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Gegen die Klimakrise: Wie Nachbarn ihr Dorf gemeinsam mit Energie versorgen wollen

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Von: Mechthild Wiesrecker

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Ob eine Photovoltaikfläche – auf dem
Ob eine Photovoltaikfläche – auf dem © die Anlage in Mersch – erforderlich ist oder Photovoltaikanlagen auf Dächern ausreichen, steht noch nicht fest. Fotos: Wiesrecker

Nachbarn in Drensteinfurt wollen sich zusammenschließen, um ihr Dorf gemeinsam autonom mit Strom und Wärme zu versorgen. Sie gründen eine Energienachbarschaft.

Walstedde – Der Klimawandel, die Abhängigkeit von Drittstaaten und der Ausstieg aus Gas- und Ölheizung bis 2040 verunsichern und ängstigen die Menschen zunehmend. Ist es möglich, dass sich ein Dorf wie Walstedde autonom mit Wärme und Strom versorgen kann? Dr. Manfred Lück als Sprecher einer Gruppe von etwa 25 Mitgliedern, die sich „Energienachbarschaft Walstedde“ nennt, sagt ganz klar Ja.

Die Lösung kann auf der Homepage Walstedde nachgelesen werden: „Wir gründen als Dorfgemeinschaft eine Genossenschaft, die das ganze Dorf mit Wärme und Strom versorgt“, schreibt die Energienachbarschaft dort. Ihre Prämisse lautet: solidarisch, regional, sektorübergreifend und für die Abnehmer möglichst preiswert.

Energieversorgung in der Zukunft: Was passiert, wenn keine Gasheizung mehr gebaut werden darf?

Dr. Manfred Lück bekommt strahlende Augen, wenn er die Idee vorstellt, die ihren Ursprung in der Bürgerinitiative gegen Gasbohren (BIGG) hat. Damals kam die Frage auf, ob Wärme und Strom regenerativ möglich sind, sodass über Fracking nie wieder nachgedacht werden muss. „Es ist ein Leuchtturmprojekt, das es so noch nicht gibt“, schwärmt er.

Dr. Manfred Lück ist Sprecher der „Energienachbarschaft Walstedde“. Bei Interesse wird er das Projekt Vereinen oder Verbänden persönlich vorstellen.
Dr. Manfred Lück ist Sprecher der „Energienachbarschaft Walstedde“. Bei Interesse wird er das Projekt Vereinen oder Verbänden persönlich vorstellen. © Wiesrecker, Mechthild

2021 wurde das Blockheizkraftwerk im Mondscheinweg und parallel dazu im Warendorfer Baugebiet In de Brinke ein Kaltwärmenetz installiert. Dr. Lück verfolgte die Diskussionen, die schon bei den Neubauten entstanden, und stellte sich mit seinen Mitstreitern die Frage: „Was passiert mit den Altbauten, wenn Gas- und Ölpreise durch die ansteigende CO2-Bepreisung deutlich höher werden und keine neue Gasheizung mehr eingebaut werden darf?“ Betroffen seien davon immerhin 70 Prozent aller Häuser in Deutschland. Hinzu komme, dass bis 2040 der Ausstieg aus Gas- und Ölheizungen vollzogen sein soll.

Neue Heizungsarten: Hohe Kosten überfordern viele Hausbesitzer

Im Prinzip gebe es, so zählt Lück auf, nur drei Lösungen: die Luftwärmepumpe, die Erdwärmepumpe und der Pelletofen. Alle drei Möglichkeiten bewegen sich zwischen 20.000 und 35.000 Euro Anschaffungskosten. Für manche Hausbesitzer, die oft schon die 10.000 Euro für eine konventionelle Gasheizung nicht aufbringen konnten, schlichtweg nicht machbar.

Die Lösung sah die Energienachbarschaft zunächst darin, dass benachbarte Häuser oder Straßenzüge als Genossenschaft ihre Stromversorgung gemeinsam organisierten. Über städtische Klimamanager kamen die Verantwortlichen in Kontakt mit der Hochschule in Steinfurt und deren Programm „Taskforce Wärmewende“, indem die Machbarkeit von Wärmeprojekten geprüft wurde. „Wir hatten Glück und wurden in das Programm aufgenommen“, berichtet Lück. Beim Ingenieurnetzwerk Energie (INEG) in Bad Driburg, gaben sie eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, aber nicht für eine Straße, sondern gleich für den gesamten Ort mit 628 Häusern.

Günstigste Lösung für Energieversorgung: Kaltnetz mit dezentralen Wärmepumpen

Das Ergebnis: Für viele Häuser kommen eigene Wärmepumpen nicht infrage. Luftwärmepumpen verursachen Betriebsgeräusche von 20 bis 60 Dezibel, das ist zu laut, stehen sie dicht an dicht. Um Erdwärmepumpen zu betreiben, müssen mit schwerem Gerät Bohrungen im Garten gemacht werden, was oftmals nicht möglich sei. Die günstigste Lösung, so das Ergebnis der INEG, ist ein „Kaltnetz mit dezentralen Wärmepumpen“. Um die Wärmepumpen zu betreiben, wird Strom benötigt. „Mit Blick auf die immens hohen Stromkosten haben wir festgestellt, dass wir Wärme nur erschwinglich produzieren können, wenn wir den benötigen Strom selbst produzieren“, macht Dr. Lück deutlich.

So funktioniert das Kaltnetz mit dezentralen Wärmepumpen

Am Rande des Dorfes werden zahlreiche Erdbohrungen bis 100 Meter Tiefe durchgeführt. Über eine Sonde wird zehn Grad warme Sole gefördert und über ein Rohrsystem durch das ganze Dorf gepumpt. In jedem Haus befindet sich eine Wärmepumpe, die die für das Haus erforderliche Heizwärme produziert. Erforderlich dafür ist Strom. Etwa eine Kilowattstunde (kWh) Strom wird benötigt, um vier kWh Wärme zu gewinnen.

Diese Überlegung führte zu dem Entschluss der eigenen Stromproduktion mit Windrad und Photovoltaikanlagen für die Wärmepumpen, die Haushalte und mögliche Elektroautos.

Energienachbarschaft: Hartnäckige Vorurteile in den Köpfen festgesetzt

„Heute wissen wir, dass das Projekt wirtschaftlich umsetzbar ist“, versichert Dr. Lück. Damit es funktioniert, muss Strom zu Spitzenverbrauchszeiten zugekauft werden und zu Zeiten geringen Verbrauchs (in der Nacht) verkauft werden.

Auch wenn scheinbar alles funktioniert, sehen sich Dr. Lück und seine Mitstreiter mit einem weit verbreiteten Vorurteil – Wärmepumpen funktionieren in wenig isolierten Altbauten und ohne Fußbodenheizung nicht – konfrontiert, das sich hartnäckig in den Köpfen der Verbraucher festgesetzt hat. „Die Fraunhofer Studie zeigt, dass das schlicht nicht wahr ist“, sagt der Walstedder und wollte es genauer wissen.

Zusammenarbeit mit der Hochschule Hamm-Lippstadt

In Zusammenarbeit mit der Hochschule Hamm-Lippstadt startete die Energiegemeinschaft einen Versuch: Zwölf Walstedder Hauseigentümer älterer Gebäude erklärten sich bereit, ihre Heizung nur mit einer Vorlauftemperatur von höchstens 50 Grad zu betreiben. Das ist die Temperatur, mit der Wärmepumpen arbeiten. Für die Gasheizung üblich ist eine Vorlauftemperatur von 70 Grad. Erste Ergebnisse zeigen: Es funktioniert auch in Altbauten, selbst wenn es wie Anfang Dezember recht kalt ist. „Es ist also nicht erforderlich, Hauswände und das Dach extra zu dämmen, neue Fenster oder eine Fußbodenheizung einzubauen“, macht Dr. Lück deutlich. In manchen Häusern könnte es erforderlich sein, die alten Rippenheizkörper aus Gussstahl auszutauschen.

Wie groß ist das Interesse, wer macht mit?

Dr. Manfred Lück, Sprecher der „Energienachbarschaft Walstedde“

Wie geht es weiter? Nächster Schritt ist eine Marktanalyse. „Wie groß ist das Interesse, wer macht mit?“, fragt sich der Mediziner. Wie viele Anschlüsse benötigt werden, steht noch nicht fest. Fest steht aber, dass 70 Prozent der Genossenschaftsmitglieder Privatpersonen sein müssen. Sicher ist auch: Wer Interesse hat, kann sich mit einem Genossenschaftsanteil von 300 Euro einkaufen und sich sofort oder erst später, wenn der Bedarf da ist, an das Netz anschließen. Es dürfe aber niemand glauben, dass die Realisierung schnell über die Bühne geht. „Ich gehe von vier bis fünf Jahren aus“, so Lücks Prognose.

Infos über Energienachbarschaft: Initiative verteilt Flyer

Wenn sich genügend Interessenten finden, wird ein Planungs- und Bauleitungsbüro für das Wärmenetz und die Stromversorgung gesucht. Zudem müssen Grundstücksfragen geklärt und Gutachten beauftragt werden. Auch müsse die Finanzierung mit der Bank geklärt und müssten Fördermöglichkeiten gesucht werden. Die Energienachbarschaft ist froh, dass die Stadt Drensteinfurt das Vorhaben für gut befinde und unterstützen möchte.

Weitere Infos: In den nächsten Tagen werden an alle Haushalte Flyer verteilt. Auf der Homepage www.walstedde.de hat die Energienachbarschaft Walstedde eine eigene Rubrik. Interessenten können sich per E-Mail an energienachbarschaft@walstedde.de melden oder mit einem Brief an die Adresse Energienachbarschaft Walstedde, Kirchplatz 22 (Briefkasten am Pfarrheim), 48317 Drensteinfurt, wenden.

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