Gedenkfeier am Samstag

Deportation barfuß um vier Uhr: Erinnerung an die jüdische Familie Samson

+
Die Schwestern Margret und Gerda Samson wurden 1941 wie ihre Eltern deportiert. Im Gegensatz zum Ehepaar Ernst und Emma Samson überlebten deren Töchter den Holocaust und wanderten nach dem Krieg nach Amerika aus.

Herbern – Unter dem Motto „Erinnerung für die Zukunft – nie wieder schweigen, nie wieder wegschauen“, lädt die SPD Ascheberg anlässlich der Pogromnacht vom 9. November 1938 am Samstag um 17 Uhr zu einer Gedenkfeier ein. Zum Ort der Veranstaltung hat man diesmal die Stolpersteine an der Bernhardstraße/ Ecke Merschstraße gewählt, die an die jüdische Familie Samson erinnern.

Dort, wo die vier Steine aus Messing in den Bürgersteig eingelassen sind, standen das Haus und der Landmaschinenhandel der Samsons. Wer war diese Familie? Die Stolpersteine tragen die Namen der Eheleute Ernst und Emma Samson (geb. Meyer) und ihrer beiden Töchter Margret und Gerda. 

Der Künstler Gunter Demnig hat sie im Rahmen seiner internationalen Aktion „Stolpersteine“ vor sechs Jahren hier verlegt. Die Patenschaft für die Stolpersteine hat der SPD-Ortsverein übernommen. Josef Farwick, ehemaliger Leiter der Theodor-Fontane-Schule Herbern, Heimatforscher und viele Jahre Hüter des Archivs der Gemeinde Ascheberg, berichtet in seinem 2004 erschienenen Band über die Geschichte jüdischer Familien in Herbern und Ascheberg auch über das Schicksal der Familie Samson. 

Ernst Samson war Synagogenvorsteher in Herbern

Ernst, Emma, Margret und Gerda Samson wurden demnach am 11. Dezember 1941 von der Geheimen Staatspolizei abgeholt und in einem Sammeltransport in das jüdische Ghetto in Riga deportiert und dann in das Konzentrationslager Stutthof in der Danziger Bucht verlegt. Ernst Samson war Synagogenvorsteher in Herbern. 

Der Kaufmann für Maschinen für Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie und Brennereibesitzer wurde am 8. März an der Merschstraße, Dorf 175, geboren. Josef Farwick schreibt über ihn: „Voller Stolz hat er erzählt, dass er im Ersten Weltkrieg gekämpft und das Eiserne Kreuz erhalten hat. Er wähnte sich daher sicher, vor der Deportation verschont zu werden.“ Der Kaufmann besaß eine Branntwein-Brennerei, handelte später mit Maschinen und Fahrrädern und hatte die erste Tankstelle in Herbern. 

Die Stolpersteine, die an die jüdische Familie Ernst Samson erinnern, verlegte Gunter Demnig im Jahr 2013 an der Bernhardstraße/ Ecke Merschstraße.

Haus, Hof und Brennerei wurden ihm genommen. „Die Tankstelle zog die Tankstellenkette Westfalen an sich“, schreibt Farwick weiter. Seinen Recherchen zufolge hätten Bernhard Feldhaus und Philipp Schäfer aus Herbern Samson nach der Deportation noch beim Straßenbau in Riga gesehen und anzusprechen versucht. Dieser habe jedoch aus Angst nicht reagiert. „Eines Morgens haben ihn, so berichteten nach dem Kriege seine Töchter, KZ-Wachen morgens um vier Uhr barfuß und ohne Abschied von seiner Frau abgeholt.“ 

Seither gilt Ernst Samson als verschollen, sein Todesdatum ist unbekannt. Emma Samson wurde am 11. August 1892 in Soest als Emma Meyer geboren. Farwick schreibt: „Emma Meyer stammte aus Soest. Sie war eine reiche, gebildete Frau und hatte eine abgeschlossene englische Schulausbildung. 

Sie hat um 1921 Ernst Samson aus Herbern geheiratet und zwei Töchter geboren (...) Unter den Schikanen des Nazi-Regimes hatte sie schwer zu tragen. Zunächst durften ihre Töchter 1938 aus rassischen Gründen nicht mehr das Oberlyzeum in Hamm besuchen, dann musste sie in der Pogromnacht miterleben, wie SA-Männer im Haus das gesamte Mobiliar demolierten und wie sie und ihr Mann der Gestapo zugeführt wurden. Ihren Mann Ernst Samson hat sie zum letzten Mal am 4. August 1944 gesehen. Schließlich überlebte sie mit ihren beiden Töchtern das KZ Stutthof.“ 

An Entkräftung gestorben

Nach der Befreiung des KZ durch russische Soldaten verstarb Emma Samson jedoch schon auf der Rückfahrt nach Herbern am 7. Juli 1945 in Berlin an Entkräftung. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof in Berlin bestattet. Margret (Margrit) Samson, geboren am 22. Juli 1923, überlebte das KZ wie auch ihre Schwester Gerda Samson, geboren am 3. Januar 1925. Beide Mädchen wuchsen im elterlichen Haus an der Merschstraße auf, besuchten die Rektoratsschule in Herbern und das Oberlyzeum in Hamm. 

In der Pogromnacht des 9. November erlebten die 15- und 13-jährigen Schwestern die Verwüstung des Hauses durch die SA mit. Margret und Gerda Samson traten zusammen mit ihrer Mutter die Heimreise nach Herbern an. Nach ihrer Rückkehr wanderten sie bald in die Vereinigten Staaten aus, wo sie eine neue Heimat fanden, Familien gründeten und über 80-jährig verstorben sind. In Herbern hatten die Schwestern nach ihrer Rückkehr aus dem KZ veranlasst, dass NSDAP-Mitglieder den jüdischen Friedhof wieder herrichten mussten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare