Keine Zukunftsperspektive in Syrien

Heimat mit Zukunft: Kurdische Familie lebt nach Flucht aus Syrien in Drensteinfurt

Glücklich in Drensteinfurt wiedervereint: Nihat Tamo (rechts) floh 2015 aus Syrien, seine Frau Fatima Ibrahim kam 2018 nach. Tochter Maie Tamo kam in Deutschland zur Welt.
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Glücklich in Drensteinfurt wiedervereint: Nihat Tamo (rechts) floh 2015 aus Syrien, seine Frau Fatima Ibrahim kam 2018 nach. Tochter Maie Tamo kam in Deutschland zur Welt.

Nihat Tamo ist Kurde. 2015 begab er sich alleine auf eine gefährliche Flucht vor dem Krieg in Nordsyrien. Zurück ließ der Student der Biologie seine junge Frau, seine Eltern und Geschwister.

Drensteinfurt – Vor zwei Jahren gelang auch seiner Frau Fatima Ibrahim die Flucht. Seit einem Dreivierteljahr hat Nihat Tamo eine Ausbildungsstelle als ambulanter Krankenpfleger in Münster. Das Paar hat mit Maie eine kleine Tochter und eine eigene Wohnung an der Bürener Straße. „Drensteinfurt ist jetzt unsere neue Heimat, ohne Krieg und mit einer guten Zukunft“, sagt Tamo.

Im Wohnzimmer der Familie ist es sauber und gemütlich. Die 13 Monate alte Maie krabbelt zufrieden auf dem Boden. Auf den ersten Blick wird klar: Die kleine Familie ist in Deutschland gut angekommen. Doch der Weg bis dahin war schwer und verlangte Durchhaltevermögen, viel eigene Initiative und Disziplin.

Keine Perspektive in Heimat

Als Nihat Tamo sich 2015 entschloss, nach Deutschland zu fliehen, war er gerade einmal 22 Jahre alt. Wer fliehen will, braucht Geld, um die Schleuser zu bezahlen. „Wer kein Geld hat, muss es sich von Freunden und Verwandten leihen“, berichtet der Kurde. Bezahlt wird in Dollar, eine Flucht, so erzählt er, kostet etwa 4000 Dollar. „Ich konnte nicht bleiben, in meiner Heimat herrscht seit Jahren Krieg, vieles ist zerstört, für junge Menschen gibt es keine Zukunft“, versucht er, die Situation zu erklären. Dazu die ständige Bedrohung durch islamistisch-extremistische Gruppen.

Als er sich mit einer rund 20-köpfigen Gruppe von Männern, Frauen und Kindern zu Fuß auf den Weg in die Türkei machte, war er frisch verheiratet, die Papiere hatte er noch nicht erhalten. „Es war sehr schwer, vor allen Dingen für die Familien“, erinnert er sich. Von der Türkei ging es zu Fuß weiter nach Bulgarien, immer mit seinem Ziel Deutschland vor Augen. In Bochum wartete sein Bruder auf ihn.

In Bulgarien wurde der junge Kurde von der Miliz ausgeraubt. Er wurde verhört, musste politische Fragen beantworten und wurde in eine Art Gefängnis gesteckt und dann in ein Lager gebracht. Hier musste er seinen Fingerabdruck abgeben – weshalb ihm, gemäß des Dublin-Verfahrens, später in Deutschland die Anerkennung als Flüchtling verwehrt wurde.

Schlepperbanden ausgeliefert

Die Schlepper kamen ins Lager und boten den Flüchtlingen gegen Geld eine Mitfahrgelegenheit mit dem Pkw nach Serbien an. „Wir haben denen geglaubt“, sagt der 28-Jährige. Doch die Fahrt endete bei der serbischen Polizei, die die Flüchtlinge nach Bulgarien zurückschickte. „In Bulgarien konnte ich nicht bleiben, dort gibt es auch keine Perspektive“, stellt Tamo fest. So versuchte er es erneut, bis er 2015 mit der großen Welle über Österreich nach Deutschland kam und über die Stationen Dortmund und Wuppertal schließlich Drensteinfurt zugeteilt wurde.

Für ihn sei Drensteinfurt ein Glück gewesen, sagt der heute 28-Jährige. Hier habe man ihm viel geholfen, er durfte an Deutschkursen teilnehmen und lernte schnell und gut die Sprache. Von Anfang an war es sein Ziel, zu arbeiten, eine Ausbildung zu machen und sich selbst zu versorgen – und vor allen Dingen die Anerkennung zu bekommen. Doch das sei ihm alles nicht leicht gemacht worden. Bis heute ist ihm die Anerkennung verwehrt; mit einem Anwalt kämpft er darum, trotz des Fingerabdrucks in Bulgarien den subsidiären Schutz zu bekommen.

Untergebracht war er zunächst in der Dreingauhalle, dann in der Alten Feuerwache, eine eigene Wohnung gab es nur mit einem festen Arbeitsvertrag. „Ich habe mich sehr um eine Arbeit bemüht und bestimmt zehn Stellen gefunden“, erklärt er. Das Problem sei die Ausländerbehörde gewesen. „Die muss bescheinigen, dass ich dort arbeiten darf – und bis die Genehmigung kommt, das dauert“, fasst er zusammen. Beim Eintreffen der Erlaubnis sei die Stelle immer schon weg gewesen.

Ein langer, lebensgefährlicher Fußmarsch

So hielt sich Nihat Tamo mit Mini-Jobs über Wasser. „Ich war Student, hier habe ich viel gelernt und in viele Berufe reingeschnuppert“, berichtet er schmunzelnd. Er könne jetzt genauso gut kochen wie Haare schneiden. 2018, nachdem ihm die Arbeitsgenehmigung erteilt wurde, fand er sofort eine feste Arbeitsstelle. Seit einem Jahr absolviert er eine Ausbildung in der ambulanten Krankenpflege in Münster. „Wenn ich damit fertig bin, möchte ich mich auf ambulante Wundversorgung spezialisieren“, erzählt er.

Mittlerweile war auch seine Frau nach Deutschland gekommen. Anders als Tamo gelangte sie 2018 zu Fuß nach Griechenland und von dort mit dem Flieger nach Deutschland. „Für eine Frau ist dieser Weg sicherer“, macht er deutlich.

Sie landete in Bremen und kam in die Auffangstation in Bochum. Mithilfe des Deutsch-Ausländischen-Freundeskreises gelang es, dass die junge Frau Drensteinfurt zugeteilt wurde.

Hoffen auf Anerkennung

Fatima Ibrahim hatte ihren Mann Nihat Tamo auf der Universität kennengelernt. Während er auf der Flucht war, studierte sie weiter Mathematik und arbeitete bereits als Lehrerin für Mathematik an der Schule. In Drensteinfurt zog sie zunächst zu ihrem Mann in die Alte Feuerwache. „Das ging gar nicht, darum war sie die meiste Zeit bei Onkel und Tante in Bielefeld“, erinnert sich der Kurde. Dann bekam das Paar eine sehr kleine Wohnung an der Wagenfeldstraße.

Auch die 28-Jährige besuchte Deutschkurse bis zur Geburt der kleinen Maie. Ihr Ziel ist es, den B2-Abschluss zu schaffen, und dann strebt sie eine Ausbildung zur Erzieherin an. Darum hofft sie, für ihre Tochter zum Sommer einen Kindergartenplatz zu bekommen.

Fatima Ibrahim wurde der subsidiäre Schutz anerkannt, damit darf wohl auch ihr Mann im Sinne des Familienasyls hier bleiben. Sein größter Wunsch ist es aber, selbst die Anerkennung schriftlich zu bekommen. Sein Fall liegt bereits beim Europäischen Gerichtshof. Vor Weihnachten hatte er deswegen einen Termin beim Gericht in Münster, der aber wegen Corona verschoben wurde.

Familie lebt in verschiedenen Ländern

Die kleine Maie wurde in Deutschland geboren. Erst wenn sie 18 Jahre alt ist, bekommt sie die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Wohnung an der Wagenfeldstraße war für die kleine Familie zu klein. Es war ein Glück, dass sie an der Bürener Straße im Oktober 2019 eine größere Wohnung beziehen konnten.

Die Familie von Nihat Tamo ist zerstreut, zwei Brüder leben in Deutschland, eine Schwester in der Schweiz und zwei Schwestern in Syrien. Auch Fatima Ibrahim hat einen Bruder in Deutschland, ein anderer Bruder lebt im Irak und zwei Schwestern in Syrien. Aus Deutschland wollen sie nicht mehr weg. „Selbst wenn der Krieg in Syrien heute endet, möchte ich nicht zurück“, sagt der Familienvater.

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