„Schüler sind von Natur aus offen und neugierig“

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Walstedde – In den 50 Jahren seit Bestehen der Lambertus- Grundschule Walstedde hat sich das Schulwesen verändert. WA-Mitarbeiterin Mechthild Wiesrecker versucht im Gespräch mit Schulleiterin Birgitta von Rosenstiel, die wesentlichsten Veränderungen zu erfassen und einen Blick in die Zukunft der Schule zu werfen.

Frau von Rosenstiel, wie hat sich ihr Aufgabengebiet mit den Jahren verändert? 

Als Schulleiterin übernehme ich vermehrt Aufgaben der Schulaufsicht, heute bin ich Dienstvorgesetzte mit Schwerpunkt Schulentwicklung und Personalbewirtschaftung. Aus dem einfachen Lehrer wurde ein Lerncoach, der mit hohem Zeitaufwand mehr und mehr Beratungsarbeit mit Eltern, Psychologen, Jugendämtern ausübt.


Unterscheidet sich der Unterricht heute zum Unterricht vor einigen Jahren? 

Lehrer haben heute mehr Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum und können der Schülerschaft und dem Standort entsprechen agieren.


Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Eltern? 

Die Vorstellungen über Erziehung im Elternhaus und in der Schule deckten sich bis in die Sechzigerjahre. Heute klaffen die Auffassungen oft deutlich auseinander. Das Interesse an Traditionen und Brauchtum, Stichwort Lambertussingen, nimmt stetig ab. Die Beteiligung der Familien bei schulischen Aktivitäten sinkt, Helfer für schulische Veranstaltungen zu aktivieren, wird immer schwerer. Eltern zu finden, die in den schulischen Gremien Verantwortung übernehmen, ist fast unmöglich. Im Gegenzug steigt bei vielen Eltern der Anspruch, über jedes Detail informiert zu werden. Das eigene Kind gerät in den Fokus auf Kosten der Gemeinschaft.


Viele Schulen leiden unter Lehrermangel, wie sieht das in Walstedde aus?

 An der Lambertusschule sind, anders als an vielen Schulen in NRW, alle Lehrerstellen besetzt. Wir haben uns an unserer Schule bereits den gestiegenen Anforderungen angepasst und arbeiten mit Teams die gemeinsam Verantwortung tragen. Zurzeit beschäftigten wir neben zwölf Lehrern 18 weitere Mitarbeiter, die in multiprofessionelle Jahrgangs- oder Fachteams eingebunden sind. Unter unseren Mitarbeitern herrscht eine hohe Arbeitszufriedenheit. Sie fühlen sich akzeptiert, wechselseitig unterstützt und eingebunden, die Konstanz des Personals stabilisiert das System. Zudem sind wir bereit, Neues umzusetzen, und mit Mut und Innovation gesellschaftliche Veränderungen aufzufangen.


Beugen Sie durch das multiprofessionelle Team vermehrten Unterrichtsausfall oder Vertretungsunterricht vor? 

Das gut funktionierende Gesamtsystem mit zufriedenem Personal hält den Krankenstand gering. „Vertretungsunterricht“ wird an der Lambertusschule durch das Jahrgangsteam organisiert. Für die Schüler bedeutet das weder räumlichen noch personellen Wechsel. Schüler erhalten bei uns regulären Unterricht durch einen Lehrer mit Unterstützung durch weitere Helfer und nicht nur „Betreuung“ von Schülergruppen.


An der Lambertusschule wird ein außergewöhnliches IT-Konzept praktiziert. Wie kam es dazu? 

Die Gesellschaft stellt die Aufgaben, wir entwickeln Antworten. Die IT-Entwicklung ist eine solche Aufgabe. Wir warten nicht darauf, irgendwann ein Konzept zu bekommen, sondern suchen nach Lösungen, die zu unserer Schule passen. Unsere Mitarbeiter beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der sinnvollen Nutzung der Möglichkeiten im digitalen Bereich, die über Präsentationen hinausgehen. Unseren Schwerpunkt setzen wir auf didaktisches und methodisches Arbeiten mit den digitalen Medien und Programmen. Haben sich die digitalen Medien in der Schule etabliert? Neuem wird oft mit Widerständen und Skepsis begegnet. Besonders die Digitalisierung an Grundschule wird kontrovers diskutiert. Solchen Ängsten und Unsicherheiten setzen wir seit Jahren eine schrittweise, fundierte, kompetente und kritische Etablierung unseres Digitalkonzeptes entgegen. Ich glaube, wer auf Digitalisierung verzichtet, verpasst wesentliche Entwicklungen.

Kommen die Schüler damit zurecht? 

Schüler sind von Natur aus offen, neugierig und wissbegierig. Digitale Medien kennen viele schon seit dem frühen Kleinkindalter. Leider haben sie diese oft zu häufig, wenig sinnvoll und unkontrolliert gebraucht. An der Lambertusschule lernen sie die Vielseitigkeit der Nutzung, aber auch die Grenzen und die Verantwortung im Umgang mit den Medien kennen. Vom ersten Jahrgang an leiten wir die Kinder zu einem altersgemäßen und kompetenten Umgang mit den digitalen Medien an.

Inklusion wird an der Lambertusschule großgeschrieben. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen mit diesem Thema um? 

Wie helfen Sie den Betroffenen? Besondere Unterstützungsbedarfe reichen von einer anspruchsvollen medizinischen Versorgung über einfache Assistenzleistungen und Hilfen bis zu einer umfassenden psychotherapeutischen oder familientherapeutischen Unterstützung. Lehrer, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Erzieher und medizinisches Personal übernehmen Unterstützungs- und Beratungsaufgaben. Hier kommt uns die Multiprofessionalität entgegen. Reicht das nicht aus, um dem schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht zu werden, binden wir das umfangreiche Netzwerk außerschulische Stellen wie Jugendämter, Sozialämter, Kinder- und Jugendpsychologen, verschiedenste Fachstellen mit ein.

Abschließend: Wo sehen Sie die Schule in zehn Jahren? 

Eine so weite Vorausschau ist kaum möglich. Ich setze auf die Fortführung der aufgeschlossenen, fachlich guten und innovativen Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Lambertusschule und die Unterstützung durch Kreis und Kommune. Ich hoffe auf die Offenheit und die Unterstützung durch die Eltern unserer Kinder. Ich bleibe zuversichtlich, dass die Lambertusschule weiterhin ihren Weg geht.

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