Im Wortlaut

„Hilferuf“ aus Ascheberg an Angie, Andie und Rezo

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„Klimanotstand bewältigen statt ausrufen“, meint Aschebergs Bürgermeister Dr. Bert Risthaus.

Ascheberg – Die Stadt Münster hat jüngst den Klimanotstand ausgerufen. „Tun wir es ihr nach“, regt Hubertus Beckmann an, der für die Grünen in  der Gemeinde Ascheberg sitzt. Auf dieses Ansinnen hat nun Bürgermeister Dr. Bert Risthaus (CDU) reagiert – auf ebenso ungewöhnliche wie unterhaltsame Art.

„Klimanotstand bewältigen statt ausrufen.“ Das ist Risthaus’ inhaltlicher Ansatz. Formuliert hat er ihn in einem alternativen, nach eigenen Worten „leicht verständlichen“ Beschlussvorschlag, der als eine Art Glosse daherkommt. Der Gemeinderat, so schlägt Risthaus vor, solle beschließen, dass der Bürgermeister einen „Hilferuf“ an die Bundeskanzlerin, den Bundesverkehrsminister und den YouTuber Rezo schickt. Denn ohne „überörtliche Hilfe“ gehe es nicht beim Kampf gegen den Klimawandel. Das Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Bundes- und Klimakanzlerin Dr. Dr. h.c. mult. Angela Merkel, liebe Angie,
sehr geehrter Herr Bundesminister Andreas Scheuer, hallo Andie,
hey Rezo,

wir schreiben euch aus einer kleinen Gemeinde im Münsterland mit drei Ort- und elf Bauerschaften und Namen Ascheberg. Wir sind uns sicher, dass der Mensch die Ursache des Klimawandels ist. Davon brauchen wir uns nicht durch eine Reise zum Nordpol zu überzeugen. Wir arbeiten als Kommunalpolitiker seit Jahren für den Klimaschutz. Deshalb wollen wir nicht wie andere Städte und Gemeinden den Klimanotstand ausrufen, sondern ihn bewältigen. Dafür brauchen wir jetzt eure Hilfe:

Liebe Angie,

mit deiner Hilfe haben wir einen Klimaschutzmanager eingestellt, ein Klimaschutzkonzept erarbeitet und festgestellt, dass Windkraftanlagen zwar doof aussehen, aber auch bei uns alternative Energiequellen bieten. Wir haben in unserem Flächennutzungsplan Zonen für Windenergie dargestellt, passende Grundstücke gepachtet und einen Antrag auf Erlaubnis zum Bau eines Bürgerwindparks gestellt.

Leider sind deine Mitarbeiter des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung dagegen, weil sie glauben, die veraltete Technologie des Drehfunkfeuers Albersloh werde zu stark gestört. Deshalb dürfen wir in unserer Gemeinde keine einzige Windkraftanlage aufstellen. Den Klimaschutz haben deine Leute also gar nicht auf dem Radar. Könntest du diesen geistigen Tiefflug bitte beenden lassen? Als kleines Dankeschön würden wir statt eines weiteren Ehrendoktorhutes unseren Hauptbahnhof nach dir benennen. Womit wir beim zweiten Thema wären:

Hallo Andie, 

unsere Regionalbahn 50 „Der Lünener“ wirst du als nicht mehr ganz so neuer Bundesverkehrsminister sicher schon kennen. Das ist der Zug, der einmal pro Stunde auf der eingleisigen und maroden Strecke zwischen Münster und Dortmund pendelt. Unsere Jahre währenden Forderungen nach einem Ausbau der Strecke um ein zweites Gleis füllen bei dir und bei uns ganze Aktenschränke oder zig Giga- – ach was – Petabyte Speicherplatz auf deiner Festplatte, falls du schon digital arbeitest.

Deine Leute im Verkehrsministerium tun sich mit dem Ausbau der Strecke echt schwer. Wenn du aber die drohenden Klimaschädenfolgekosten berücksichtigst, dann wirst du sehen, dass das in einen Ausbau investierte Geld gut angelegt ist. Sogar viel besser als in die Förderung von E-Autos, denn die erhöht den Individualverkehr und den Ressourcenverbrauch für die Herstellung und Wartung der vielen neuen Fahrzeuge. Könntest du bitte deine Mannschaft auf das richtige Gleis setzen und bald schon mit dem Ausbau beginnen?

Hey Rezo, 

zugegeben, wir sind nicht so fit in Social Media wie du. Dafür kümmern wir uns täglich um unsere Mitmenschen. Wir schaffen Gemeinschaft und zerstören sie nicht! Die Anliegen sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen, die hier leben:

- Wir sorgen für Gewerbeflächen, damit Arbeitsplätze entstehen und erhalten bleiben. Und das mit Erfolg, denn wir haben seit Jahren die niedrigste Arbeitslosenquote in ganz Nordwest-Deutschland.

- Wir kümmern uns um Wohnraum. Wir akzeptieren, dass wir dabei Tiere und Pflanzen schützen müssen. Deshalb müssen wir den Leuten manchmal erklären, dass wir erst einmal für einige Vogelpaare ein neues Zuhause finden müssen, bevor die Menschen ihr Nest bauen können.

- Wir investieren in unsere Schulen und bauen eine neue KiTa nach der anderen.

- Wir wandeln öffentliche Grünflächen in Insektenweiden um.

- Und wir haben das gesamte Gemeindegebiet mit Glasfasern vernetzt. Deine YouTube-Videos können wir uns jetzt an jeder Milchkanne anschauen.

Die Kommunikation im Internet wollen wir lernen. Könntest du uns zwischenzeitlich bitte mit einem coolen Video unterstützen?

Liebe Angie, hallo Andie, hey Rezo, 

wir könnten noch mehr darüber schreiben, was uns bewegt und was wir bewegen. Wir glauben aber nicht, dass jemand dafür noch ausreichend Zeit oder Konzentrationsfähigkeit aufbringen kann. Also lassen wir es. Wir freuen uns über eure kurzen und positiven Antworten im Sinne des Klimaschutzes und der Menschen in unserer Gemeinde.

Gemeinsam schaffen wir es!

Vielen Dank im Voraus und viele Grüße, eure Gemeinde Ascheberg“

Risthaus sagte im WA-Gespräch, dass bei seinen Ausführungen „vielleicht ein bisschen Frust“ mitgespielt habe, aber keine Resignation. Im Fokus der Diskussionen zum Klimawandel stünden zurzeit Themen wie etwa die Fridays-for-Future-Bewegung, doch diese seien eher abstrakt. Und auch mit dem Ausrufen des Klimanotstands sei zunächst nichts erreicht. Vor Ort könne und müsse man sich hingegen konkret für das Klima einsetzen, auch wenn man als Gemeinde eher „an kleinen Rädchen“ drehe. Darauf „mit einem Augenzwinkern“ hinzuweisen, sei seine Absicht.

Bei der Frage, ob er damit rechne, seinen Beschlussvorschlag 1:1 im Gemeinderat umsetzen zu können, lachte Risthaus laut auf.

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