünen, waren in die Pläne der Angeklagten eingeweiht. Das sagten sie am Donnerstag während der Prozessfortführung wegen versuchten Mordes am Landgericht Münster aus. Außer ihnen sagten auch die Ersthelfer aus.

Hätte nur einer der drei Freunde rechtzeitig die Polizei oder zumindest die eigenen Eltern informiert, wäre die schreckliche Tat am 28. Mai in Lüdinghausen vielleicht verhindert worden. Im Prozess wegen versuchten Mordes gegen drei junge Leute aus Ascheberg, Nordkirchen und Lünen war am Donnerstag der Tag der Zeugen. Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Münster hörte die engsten Freunde der Täter. Sie waren in die Vergewaltigungsvorwürfe der Aschebergerin gegen das spätere Opfer eingeweiht. Sie wussten auch von den Rachefantasien gegenüber dem Münsteraner.

Freunde haben Situation nicht ernst genommen

So war ein Freund des 19-jährigen Angeklagten mit ihm in Dortmund unterwegs. Dort kaufte man in einem Waffenladen Pfefferspray und einen Teleskop-Schlagstock, in einem Motorradgeschäft fünf Sturmhauben. Das habe er aber alles nicht ernst genommen, so der Zeuge. Sein Freund sei ein ruhiger Kerl gewesen: „Er konnte keiner Fliege etwas zu Leide tun.“ Das gleiche sagte auch eine andere Zeugin. Sie kannte den 19-Jährigen als ruhigen Menschen, der sehr verliebt in die Aschebergerin war: „Das hat sie immer wieder ausgenutzt.“

Die dritte Zeugin, die beste Freundin der 17-jährigen Aschebergerin, wusste offenbar einiges über die Rachepläne der Angeklagten – über den Ort, den Tag und auch über Tatwerkzeuge. Sie gab aber alles nur scheibchenweise preis und brach in Tränen aus, als ein Richter sie damit konfrontierte. Für den Staatsanwalt, den Anwalt des Opfers und für das Gericht war das Verhalten der Zeugen schwer nachvollziehbar. Das machten alle sehr deutlich.

Ersthelfer üben Kritik an Rettungskräften

Ganz anders war die Stimmung beim Auftritt der drei Angler, die den Münsteraner gerettet hatten. Ihnen dankte der Vorsitzende der Strafkammer für ihr mutiges Eingreifen. Das sei in der heutigen Zeit leider nicht mehr selbstverständlich. In der Tatnacht saßen die jungen Männer mit ihren Angeln in der Nähe der Eisenbahnbrücke am Kanal in Lüdinghausen, als sie von der anderen Kanalseite Hilferufe hörten. Zuerst hielten sie das für einen harmlosen Streit betrunkener Jungendlicher. Aber dann erkannte einer von ihnen das typische Klack-Geräusch beim Ausfahren eines Schlagstocks und danach mehrere dumpfe Schläge.

Sie bewaffneten sich mit Utensilien aus ihren Angelkoffern und rannten über die Brücke, wo ihnen das blutüberströmte Opfer entgegentaumelte. Sie erkannten die Schwere seiner Verletzungen, drückten die Wunden zusammen, riefen 110 und 112 an und hielten den jungen Mann mit allen Mitteln bei Bewusstsein.

Schwere Vorwürfe erhoben die Angler gegen die Rettungskräfte. Es habe 45 Minuten bis zum Eintreffen der Polizei und 50 Minuten bis zum Eintreffen des Rettungswagens gedauert: „Fünfmal haben wir angerufen, dreimal wurden wir weggedrückt. Wir dachten der Junge stirbt.“ Im Polizeiprotokoll liest sich das anders. Da ist von wenigen Minuten zwischen Notruf und Eintreffen vor Ort die Rede. Ein Angler widersprach dem vehement: „Ich bin selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr und weiß, wovon ich rede. Wir haben die Zeit auf unseren Handys genau abgelesen.“ 

Der Prozess wird am nächsten Dienstag fortgesetzt.

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