Prozess um Mordversuch: Staatsanwalt fordert mehr als sieben Jahre Haft

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Staatsanwalt Ralf Tyborczyk fordert mehr als sieben Jahre Jugendhaft für Aschebergerin.

Ascheberg/Münster - Mit den Plädoyers wurde am Donnerstag vorm Landgericht Münster der Mordversuchs-Prozess zum brutalen Übergriff auf einen 19-Jährigen Ende Mai in Lüdinghausen fortgesetzt. Der Staatsanwalt sah in der 17-jährigen Angeklagten aus Ascheberg die Drahtzieherin der Tat.

Deshalb forderte er für sie eine Jugendhaftstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten. Die beiden Mitangeklagten sollen glimpflicher davonkommen: Sechs Jahre für den mittlerweile 18-Jährigen aus Nordkirchen, fünf für den 19-jährigen Auszubildenden aus Lünen, der von Beginn an geständig war. Die drei Verteidiger wiesen den Vorwurf der Tötungsabsicht allesamt zurück, erbaten teils ein „deutlich geringeres“ Strafmaß. Die vorgeworfene Körperverletzung und Freiheitsberaubung räumten sie ein.

Die Tat sei nicht in Worte zu fassen, meinte der Staatsanwalt am Ende seiner Ausführungen. Vorher hatte er es gleichwohl versucht. Über fast anderthalb Stunden, und er redete sich dabei teils empört in Rage. Die Trennung der 17-Jährigen vom damals gleichaltrigen Nordkirchener sei Prolog zu dieser „schändlichen Tat“ gewesen, die das stark blutende Opfer nur „zufällig“ und nach Not-OP überlebt habe. Ein alltäglicher Vorgang sei so eine Trennung. Doch was sich daraus entwickelt habe, seien „blinde Rache“, „maßlose Vergeltung“ und eine „zweistündige Folter“ gewesen, ein Martyrium für das damals wehrlose Opfer, in dem der Tod „eingepreist“ worden sei. Und vornehmlich eine hätte das Geschehene verhindern können und müssen: die 17-Jährige.

17-Jährige tischt Freunden fatale Lüge auf

Sie hatte, so ergab die Beweisaufnahme, ihrem Ex-Freund und dem Lünener, der sich Zuneigung von ihr erhoffte, eine fatale Lüge aufgetischt: die einer Vergewaltigung. Das spätere Opfer sollte sie begangen haben. In einem Chat hatte die 17-Jährige den Münsteraner kennengelernt. Zum Geschlechtsakt kam es tatsächlich – und später zu der Folterorgie, bei dem das Peiniger-Trio den jungen Mann fesselte, Mund und Augen verband, ihn demütigte, mit Kabelbindern und dem eigenen Gürtel drosselte, mit einem Totschläger malträtierte. Der 18-jährige Nordkirchener fügte dem Opfer, nachdem es sich zwischenzeitlich befreien konnte, mit einem Cutter-Messer mehrere tiefere Schnittwunden an Hals und Oberkörper. Die Funktion eines Arms ist noch immer eingeschränkt.

Der Vorwurf, dass die 17-Jährige die beiden Mitangeklagten ins Unglück gestürzt habe, kam auch vom Vertreter der Nebenklage. Die Anwältin der 17-Jährigen verwahrte sich dagegen. Ihre Mandantin hab zwar den „Anlass zur Tat“ gesetzt, sei aber mitnichten die anführende und anstiftende Person gewesen. Vielmehr hätte jedes Mitglied des Trios jederzeit auch anders handeln können.

Die Anwälte der beiden jungen Männer schilderten ihre Mandanten als unsicher, nicht gefestigt, kontaktscheu gegenüber Frauen. Beide hätten die 17-Jährige durch eine „rosarote Brille“ gesehen. Der eine habe sich als „Freund in Lauerstellung“ verstanden, der andere seine Beziehung zur Freundin prophylaktisch beendet, um seine dauerhaften Chancen auf Nähe zu ihr zu erhöhen. Beiden war demnach gemein, dass sie die Befürchtung hegten, die 17-Jährige zu verlieren, wenn sie sich nicht am Racheakt beteiligen, der auch nur eine „Abreibung“ hatte sein sollen. Beide seien Opfer einer Intrige geworden, so einer der Anwälte.

Urteil wird für Dienstag erwartet

Der Staatsanwalt redete der 17-Jährigen, der gutachterlich eine „egozentrische Grundeinstellung“ und fehlende Empathie attestiert worden war, gehörig ins Gewissen. Das Opfer des Trios sei „regelrecht aufgeschlitzt“ worden. „Man könnte sagen: Bei jeder Obduktion geht es menschlicher zu.“ Letzte Worte der Angeklagten und das Urteil sollen am Dienstag gesprochen werden. Entscheidend für das Strafmaß ist die Frage, ob das Gericht eine Mord- oder Totschlag-Absicht erkennt. 

Am Ende der Sitzung am Donnerstag gab der Vorsitzende Richter der Mutter der 17-Jährigen das Wort. Ihre Tochter sei in der U-Haft ruhiger und nachdenklicher geworden, schilderte sie. Und, unter Tränen: „Ich würde ihr gern helfen, aber weiß nicht wie. Ich würde auch ins Gefängnis für sie gehen.“

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