Tischler Bolle fertigt noch Standuhren vom alten Schlag

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Jörg Bolle (rechts) hat Handwerkskunst und Betrieb von Vater Herbert übernommen.

Davensberg - Wenn Jörg Bolle eine Uhr gebaut hat, weiß man was die Stunde geschlagen hat:  

Tick, tack, das Pendel schwingt noch ein letztes Mal aus, dann ist es Viertel nach elf. Auf die gespannte Stille folgt ein doppelter Vierklang: der berühmte Westminster-Schlag. „Das Uhrwerk in einer traditionellen Pendeluhr wie von vor 100 Jahren läuft rein mechanisch“, erklärt Jörg Bolle und deutet auf die drei zylinderförmigen Gewichte der Standuhr. Bis zu vier Kilo bringt jedes von ihnen auf die Waage und treibt so über die Kette Uhr- und Schlagwerk an. „Im Laufe der Zeit sinken die Gewichte immer weiter nach unten, bis sie nach etwa einer Woche von Hand wieder aufgezogen werden müssen“, so der Tischlermeister.

Uhrwerk aus dem Schwarzwald 

Mit Uhren kennt sich Jörg Bolle mittlerweile fast so gut aus wie mit Holz. Auch sein eigenes Meisterstück ist eine Standuhr. Sie steht als Blickfang bei ihm zu Hause. Seine Uhrwerke lässt sich der erfahrene Tischler trotzdem von einer Partnerfirma aus dem Schwarzwald liefern. Er selbst ist dafür zuständig, die Mechanik anschließend fachgerecht mit Eichen-, Buchen-, Kirsch- oder Nussbaumhölzern einzukleiden: ähnlich wie bei einem maßgeschneiderten Anzug.

Alles beginnt mit einem rauen Brett

Bis zur fertig gebauten Standuhr im Farbton P43 „Eiche Rustikal“ ist es ein langer Weg. Für den braucht es nicht nur Holz, Leim und Beize, sondern auch jede Menge Geduld. „Alles beginnt mit einem rauen Holzbrett direkt aus dem Stamm“, erzählt Bolle, während er die Tür zum Lager öffnet. Anders als in der mit Holzresten beheizten Werkstatt ist es dort kühl und still. Nebeneinander aufgereiht warten tonnenschwere Baumstämme darauf, von Bolle ausgewählt und bearbeitet zu werden: erst mit dem Hobel, dann mit Stichsäge und Fräse.

Es gibt keine feste Bauanleitung

„Eine Standuhr besteht aus vielen kleinen Teilen“, verrät der Handwerker. Fertig geliefert bekomme er nur die Metallbeschläge und Glasscheiben sowie das Uhrwerk samt Gewichten und Pendel. „Alles andere mache ich zusammen mit meinem Vater selbst. Der ist zwar eigentlich schon im Ruhestand, packt aber trotzdem noch mit an.“ Eine feste Bauanleitung gebe es für seine Uhren nicht. „Manche Teile müssen zum Beispiel erst lackiert und dann zusammengesetzt werden. Und auch das Schleifen passiert meist nicht einmal am Ende, sondern immer mal wieder zwischendurch“, erläutert Bolle. 

Kundschaft schätzt Werke von früher 

Dank Lauge, Lack und Beize kann er jeder Stand- oder Wanduhr außerdem ihren persönlichen Anstrich nach Kundenwunsch verleihen – vom klassischen Dunkelbraun bis hin zu modernen Grundtönen wie Weiß oder Schwarz sei alles möglich. „Damit und auch mit unserem Online-Shop versuchen wir, ein bisschen mit der Zeit zu gehen“, verrät der Familienvater. Sein Kundenstamm bestehe dennoch hauptsächlich aus älteren Menschen. „Sie kennen diese Uhren meist noch von früher“, mutmaßt Bolle und gibt zu: „Eine handgefertigte Standuhr hat natürlich auch ihren Preis.“

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