Tierschützer klagen Betrieb an: "Ferkel verenden im Mülleimer"

Millionenpublikum sieht Bericht über Schweinezucht in Rinkerode - Video hier!

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In einem Schweinemastbetrieb in Rinkerode sollen Tiere gequält worden sein, behauptet das Deutsche Tierschutzbüro, das heimlich Videoaufnahmen in dem Betrieb gemacht hat.

Rinkerode – Ein Millionenpublikum hat am Mittwoch bei SternTV auf RTL einen Bericht über einen Schweinezuchtbetrieb in Rinkerode gesehen, in dem Aktivisten - wie bereits am 4. Dezember von uns berichtet - des Deutschen Tierschutzbüros heimlich über 2000 Stunden Videomaterial gedreht und nach eigenen Angaben „dramatische Zustände“ aufgedeckt haben.

Die Youtuber Gordon Prox und Aljosha Muttardi, Betreiber des Kanals „Vegan ist ungesund“, hatten sich nachts gemeinsam mit Tierrechtlern in den Schweinezuchtbetrieb in Rinkerode geschlichen. Die vorgefundenen Zustände in dem Betrieb seien katastrophal gewesen. Die Tierschützer sprechen von „blutenden, verletzten, sterbenden und unzähligen toten Tieren“.

Die beiden waren extrem geschockt über das, was sie mit eigenen Augen gesehen haben – vor allem auch über die hygienischen Zustände im Betrieb. Der praktizierende Arzt Aljosha Muttardi war erschüttert über den massenhaften Einsatz von Antibiotika und anderen Substanzen. Listen vor Ort hätten aufgezeigt, dass den Tieren offenbar prophylaktisch kiloweise Antibiotika verabreicht würden. Auch von Listen, auf denen tote und getötete Tiere vermerkt werden, sprechen die beiden Youtuber. Demnach würden in dem Betrieb pro Woche bis zu 70 Tiere gemerzt (also aktiv getötet).

Die Youtuber und Tierschützer haben daraufhin versteckte Kameras in dem Betrieb installieret, um weitere Beweise zu sichern. So wurden im Oktober und November insgesamt über 2 000 Stunden Videomaterial erstellt. Immer wieder schlichen sich Aktivisten nachts in die Anlage, in der circa 500 Zuchtsauen und mehrere tausend Ferkel gehalten werden. Die versteckten Kameras hätten mehrfach grausame Praktiken dokumentiert.

„Kranke Ferkel nicht tierärztlich versorgt“

„Auf den Aufnahmen ist zu sehen, dass ganz offensichtlich kranke und schwache Ferkel nicht tierärztlich versorgt worden sind, sondern einfach so lange auf den Boden geschlagen wurden, bis sie vermeintlich tot waren. Diese gesetzeswidrige Praktik führte offenbar sogar dazu, dass mehrere Tiere überlebten und anschließend qualvoll im Mülleimer verendet sind“, so Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Tierschutzbüros.

Die Kameras dokumentierten aber auch, wie Schweine getreten, gestoßen, geschlagen, geworfen und bespuckt worden sind, erklärt Peifer. Zudem zeigten die Bilder, wie tote Tiere achtlos im Gang lagen, wie einige Mitarbeiter, ohne sich zu desinfizieren, in den Betrieb rein- und rausgelaufen sind und wie teilweise kranke Tiere sich selbst überlassen worden sind. Auf einem Dokument sei von „Schrottferkeln“ gesprochen worden – also von Tieren, die für die Züchter keinen Wert mehr haben. „In dem Betrieb haben die Mitarbeiter offenbar jeden Respekt vor den Lebewesen verloren“, empört sich Peifer.

Kastenstand verstößt gegen Tierschutz-Nutztierverordnung

Auch die in dem Betrieb praktizierte Sauenhaltung im sogenannten Kastenstand verstoße gegen die Tierschutz-Nutztierverordnung. Dort heißt es, dass der Kastenstand mindestens so breit sein muss, wie das Tier hoch ist, damit sich die Sau jederzeit ungehindert hinlegen kann. In Rinkerode hätten jedoch die geprüften Kastenstände diese Vorgabe unterschritten. „In diesen Käfigen können sich die armen Schweine noch nicht einmal umdrehen, das ist die reinste Tierquälerei“, kritisiert Peifer.

Zwar ist derzeit vom Bundeslandwirtschaftsministerium beabsichtigt, die Tierschutz-Nutztierverordnung zu ändern und diese tierquälerische Haltung zu legalisieren, doch die Verordnung ist noch nicht in Kraft getreten. Somit sei die vorgefundene Haltung gesetzeswidrig.

Das Deutsche Tierschutzbüro hat Strafanzeige gegen den Betreiber der Zuchtanlage sowie gegen Mitarbeiter des Betriebs gestellt. Der Staatsanwaltschaft Münster sowie dem zuständigen Veterinäramt in Warendorf wurde nach eigenen Angaben die gesamte Recherche mit allen Dokumenten und über 2 000 Stunden Videomaterial überreicht. Zudem wurde das Landwirtschaftsministerium in Düsseldorf informiert. „Laut Tierschutzgesetz § 17 beziehungsweise § 18 müssen die Täter mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe von bis zu 25 000 Euro rechnen“, so Peifer.

Rinkeroder Schweinezuchtbetrieb weiter im Blick des Kreisveterinäramts

Nachdem Kontrolleure des Veterinäramtes in der vergangenen Woche einen Schweinezuchtbetrieb in Rinkerode unangemeldet kontrolliert hatten, informiert der Kreis Warendorf nun über den aktuellen Stand der Dinge. „Die Anzeige ging am 2. Dezember bei uns ein. Seitdem waren unsere Tierärzte mehrfach im Betrieb und haben die Umsetzung der angeordneten Maßnahmen kontrolliert“, erläutert Dr. Andreas Witte, Leiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes.

Der Verdacht einer Straftat, der sich bei der ersten Kontrolle ergab, habe sich nicht bestätigt. Auch ein zu hoher Medikamenteneinsatz konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Einige der vom Veterinäramt angeordneten Maßnahmen, wie zum Beispiel eine bessere Klauenpflege, wurden bereits umgesetzt. „Kleinere bauliche Änderungen hat der Betreiber in Auftrag gegeben, diese werden kurzfristig ausgeführt“, so Witte weiter.

Bis zur vollständigen Umsetzung der angeordneten Maßnahmen werde der Betrieb weiterhin regelmäßig kontrolliert. „Das Veterinäramt hat den Schweinezuchtbetrieb weiterhin im Blick“, heißt es in einer Pressemitteilung des Kreises. Davon unabhängig prüft die Staatsanwaltschaft, ob sich bei der Auswertung des Videomaterials – das dem Kreis noch immer nicht vorliegt – Hinweise auf Straftaten ergeben. 

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