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„Eine Kommune für alle“: Die neue Beauftragte für Inklusion und Teilhabe der Stadt

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Von: Mechthild Wiesrecker

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Silke Russow (Zweite von rechts) ist die neue Beauftragte der Stadt Drensteinfurt für Teilhabe und Inklusion. Vorgestellt wurde sie von Caroline Zulka (links), Katrin Adolf und Bürgermeister Carsten Grawunder.
Silke Russow (Zweite von rechts) ist die neue Beauftragte der Stadt Drensteinfurt für Teilhabe und Inklusion. Vorgestellt wurde sie von Caroline Zulka (links), Katrin Adolf und Bürgermeister Carsten Grawunder. © Wiesrecker

Um die Menschen mit Beeinträchtigungen nicht aus dem Blick zu verlieren, hat die Stadt Drensteinfurt eine neue Stelle für den Bereich „Teilhabe und Inklusion“ geschaffen. Bereits seit dem 1. November ist Silke Russow mit 15 Stunden und erst einmal befristet für ein Jahr dabei und hat sich seitdem bereits mit vielversprechenden Ideen eingebracht. Ihr Ziel: eine Kommune für alle.

Drensteinfurt – Aufgrund der Krisen der vergangenen Jahre stand der Fokus im Fachbereich 4 auf der Betreuung und Beratung der Flüchtlinge; der Bereich Kultur musste krankheitsbedingt auf andere Schultern verteilt werden. „Silke Russow soll jetzt ein Auge auf die Bedürfnisse der Menschen mit Handicap haben“, erläutert Bürgermeister Carsten Grawunder die Notwendigkeit der neuen Stelle.

Es gebe in Drensteinfurt eine Menge Baustellen. Das Rathaus sei nur eine davon, dieses könne bedauerlicherweise aber aufgrund der Haushaltssituation derzeit nicht behoben werden. Sein Ziel sei es, dass auch Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe ins Rathaus gelangen können. Nur dann sei Inklusion vollständig. Eine Tür, die sich automatisch öffnet, reiche leider nicht aus.

Das Schild mit der Funkklingel kann von Ladenbesitzern angebracht werden. Die Stadt Drensteinfurt übernimmt die Kosten.
Das Schild mit der Funkklingel kann von Ladenbesitzern angebracht werden. Die Stadt Drensteinfurt übernimmt die Kosten. © Wiesrecker, Mechthild

Silke Russow sei für die Stelle geradezu prädestiniert. „Ich arbeite schon mein ganzes Berufsleben lang mit Menschen mit Behinderung“, informiert die gelernte Erzieherin, die 23 Jahre beim Sozialwerk St. Georg, das mit 2500 Mitarbeitern als großes Dienstleistungsunternehmen gilt, beschäftigt war. Durch eine Initiativbewerbung sei sie zur Stadt Drensteinfurt gekommen, um etwas Neues zu machen.

„Ich wohne seit 18 Jahren hier im Ort und habe festgestellt, dass zahlreiche Barrieren vorhanden sind“. Damit meint sie unter anderem das Betreten der Geschäfte, das oftmals für Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen ein Problem darstelle. Ihre Idee, eine hübsch gestaltete Funkklingel vor dem Laden anzubringen, hat sie gleich in die Tat umgesetzt. Sie stellte ihr von der Stadt Drensteinfurt finanziertes Projekt den betroffenen Ladenbesitzern in einem Schreiben vor und konnte so bereits vier von ihnen für eine Teilnahme gewinnen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Hilfe zur Selbsthilfe sei ihr schon immer ein Anliegen gewesen und die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen ein Dorn im Auge. „Das ist meine DNA, mein Herzblut, dafür brenne ich, das treibt mich an“, stellt die 49-Jährige leidenschaftlich klar. Dabei sei sie sich bewusst, dass Behinderte oft schlicht aus Unwissenheit, manchmal auch aus Desinteresse oder sogar Rücksichtslosigkeit nicht wahrgenommen oder ausgegrenzt würden.

Das gelte auch für die Stadt, so der Bürgermeister: „Frau Russow soll bei allen Projekten der Stadt einen Blick darauf haben, ob Inklusion berücksichtig wurde.“ Die Bedarfe würden mehr, sodass er hoffe, dass aus der auf ein Jahr befristeten Stelle eine langfristige werde.

Auch wünsche er sich, weitere Menschen mit Behinderung in der Stadtverwaltung anzustellen. „Als öffentlicher Arbeitgeber muss die Stadt nicht nur wirtschaftlich arbeiten, sondern hat auch soziale Verantwortung“, sagt Grawunder. Schön wäre seiner Ansicht nach ein Perspektivwechsel: Konkret sei es sinnvoll, nicht auf das zu schauen, was ein Mensch nicht kann, sondern auf das, was er kann.

„Es muss in unserer Gesellschaft möglich sein, behinderte und ältere Menschen in das Arbeitsleben zu integrieren“, so Russow. Die Tendenz, ältere Arbeitnehmer gegen jüngere auszutauschen, zeige keine Wertschätzung.

„Inklusion bedeutet Miteinander – normal soll sein, dass es Unterschiede gibt“, so ihre Vorstellung. Damit auch andere das so sehen, möchte sie Barrieren abbauen – nicht nur ersichtliche, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Sie wünsche sich ein Miteinander, möchte sich vernetzen, miteinander reden und planen. Im Blick hat sie auch die geplante Einrichtung St. Vincent am Mondscheinweg, die Platz für 24 Menschen mit Behinderung bieten wird, die dann auch die Infrastruktur des Ortes nutzen werden.

Gespräche mit Einzelhändlern

Neben der Hinweisklingel hat sich Silke Russow weitere Projekte auf die Agenda geschrieben: Aktuell führt sie Gespräche mit großen Einzelhändlern über die Anschaffung behindertengerechter Einkaufswagen, wie es sie bei Lidl bereits gibt. Zukünftig möchte sie mit der „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB)“, dem Verein Sonnenstrahl und dem städtischen Inklusionsbeauftragten Elmar Rosek zusammenarbeiten.

Neben Arbeit und Familie – Silke Russow ist verheiratet und hat eine fünfjährige Tochter – bleibt noch Zeit für Hobbys. Als ehemalige Leistungsschwimmerin gehört Schwimmen dazu. Aktuell absolviert sie eine Ausbildung zur Schwimmlehrerhelferin, um die „riesig klaffende Lücke“ der Kinder, die nicht schwimmen können, ein wenig zu schließen.

Nach Abschluss der Ausbildung, die von Nivea in Kooperation mit der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft unter dem Motto „Seepferdchen für alle“ finanziert wird, darf sie Kindern das Schwimmen beibringen und die Seepferdchen-Prüfung abnehmen. Abschließend erklärt die neue Mitarbeiterin für „Teilhaber und Inklusion“: „Ich freue mich auf die Arbeit und dass ich die ganze Erfahrung meiner letzten Berufsjahre darin einbringen kann.“

Am Freitag, 20. Januar, wird Silke Russow ab 16 Uhr im Boulodrom beim Boulen für Menschen mit Behinderung dabei sein.

Kontakt

Zu erreichen ist Silke Russow montags, dienstags und donnerstags von 9 bis 14 Uhr in der Stadtverwaltung in Zimmer 14, telefonisch unter 02508/995142 oder per E-Mail an s.russow@drensteinfurt.de.

Ausbildung

Silke Russow hat nach einer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und einer langen Ehrenamtstätigkeit mit körper- und mehrfachbehinderten Menschen bei der Lebenshilfe Hamm eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert. Schon damals lag ihr Schwerpunkt auf integrativer Arbeit.

Beim Sozialwerk St. Georg arbeitete sie beim Neuaufbau einer Einrichtung für Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung mit. Zehn Jahre war sie im stationären Wohnbereich in der Wiedereingliederungshilfe beschäftigt. Weitere zwölf Jahre mit dem Neuaufbau eines tagesstrukturierenden Bereiches mit niederschwelligen Angeboten in den Bereichen Bildung, Arbeit und Tagesgestaltung.

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