Stadt will erst mal Zeit gewinnen

Sind neun Meter Wand zu viel? Geplantes Mehrfamilienhaus in Rinkerode sorgt in der Politik für Kopfzerbrechen

Rinkerode An der Alten Dorfstraße soll ein Neubau entstehen
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Noch klafft hier eine große Baulücke. Im Herzen von Rinkerode soll ein dreigeschossiges modernes Mehrfamilienhaus mit insgesamt 14 Wohneinheiten entstehen.

Fügt sich das geplante Mehrfamilienhaus im Rinkeroder Ortskern gut in die Umgehung ein? Oder hat es eine erdrückende Wirkung? Die Politik hat Zweifel, die Stadt spielt auf Zeit.

Rinkerode - Bisher war es nur eine abstrakte Zeichnung auf dem Papier, am Montag in der Ratssitzung bekamen die Ratsmitglieder anhand eines simulierten Fotos einen ersten Eindruck vom geplanten Neubau an der Alten Dorfstraße, mitten im Herzen von Rinkerode. Die Stadt wird den Bebauungsplan jedoch noch verändern.

Ein Investor plant, ein dreigeschossiges modernes Mehrfamilienhaus mit insgesamt 14 Wohneinheiten auf einem kürzlich frei gewordenen Grundstück an der Albersloher Straße zu bauen. Brisant dabei: Das geplante Bauvorhaben befindet sich mitten im Ortskern, umgeben von Wohn- und Geschäftshäusern und in der Nähe von gleich fünf Baudenkmälern.

Konkret grenzt das Projekt an ein Wohn- und Geschäftshaus mit Schlachtbetrieb, drei weitere gewerbliche Nutzungen im Süden und ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude mit einer Gastronomienutzung im Norden.

Neubau im Rinkeroder Ortskern: Details sollen umgeplant werden

„Hier gilt es also, auch ganz unabhängig von dem konkreten Baugesuch, die Belange der einzelnen Akteure, die sich aus der Bestandssituation ergebenden Zielkonflikte, die Ansprüche an die städtebauliche Qualität des Ortskerns gegeneinander und untereinander abzuwägen und zu einer verträglichen Gesamtlösung zu kommen“, beschreibt Bauamtsleiter Christoph Britten in der Sitzungsvorlage das Dilemma. „Das Bauvorhaben entspricht dem geltenden Bebauungsplan, überschreitet aber die ursprüngliche städtebauliche Zielrichtung“, so Britten.

„Wir wurden durch Gespräche mit dem Kreis im Nachhinein darauf aufmerksam gemacht. Es geht nicht darum, ein Bauvorhaben zu verzögern, sondern ich möchte vielmehr unterschiedliche Interessen unter einen Nenner bringen“, machte Bürgermeister Carsten Grawunder im Rat deutlich. Einzelne Belange müssten umgeplant werden. Dies betrifft im Detail die Balkone, die etwa zwei Meter über die Baugrenze ragen.

Neubau im Rinkeroder Ortskern: Sorgen um erdrückende Wirkung

Obwohl im aktuellen Bebauungsplan für das Mischgebiet keine Traufhöhe, sondern nur eine maximale Firsthöhe von elf Metern festgelegt ist, zeige sich, dass der Plan nicht mehr zeitgemäß sei. „Eine Wandhöhe von bis zu neun Meter kann auf die umliegende Bebauung erdrückend wirken“, so Britten. Hier habe der Investor bereits versprochen, tätig zu werden. Auch werde er auf die Dachterrasse verzichten, um Konflikte mit den gewerblichen Betrieben im Süden zu vermeiden. Um das benachbarte Baudenkmal, in dem ein italienisches Restaurant untergebracht ist, nicht zu verdecken, habe er auch einen Rücksprung des Neubaus zur Straße hin in Aussicht gestellt.

Insgesamt sei der Stil des geplanten Wohnhauses viel moderner als in der Umgebung. Für den Bürgermeister ist das kein Problem. „Das Leben ist Veränderung“, machte er deutlich. Das neue Gebäude stehe gut im Mittelpunkt der benachbarten Gebäude, so seine Einschätzung. Gespräche zwischen Investor und speziell dem Inhaber des Schlachtbetriebes hätten intensiv stattgefunden. „Wir sollten das Vorhaben positiv begleiten.“

Kritikwürdig: Politik und Verwaltung stören sich vor allem an den großen Balkonen des geplanten Mehrfamilienhauses, die etwa zwei Meter über der Baugrenze liegen.

Neubau im Rinkeroder Ortskern: Diskussion um Änderung der Planungsgrundlagen

Marc Harenkamp (Grüne) glaubt, dass Konflikte zwischen neuen Nachbarn und Gewerbebetrieben vorhersehbar seien. Auch erklärte er: „Es ist ein fatales Zeichen für zukünftige Investoren, die Planungsgrundlagen zu ändern.“ Es bereite ihm Bauchschmerzen und zeige, wie man sich auf Zusagen verlassen könne.

Das sah auch Bernhard Meyer (Grüne) so. „Ich sehe das kritisch. Der Bauherr hat schon über den Kreis hinaus Zugeständnisse gemacht.“ Für ihn sei das nicht der richtige moralische Weg.

„Eine Kommune hat die Möglichkeit, in ein laufendes Verfahren einzugreifen, auch wenn es moralisch fragwürdig sein kann“, machte Britten deutlich. Das Bauleitplanverfahren sei jetzt die einzige Möglichkeit der Stadt, das Mitspracherecht zu erhalten. Zu bedenken sei aber, dass der Investor die Möglichkeit habe, einen „Entschädigungsanspruch“ für die Architektenplanung geltend zu machen, erklärte Britten. „Wir sollten alle noch einmal in Ruhe darüber reden“, schlug Markus Wiewel (CDU) vor. Durch das Bauleitplanverfahren gewinne die Stadt Zeit. Nach seiner Meinung bette sich das Haus städtebaulich nicht gut in die Umgebung ein. „Das Projekt steht an einer prägenden Stelle im Dorfkern und das für die nächsten 150 Jahre“, gab er zu bedenken. Insgesamt sei es aber sinnvoll, die Bebauungspläne zu überarbeiten.

Neubau im Rinkeroder Ortskern: Die Stadt spielt auf Zeit

„Die Architektur zielt auf Gewinnoptimierung. Es ist sehr gut, uns Zeit zu verschaffen genauer hinzusehen“, urteilte auch Dirk Zache (SPD). „Wir wollen doch Mehrfamilienhäuser und darum sollten wir Investoren nicht vor den Kopf stoßen“, machte Burkhard Wieland (FDP) deutlich. Und doch sollten neue Gebäude in ihre Umgebung passen. „Ein Machtspiel mit dem Investor finde ich nicht gut, vielmehr ist ein schneller Kompromiss gefordert.“

Abschließend macht der Bürgermeister deutlich: „Das Bauleitplanverfahren kann bis zur Erteilung der Baugenehmigung in Anspruch genommen werden, das hat mit Moral nichts zu tun. Wir sind in der Sache völlig sauber unterwegs.“ Trotzdem sei es auch im Interesse des Investors, das Bauvorhaben, ohne dass ihm Steine in den Weg gelegt werden und ohne große zeitliche Verzögerung zu realisieren. Die Abstimmung erfolgte mehrheitlich für die Änderung des Bebauungsplans, ohne die Zustimmung der Grünen.

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