Sebastian Goddemeier 

Als Schwuler in Drensteinfurt: ein Betroffener erzählt

+
Wohin gehöre ich? Diese Frage stellte sich Sebastian Goddemeier jahrelang. Hier steht er vor seiner alten Schule in Drensteinfurt, der heutigen Teamschule. Links die Mädchentoilette, rechts die Jungentoilette, er im Spiegelbild genau dazwischen.

Dies ist die Geschichte von einem, der auszieht, um sich selbst zu finden. Sebastian Goddemeier wächst in Drensteinfurt auf. Mit 19 kehrt er der Kleinstadt den Rücken. Wütend. Unsicher. Enttäuscht. Das Gepäck voller schmerzhafter Erinnerungen: an das Spießrutenlaufen auf dem Schulhof, das Ausgegrenzt sein.

Einer wie er, der als Junge mit Barbies spielt und gerne Kleider trägt, passt nirgendwohin. „Schwuli“, rufen sie ihm hinterher. Oder: „Mädchen, Mädchen.“ Das brennt sich ein in seine verletzliche Seele. „Mir blieb nur die Flucht“, sagt er rückblickend.

"Schwuli" riefen die Mitschüler

Weit weg von der kleinen Stadt, in der er groß geworden ist, sucht er das Vergessen. Er zieht nach Berlin, stürzt sich in die pulsierende Anonymität der Großstadt. Weil er keine Idee davon hat, wie das gehen kann: Werden, der man ist. Und aus tiefster Seele fühlen: Ich bin okay, so wie ich bin – ein schwuler Mann. „Es fehlte an Vorbildern“, sagt er heute.

Die Vergangenheit ist vorbei. Und doch greift sie immer wieder nach ihm. Mit ihren langen Krakenarmen windet sie sich hinter ihm her bis in die schwulen Clubs der Hauptstadt. Sie erwischt ihn immer dann, wenn er vor den Antworten auf all jene Fragen flieht, die er nicht zu stellen wagt. Wer bin ich? Bin ich wer?

Klicken Sie oben rechts auf das Bild, um das Vollbild zu sehen.


Der Refrain ist derselbe, nach jeder neuen Strophe in seinem Leben: Scham. Unzufriedenheit. Einsamkeit. Er will das alles nicht mehr hören. Läuft fort vor sich selbst. Schneller und noch ein bisschen schneller. Er wechselt Haarfarben und Klamottenstile, Freunde und Männer. Austauschbar. Oberflächlich. Leer. Der Lärm der großen Stadt übertönt, dass er immer noch keine Idee hat von sich selbst. Wer bin ich? Bin ich wer?

Fragen über Fragen. Drängend. Lästig. Furchterregend. Sie schwirren über ihm wie ein Schwarm Schmeißfliegen. Was willst du? Was tut dir gut? Weg damit. Einen wie ihn, den kann sowieso niemand mögen, sagt die Stimme aus seiner Vergangenheit. Es ist die Stimme des ängstlichen Jungen vom Lande, der viel zu oft gehört hat: Schwuchtel. Du bist nicht richtig. Geh weg. Du gehörst nicht zu uns. „Ich weiß, dass es auch heute Teenager in Drensteinfurt gibt, denen es genauso ergeht“, sagt er betroffen.

Dragqueen und Boxer

Irgendwann ist alles zu viel. Die Seele wehrt sich. Der Körper zeigt Symptome. Auf der Couch eines Therapeuten lernt er, sich selbst neu zu sehen. Sich überhaupt wirklich wahrzunehmen. Leben ist Lernen. Fort mit dem Deckmäntelchen, gewebt aus Anpassung und Angst. Leben lernen, und kein Verrat mehr an sich selbst. In Berlin findet er Menschen, die sind wie er: queer. Sie haben ähnliche Geschichten, denken wie er, wollen dasselbe. Er entdeckt die Freiheit zu sein, der er ist. „Ein schwuler Mann, der seine feminine Seite als Dragqueen auf der Bühne auslebt und seine maskuline Seite beim Boxen rauslässt“, sagt er selbstbewusst.

Klicken Sie oben rechts auf das Bild, um das Vollbild zu sehen.


Inzwischen kommt er zwei-, dreimal im Jahr zurück nach Drensteinfurt. Jenen Ort, den er braucht, um sich selbst zu verstehen. Ende vergangenen Jahres war er wieder mal da. Anschließend schrieb er sich als freier Autor und Journalist die Begegnung mit seiner Vergangenheit von der Seele. Es ist kein Blick zurück im Zorn. Er will mit seinen ungeschminkten Worten eine Diskussion anstoßen. Sagen, wie es war. Sagen, wie es ist. Sagen, wie es sein könnte. „Man sollte aufhören, Leute auf ihre sexuelle Identität zu reduzieren“, sagt Sebastian Goddemeier aus Drensteinfurt, der auszog und auf Umwegen sich selbst fand.

Sebastian Goddemeier hat im Magazin VICE über die Jahre als schwuler Jugendlicher in Drensteinfurt und sein spätes Leben geschrieben: 

Klicken Sie auf diesen Link, um den Bericht zu lesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare