„Müssen Geduld haben“

Bechir Drissi ▪
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Bechir Drissi ▪

DRENSTEINFURT ▪ Auch wenn Bechir Drissi schon seit 1982 in Deutschland lebt, sorgt er sich um seine tunesische Heimat. Gebannt verfolgte er in den vergangenen Wochen die Unruhen im tunesischen und deutschen Fernsehen. Fast täglich telefonierte er deshalb mit seinen Geschwistern und seinen Freunden in seiner alten Heimat.

„Zu Beginn der Demonstrationen ging es in den Gesprächen fast nie um Politik – aus Angst, die Telefone könnten abgehört werden“, sagt der 55-Jährige. Seit dem der verhasste Staatschef Zine El-Abdine Ben Ali geflohen sei, könne er nun auch mit den Verwandten und Bekannten in der Heimat über die politische Situation Tunesiens diskutieren, erklärt der Vater von drei Kindern, der der Liebe wegen nach Deutschland kam.

Die Unruhen in Tunesien überraschen Drissi hingegen kaum: „Ich habe schon viel eher damit gerechnet. In den vergangenen drei Jahren ist das Regime immer schlimmer geworden“, berichtet er von Arbeitslosigkeit, Armut, Repressalien und Polizeistaat-Methoden. 2009 war der 55-Jährige zum letzten Mal in der Hauptstadt Tunis und in seiner Geburtsstadt Beja im Norden Tunesiens.

Von den bereits für die kommenden Wochen geplanten Neuwahlen erwartet Drissi nicht allzu viel: „So etwas geht nicht von heute auf morgen“, glaubt der Drensteinfurter, der in der Gastronomie des Alwetterzoos beschäftigt ist. Letztlich seien doch nur bisherige Gefolgsleute Ben Alis in der Lage, das Land zu führen. Nach seiner 23-jährigen Amtszeit, müssten das tunesische Volk zunächst einmal lernen, mit der erkämpften Freiheit und den demokratischen Strukturen umzugehen.

„Die Tunesier müssen sich in Geduld üben“, ist sich Drissi sicher. Dennoch – das Volk sei mit dem bisher Erreichten zufrieden und das Land sei auf einem guten Weg. Seine Landsleute hätten nun endlich wieder Hoffnung. Den derzeitigen Präsidenten der Übergangsregierung Fouad Mebazaa hält der Drensteinfurter mit tunesischen Wurzeln ebenfalls für ungeeignet, Tunesien in eine besseres Zukunft zu führen. Auch er müsse seinen Hut nehmen. Von dem neu zu wählenden Präsidenten erwartet Drissi, dass er aktiv an dem politischen Umsturz teilgenommen hat. „Was mich besonders ärgert ist, dass viele Politiker während der Unruhen ins Ausland verschwunden sind. Jetzt, wo Ben Ali weg ist, kommen sie zurück, und wollen Präsident werden“, erklärt Drissi seinen Standpunkt.

Egal, welche Namen am Ende auf dem Wahlzettel stehen werden – für Bechir Drissi ist jetzt schon klar, dass er seine Stimme auf jeden Fall abgeben wird und zwar beim tunesischen Konsulat in Bonn. ▪ wes

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