1. wa.de
  2. Lokales
  3. Drensteinfurt

Rettung vor dem „Mähtod“: Hegering spürt mit einer Drohne Rehkitze auf 

Erstellt:

Von: Mechthild Wiesrecker

Kommentare

Bringt das erst etwa zwei Tage alte Rehkitz in Sicherheit: Wolfgang Wirxel.
Bringt das erst etwa zwei Tage alte Rehkitz in Sicherheit: Wolfgang Wirxel. © Mechthild Wiesrecker

In Drensteinfurt ist der Hegering seit Anfang Mai fast jeden Morgen in der Frühe unterwegs, um möglichst viele Kitze vor dem Tod zu retten. Mit einer Drohne, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist, wird vor der Mahd das Feld abgeflogen, um die Tiere aufzuspüren.

Walstedde – Im Mai steht der erste Schnitt der Wiese an. Wenn das Mähwerk über die hohen Gräser schneidet, können Rehkitze, die dort versteckt in scheinbarer Sicherheit leben, erfasst und getötet werden. Abhilfe schafft die Drohne, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet, vor der Mahd das Feld abfliegt, um mögliche Kitze aufzuspüren und in Sicherheit zu bringen. In Drensteinfurt ist der Hegering seit Anfang Mai fast jeden Morgen in der Frühe unterwegs, um möglichst viele Kitze vor dem „Mähtod“ zu retten.

Um fünf Uhr früh ist es noch dämmrig, nur die Vögel in den Sträuchern und Bäumen begrüßen bereits fröhlich zwitschernd den beginnenden Tag. Am Feld nahe der Herberner Straße kurz hinter Walstedde wartet Markus Kersting auf das Eintreffen von Helmut Collignon, Daniel Westhues und Ferdinand Eckey, später werden noch Ludger Stratmann und Wolfgang Wirxel dazustoßen.

Dass die Männer des Hegerings noch vor Sonnenaufgang auf den Beinen sind, hat einen Grund. Der wird schnell erkennbar, als Markus Kersting den Kofferraum seines Bullis öffnet und eine leuchtend orangene Drohne herausholt und auf den Boden stellt. Mit dem Steuerungsgerät in der Hand, vor sich das Display, dauert es nur wenige Minuten, bis sich das Flugobjekt mit einem Surren in den Himmel erhebt und schon bald über die Köpfe der Truppe hinweg über das Feld fliegt. Bis zu 70 Stundenkilometer ist die Drohne schnell, dabei kann sie über 40 Meter in die Höhe steigen. „Für unseren Zweck ist das aber nicht zielführend“, erklärt der Obmann des Hegerings. In guter Sichthöhe und langsamen Tempo fliegt die Drohne das Feld im per Satellitenaufnahme markierten Areal ab, in dem sich nun die Männer verteilt haben.

Dabei liefert sie gestochen scharfe Bilder auf den Bildschirm. Gesucht werden per Infrarot Wärmequellen, die sich als weiße Punkte deutlich auf dem Bild abheben.

Handsteuerung

Den Kontakt zu den Männern im Feld hält Kersting über Kopfhörer. Dann hat er die erste Wärmequelle ausgemacht und übernimmt per Handsteuerung den Flug der Drohne. „Ferdi, fünf Meter rechts neben dir“, ruft er in das Mikrofon.

Der Angesprochene macht sich schnell auf den Weg. Kurz bevor er die Stelle erreicht, springt ein Hase davon. Sein Weg ist dabei deutlich auf dem Bildschirm zu sehen. Noch drei weitere weiße Punkte werden kontrolliert. Doch es waren nur Maulwurfshügel, die ebenfalls eine höhere Temperatur hatten als die Umgebung. Auch Beton oder Eisen hat eine höhere Temperatur. Ist die Sonne aber erst einmal richtig aufgegangen, fällt es noch deutlich schwerer, Wärmequellen auszumachen.

Eier in den Brutschrank

Ein Kitz entdecken die Tierretter auf diesem Feld nicht. Zügig und präzise holt Kersting die Drohne wieder ein und der Tross setzt sich Richtung Kurrick in Bewegung. Dort auf dem Feld am Waldrand hoffen die Männer, fündig zu werden. Doch auch hier finden sie außer Hasen, einer Mulde, in der zuvor ein Reh gelegen hat, und einem Gelege ohne Eier, nichts was zu retten ist. Wären in dem Gelege Eier gewesen, hätten sie diese mitgenommen, um sie im Brutschrank auszubrüten.

Entschlossen geht es weiter auf eine Wiese auf dem Hof Westhues, die ebenfalls am Morgen gemäht werden soll. Die Sonne ist mittlerweile leuchtend rot aufgegangen, aus der Wiese inmitten der Natur springen aufgeschreckt vier Ricken davon. Die Chance, dass dort Kitze zu finden sind, scheint groß. Kaum surrt die Drohne über das Feld, hat Markus Kersting die erste Quelle ausgemacht. Daniel Westhues ist in der Nähe, doch das Kitz hat die Ankommenden bemerkt und flüchtet durch das hohe taunasse Gras. „Das ist der schlimmste Fall“, erklärt Kersting. Wird das Kitz nicht gefunden, kommt es später zur Wiese zurück und wird sicher von den Messern der Mähmaschine erfasst.

Die Kooperation mit den Landwirten klappt richtig gut.

Markus Kersting

Das etwa eine Woche alte Kitz läuft Richtung Hof, dann wechselt es die Richtung, während die Männer ihm folgen. Gut, dass das Kitz auf dem Display zu sehen ist. So kann der Obmann die Männer auf die richtige Spur bringen. Minuten später läuft das kleine Reh wieder in das Gras und legt sich hin. Das ist eine Chance, die nicht vertan werden darf. Helmut Collignon hat bereits einen Wäschekorb geholt, den er an Westhues weiterreicht. Schnell stülpen sie den Korb über das Rehkitz, um es an den sicheren Wiesenrand zu tragen. Unter dem mit Stäben fixierten Korb wird es dort warten, bis die Wiese abgemäht ist, ehe es in die Freiheit entlassen werden kann. Noch ein weiteres Kitz spürt die Drohne auf. Das ist jedoch höchstens zwei Tage alt und hat noch keinen Fluchtreflex. Auch dieses Kitz findet Schutz unter einem Wäschekorb. Sorge, dass das kleine Reh später allein bleibt, brauche man nicht zu haben. „Die Ricke wartet in der Nähe und ist sofort da, wenn das Kleine nach dem Freilassen ruft“, informiert Kersting.

Auf der einige Hektar großen Wiese durch das hohe nasse Gras zu laufen, ist anstrengend, doch die Männer spüren die Anstrengung nicht. Sie sind einfach nur froh, an diesem Morgen ein oder sogar zwei Kitze gerettet zu haben.

„Führerschein“ durch Onlinekurs

Bis zu sechs Wiesen werden an einem Morgen abgesucht. Markus Kersting ist einer der wenigen Drohnenpiloten in Drensteinfurt. An drei Tagen in der Woche steuert er den Quadrokopter über die Felder. In Walstedde ist es nur Thorsten Allendorf, der sich mit der Technik auskennt. Wer die mehrere tausend Euro teure Drohne steuern möchte, muss erst einen „Führerschein“ in Form eines Onlinekurses beim Luftfahrtbundesamt absolvieren.

Steuert die Drohne: Markus Kersting (Zweiter von rechts) vom Hegering Drensteinfurt-Walstedde.
Steuert die Drohne: Markus Kersting (Zweiter von rechts) vom Hegering Drensteinfurt-Walstedde. © Mechthild Wiesrecker

Auch wenn der Wecker morgens zu nachtschlafender Zeit klingelt, ist Kersting begeistert dabei. „Die neue Technik ist super. Es macht Spaß, die Drohnen zu fliegen, aber vor allen Dingen auch etwas zu finden und Tiere zu retten.“ Fast 90 000 Kitze kommen in Deutschland beim Mähen ums Leben, nennt er die erschreckend hohe Zahl. Natürlich seien einige gerettete Kitze da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber dank der neuen Technik, der Drohne mit Wärmebild, werde sich diese Zahl wohl sehr schnell nach unten korrigieren. Auch durch die Fördermittel für Drohnen, welche zum Beispiel vom Landesjagdverband kommen, schafften sich immer mehr Hegeringe eine Drohne an.

Fast flächendeckende Suche

Gerade im Kreis Warendorf, so habe er von der Kreisjägerschaft gehört, werden die Wiesen fast flächendeckend abgesucht. Verantwortlich sei im Prinzip der Landwirt, aber im Wort Hegering stecke auch das Wort „Hege“. Ohne die rechtzeitige Information durch die Landwirte, wann die Wiese gemäht wird, gehe es nicht. „Aber hier bei uns in Drensteinfurt klappt die Kooperation mit den Landwirten richtig gut“, resümiert der Obmann.

Auch interessant

Kommentare