Martin Wolf im Interview

„Das Auto ist noch zu attraktiv“: Aschebergs Klimaschutzmanager über eine mögliche Verkehrswende

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Der Klimaschutzmanager Martin Wolf erklärt, welche Aufgaben in seinen Bereich fallen und welche Ziele er sich für Ascheberg gesetzt hat.

Ascheberg – Die Gemeindeverwaltung Ascheberg hat Maßnahmen zum Klimaschutz getroffen. Dazu gehört die Stelle des Klimaschutzmanagers innerhalb des Fachbereichs „Bauen und Wohnen“. Beauftragt wurde damit Martin Wolf. Im Interview erklärt er seine Aufgaben und Ziele.

Herr Wolf, Sie sind Klimaschutzmanager – was ist das? 

Martin Wolf: Der zweite Teil vom Begriff „Klimaschutzmanager“, also der „Manager“ gibt schon den Hinweis darauf. Man ist in allen Klimafragen irgendwo mit drin. Man ist nicht immer derjenige, der es umsetzt, aber derjenige, der immer ein Auge darauf hat. Bei allen Fragen zum Klima, auch seitens der Bürger, bin ich der erste Ansprechpartner. Gleichzeitig versuche ich, das Thema in verschiedenen Ämtern zu bearbeiten. 

Was bedeutet das konkret? 

Ich bringe die Akteure zusammen und bespiele dieses Thema grundsätzlich. Es gibt einen Klimaschutz, der sagt, wie wir Treibhausgase reduzieren können, um den Klimawandel nicht weiter zu befeuern, und die Klimafolgeanpassung, die deutlich macht, welche Folgen des Klimawandels wir nicht mehr stoppen können. Darauf müssen wir uns gesellschaftlich und baulich einstellen. 

Welche Möglichkeiten gibt es, sich baulich darauf einzustellen? 

Als Klimaschutzmanager versuche ich zum Beispiel, bei einem Neubaugebiet darauf zu achten, dass die Dachneigung passt, damit man Photovoltaikanlagen aufbauen kann. Man versucht, die Gebäude so zu platzieren, dass sie Südlage haben, um die Heizkosten zu reduzieren. Gleichzeitig muss ich darauf achten, dass bei Starkregen keine Überflutungen stattfinden. 

Das sind ganz viele kleine Aspekte, die eigentlich auf verschiedene Ämter verteilt sind. Die Überflutung wäre Sache des Tiefbauamtes, während die Planung des Gebietes selbst das Thema für die Bauverwaltung, der Stadtplanung, ist. Als Klimaschutzmanager muss ich das Ganze zusammenfügen und alles im Blick haben. 

Welche Projekte sind schon über Ihren Schreibtisch gewandert? 

Jüngst haben wir eine monatliche Energieberatung hier im Rathaus mit der Verbraucherzentrale veranstaltet. Und wir hatten eine kostenlose Haus-zu-Haus-Beratung mit der Kreishandwerkerschaft und dem Kreis Coesfeld. 2017 und 2019 haben wir in der Gemeinde eine Klimaschutzwoche organisiert, um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Wir unterstützen den SV Herbern dabei, eine LED-Flutlichtanlage anzuschaffen. Ansonsten sind wir an unserem großen Thema „Windenergie“ dran. 

Der Bürgermeister und ich werden dafür am 22. Oktober ins Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur fahren. Wir haben noch viele kleine Maßnahmen: Die Klimaschutzsiedlung, die Aula-Sanierung, die Blühwiesen. 

Lief bislang alles so, wie Sie es sich vorgestellt haben? 

Mit den kleinen Projekten bin ich sehr zufrieden. Man merkt, dass es einen Bewusstseinswandel in der Ascheberger Öffentlichkeit gibt. Das Thema wird präsenter. Wir haben auch beim Stadtradeln mitgemacht. Die Gemeindeverwaltung will jetzt mit einem guten Beispiel vorangehen: Wir haben E-Bikes angeschafft und werden einen E-Dienstwagen kaufen. Diese kleinen Projekte laufen. 

Und die großen Projekte? 

Was ein bisschen deprimierend ist: Dass der große Wurf uns nicht gelingt. Um CO2 neutral zu werden, führt kein Weg an den großen Windkraftanlagen vorbei, die tatsächlich mehrere Megawatt bringen. 

Welche Projekte stehen noch an? Wo wollen Sie noch hin? 

Konkrete Projekte in nächster Zeit sind zum Einen Windkraft und der E-Dienstwagen. Carsharing ist natürlich auch ein Projekt, dass ansteht, wenn die Politiker zustimmen. Zudem werden wir uns auf Nachhaltigkeit auf regionaler Ebene beschäftigen. Es gibt einen Ratsbeschluss, wonach wir einen Vertreter der Ökoregion zu einen Vortrag einladen werden. 

Wir planen außerdem für 2020 das Stadtradeln. Auf Kreisebene wollen wir eine Sternfahrt machen. Zwischen der Stadt Münster und den Umlandkommunen gibt es ein Projekt, das sind die Wegerouten. Da läuft sozusagen aus jeder Kommune eine Veloroute nach Münster rein, die besonders E-Bike freundlich sein soll. 

Die Wege sollen direkt nach Münster führen, damit sie zum Pendeln genutzt werden können. Da sind wir in Ascheberg schon ziemlich weit. Wir besitzen mit dem Kreis ein Stück der Veloroute, die bereits gebaut wird. 

Gibt es Ziele mit zeitlichen Fristen? 

Es gibt langfristige Reduktionsziele, die im Klimaschutzkonzept stehen. 2050 sollen in Ascheberg 80 Prozent der Treibhausgase reduziert werden. Ob das zu erreichen ist, kann man heute noch gar nicht sagen. Was man aber sagen kann, ohne Windkraft wird das Ziel schwierig. Mit der Windkraft stehen und fallen diese Ziele, das ist so. 

Was hat Sie dazu bewogen, Klimaschutzmanager zu werden? 

Das Schöne am öffentlichen Dienst ist, dass man nie Zweifel an der Sinnhaftigkeit haben muss. Denn alles was wir hier tun, machen wir für die Menschen vor Ort. Wir folgen keinen privatwirtschaftlichen Interessen. Es mag sein, dass wir aufgrund eines Gesetzes mal Entscheidungen treffen müssen, die mir nicht gefallen, diese dienen aber immer dem Gemeinwohl. Mich persönlich treibt es an, dass wir etwas fürs Allgemeinwohl tun. Ein Motivationsdefizit hat man da nicht.

Sie leben in Münster, pendeln Sie also jeden Tag mit dem Auto

Ich pendle jeden Tag mit dem Auto, kriege die Verkehrsprobleme somit immer hautnah mit. Ich habe den großen Vorteil, dass ich antizyklisch fahre. Das heißt, wenn ich morgens aus Münster raus pendle, sehe ich, wer alles rein fährt. Das zeigt aber, dass der ÖPNV noch mehr gepusht werden muss. 

Denn anscheinend ist es immer noch attraktiver, das Auto zu nehmen und die Strapazen auf sich zu nehmen. Für mich ist das Pendeln wunderbar, ich fahre circa eine halbe Stunde mit dem Auto von Münster nach Ascheberg und zurück. 

Aber klimafreundlich ist das ja nicht ... 

Es ist immer wieder ein großes Thema, ob man nicht das Rad nehmen könnte. Aber ich wohne leider im Nordwesten von Münster. Wir reden also von 20 bis 25 Kilometern und es gibt bisher noch keine attraktive Radverbindung. Mit dem E-Bike ist das vielleicht möglich, die Radwege geben es aber immer noch nicht her. 

Wenn die Veloroute irgendwann mal fertig ist, kann das Pendeln mit dem E-Bike wirklich eine Alternative sein. Aktuell ist es das einfach noch nicht. Wir haben natürlich die Bahn, aber in Ascheberg liegt der Bahnhof weit draußen und die Bahn fährt nicht oft. Es ist einfach nicht verlässlich und praktikabel. Ich habe in Münster studiert und fand es immer toll, mit dem Fahrrad überall hinfahren zu können. In Münster nutze ich mein Auto praktisch gar nicht. Aber nach Ascheberg ist es leider keine Alternative. 

Steht das Thema ÖPNV in Ascheberg auf Ihrem Plan? 

Beim Busverkehr sind wir dran; im Arbeitskreis ist das natürlich in der Diskussion mit dem Regionalverkehr Münster. Dank des ehrenamtlichen Engagements haben wir einen Bürgerbus. Mit Veloroute, Carsharing und den Mobilitätsstationen könnte es zu einer Verkehrswende kommen. Das wird sich aber wirklich langsam vollziehen, das muss wachsen. Jetzt können Sie als Klimaschutzmanager nur Anstöße und politische und bauliche Rahmen bieten. 

Was kann jeder Ascheberger für den Klimaschutz tun? 

Zum einen kann er sich mit konkreten Projekten an uns wenden. Zum anderen kann jeder für sich – und damit steht und fällt der Klimaschutz – sein eigenes Verhalten hinterfragen. Man muss sich überlegen, wie radikal das sein muss. Es wird ja immer gerne mit Maximalforderungen gearbeitet, da sollte man sich fragen, wie realistisch das ist. Aber es ist definitiv so, dass jeder ein bisschen tun muss: Vielleicht den Fleischkonsum reduzieren, mal eine Strecke mit dem Rad fahren oder das Eigenheim nachdämmen.

Zur Person:

Wolf studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Geografie. Nach seinem Abschluss startete er im Februar 2017 als Klimaschutzmanager in Ascheberg. Das Amt gab es vorher in dieser Form in Ascheberg nicht. Doch das Thema „Klimaschutz“ wird immer wichtiger in Politik und Gesellschaft, weshalb Wolf die neu geschaffene Stelle besetzen konnte. Der 29-Jährige ist zu 50 Prozent Klimaschutzmanager und zu 50 Prozent Stadtplaner im Bereich der Bauplanung. Deshalb ist er der Bauverwaltung zugeordnet. Der Klimaschutz ist zweigeteilt zusehen: Auf der einen Seite muss man den Klimawandel , auf der anderen Seite muss man die gesellschaftlichen Auswirkungen erklären können. Hierfür ist die Geografie, die sich mit nachhaltiger Stadt- und Gemeindeentwicklung und klimafreundlicher Gemeindeentwicklung beschäftigt, wie geschaffen.

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