Corona-Virus

Verwirrung um Impftermine: Familie Talmann fragt sich, welche Kriterien eigentlich gelten

Impfung als Glückssache? Während Gudrun Talmann als 69-Jährige bereits ihre erste Impfung erhalten hat, wurde ihr schwer kranker Mann Waldemar (74) vom Gesundheitsamt abgewiesen.
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Impfung als Glückssache? Während Gudrun Talmann als 69-Jährige bereits ihre erste Impfung erhalten hat, wurde ihr schwer kranker Mann Waldemar (74) vom Gesundheitsamt abgewiesen.

Akutes Nierenversagen, Darmtumor, Leistenbruch, Hautkrebs und eine neue Herzklappe: Waldemar Talmann hat in den vergangenen drei Jahren einiges durchgemacht. Und die Liste seiner Vorerkrankungen ist noch nicht zu Ende.

Drensteinfurt – Trotz der schlimmen Diagnosen, der Operationen und Reha-Kuren haben er und seine Frau Gudrun sich Optimismus und Fröhlichkeit nicht nehmen lassen. Auch nicht durch die eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten aus Angst vor dem Corona-Virus. Ihre Hoffnung legen sie auf die Impfung – doch bei diesem Thema wird Gudrun Talmann so richtig sauer.

Dabei fing es positiv an, nachdem Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann am 1. März verkündet hatte, der Priorisierungsgruppe 2 bis Ende März ein Impfangebot machen zu wollen. Zu dieser Gruppe gehören Menschen mit Vorerkrankungen wie Waldemar Talmann. Und so hat sich die Schwiegertochter gleich daran gesetzt, auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) unter 116 117 einen Termin für Waldemar Talmann zu buchen. Und auch für Gudrun Talmann als pflegende Angehörige. Mit Erfolg: Die Bestätigung für den kranken 74-Jährigen kam für den 21. März.

Impfe als Lichtblick und Probleme bei Buchungen

„Es war für uns ein Lichtblick, dieser Abgeschiedenheit irgendwann mal zu entkommen und wieder angstfrei nach draußen gehen zu können“, erzählt Gudrun Talmann. Die Aussicht auf einen entspannteren Umgang mit der Pandemie gab allen Hoffnung, das würde Arzt- und Krankenhausbesuche ebenso erleichtern wie Begegnungen innerhalb der Familie. „Alle sind ja seit langer Zeit sehr vorsichtig, um den Vater und Großvater nicht zu gefährden.“ Mit etwas brüchiger Stimme fügt sie hinzu: „Wie schön wäre es, die Enkelkinder mal wieder zu drücken.“ Entsprechend groß war die Vorfreude – bis ein Anruf alles zunichtemachte.

Einen Tag vor dem Impftermin, am 20. März, meldete sich das Kreis-Gesundheitsamt, um für den nächsten Tag abzusagen. Die Begründung: Waldemar Talmann gehört mit 74 Jahren nicht zu den Impfberechtigten, er sei ja unter 80. „Ich konnte es gar nicht glauben“, erzählt seine Frau, die sich natürlich auf die Leidensgeschichte und die Vorerkrankungen berief. „Doch es war nicht mit ihnen zu reden, wir mussten die Absage hinnehmen.“

Tatsächlich habe es Probleme mit Buchungen auf der Seite der KVWL gegeben, räumt Felix Höltmann ein. „Auf der Seite kann man bei der Anmeldung zwar das Alter angeben, aber es wird nicht gefiltert, wenn die Bewerber unter 80 Jahre sind“, berichtet der Sprecher vom Kreis Warendorf.

Als der Termin bestätigt wurde, herrschte im Hause Talmann Erleichterung – bis einen Tag vorher telefonisch die Absage vom Gesundheitsamt kam.

„Wir wollen erfolglose Fahrten vermeiden“

„Wenn unser Gesundheitsamt dann feststellt, dass Menschen unter 80 auf der Liste der Angemeldeten stehen, rufen die Mitarbeiter dort an und sagen diese Termine wieder ab.“ Seitens des Kreises verstehe man das als Service, um den Betroffenen eine erfolglose Fahrt nach Ennigerloh zu ersparen. „Aber ich verstehe natürlich, dass es bei den Impfwilligen einfach nur als Absage ankommt und Frust auslöst.“

Das hätte Familie Talmann noch eingesehen und – wenn auch schweren Herzens – mitgetragen. Doch Mitte März passierte etwas, das jegliches Verständnis ausschloss: „Am 12. März bekam ich meine Terminbestätigung für eine Impfung am nächsten Tag“, berichtet Gudrun Talmann. Sie glaubte an einen großen Fehler, schließlich wird sie in diesem Jahr überhaupt erst 70. Ohne große Erwartung fuhr sie also am 13. März nach Ennigerloh, wo sie die Mitarbeiter gleich darauf hinwies, dass sie erst 69 Jahre alt ist und ihr die Impfung vermutlich nicht zustehe. Zu aller Überraschung kam sie dennoch mit einem Stempel im Impfpass zurück. „Niemand hat das hinterfragt, ich wurde einfach drangenommen.“

Verwirrung um Impftermine

In der Familie herrscht Verwirrung. „Das muss doch mal jemand erklären“, sagt Gudrun Talmann erregt, nachdem ihrem Mann die Impfung versagt wurde. Dass sie kein Einzelfall sein kann, erfährt sie Tage später von einer Bekannten, die ebenfalls wegen ihrer Vorerkrankungen einen Impftermin erfolgreich wahrgenommen hat. „Mit 73 Jahren!“

Kreissprecher Felix Höltmann gibt zu, dass das Buchungssystem über Kreis und KVWL nicht eindeutig ist und rät jedem, der unsicher ist, die Corona-Hotline des Kreises anzurufen. Klären ließ sich bislang nicht, was in diesem Fall schief gelaufen ist, aber seine Impfung soll Waldemar Talmann nun möglichst schnell bekommen.

„Mit 74 Jahren ist man eben noch nicht dran“

Für Andreas Daniel von der Kassenärztlichen Vereinigung ist dieser Fall eindeutig: „Mit 74 Jahren ist man eben nicht 80 und sollte sich derzeit noch gar nicht um eine Impfung bewerben“, sagt er. Die Absage sei richtig gewesen, auch wenn das System einen Termin ausgespuckt hatte – „die Homepage prüft nicht den Jahrgang“. Den Erlass zur Priorisierung von Menschen mit Vorerkrankungen habe es erst Mitte dieser Woche gegeben, nachdem Armin Laschet in Sachen Impfen nun aufs Tempo drückt, sagt der KVWL-Sprecher. „Das sind NRW-weite Regeln, an die wir uns halten müssen.“ Gleiches sollten auch die Impfbewerber tun.

Rund 19.000 Menschen über 80 Jahre leben im Kreis Warendorf, um die 12.000 von ihnen haben bereits mindestens die erste Impfung erhalten, berichtet Felix Höltmann. Der Kreis Warendorf setze Laschets Tempo-Ansagen bereits um und ermöglicht nun den Impfberechtigten unter 80 Jahren der Gruppe 2, sich auf der kreiseigenen Seite in der entsprechenden Kategorie anzumelden. Felix Höltmann rät den Bewerbern dringend, die entsprechende Bescheinigung vom Hausarzt oder Arbeitgeber zum Impftermin mitzubringen.

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