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EU-Verbot für Tattoofarben als Riesenproblem für Tättowierer - Drensteinfurterin sticht nur Schwarz und Weiß

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Von: Mechthild Wiesrecker

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Sie kann aktuell nur Tattoos in Schwarz und Weiß stechen: Melanie Dircks in „Hopplas Tattoo Studio“ am Westwall. Der Grund ist eine seit 4. Januar geltende EU-Verordnung, die zahlreiche Tattoofarben verbietet.
Sie kann aktuell nur Tattoos in Schwarz und Weiß stechen: Melanie Dircks in „Hopplas Tattoo Studio“ am Westwall. Der Grund ist eine seit 4. Januar geltende EU-Verordnung, die zahlreiche Tattoofarben verbietet. © Wiesrecker, Mechthild

Für Tätowierer begann das Jahr 2022 mit einem Desaster. Seit dem 4. Januar gilt in der gesamten EU ein Verbot bisheriger bunter Tattoofarben. Schuld sind bestimmte Inhaltsstoffe und Grenzwerte, die nicht der Tattoo-REACH entsprechen –einer Verordnung der EU (siehe Infokasten). Vom Verbot betroffen sind auch einige Schwarz-, Grau- und Weißtöne, von denen nur wenige bisher REACH-konform erhältlich sind.

Drensteinfurt - Trotz Lieferschwierigkeiten geht in „Hopplas Tattoo Studio“ am Westwall die Arbeit weiter. Aktuell kann Tätowiererin Melanie Dircks jedoch ausschließlich Tattoos in Schwarz und Weiß stechen. Melanie Dircks kann das Verbot der Farben nicht nachvollziehen.

„Die Farben hatten schon immer eine EU-Zulassung“, sagt sie. Zudem sei das Verbot am Ende überraschend und in ihren Augen zu kurzfristig gekommen. „Im Fokus standen eher die Pigmente Green7 und Blue15“, erklärt sie. Eben diese sollen aber 2023 verboten werden. Das bringt dann noch einmal eine Umstellung mit sich.

Tattoo-REACH

Bei Tattoo-REACH handelt es sich um eine Verordnung der Europäischen Union. REACH steht für Registration, Evaluation, Authorisation and restriction of Chemicals oder auf Deutsch die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von chemischen Inhaltsstoffen.

Die Verordnung gilt im gesamten Geltungsbereich der Europäischen Union. Die Verordnung verbietet seit dem 4. Januar sämtliche Binde- und Konservierungsmittel gängiger Tattoofarben.

Leider seien aber nicht nur bunte Farben betroffen, sondern eigentlich alle Farben. Für die Drensteinfurter Tattoo-Künstlerin bedeutete das Verbot, dass sie ihre über Jahre erprobten schwarzen und weißen Farben nicht mehr benutzen durfte. Auch wenn einige Hersteller bereits REACH-konforme Farben auf den Markt gebracht hatten, bedeutete das nicht, dass man diese auch problemlos bestellen konnte.

Probleme, neue Farben zu bekommen

„Die Nachfrage war groß, alle Tätowierer hatten ja Bedarf“, erläutert sie. Viele Stunden verbrachte sie mit Recherche, um Händler zu finden, die noch liefern konnten, denn, so macht sie deutlich: „Der Laden muss doch weiterlaufen.“

Am Ende hatte sie Glück und konnte einige Fläschchen Schwarz in den verschiedenen Schattierungen ergattern. Mittlerweile bieten zwei Händler auch erlaubte bunte Farben an, doch bis sie davon welche bekommt, wird wohl noch einige Zeit dauern, denn die junge Tätowiererin möchte die bunte Farbe nur bei dem Händler ihres Vertrauens bestellen.

Drensteinfurterin sticht jetzt keine Farbtattoos

Also hat sie auf ihrer Facebook-Seite, über die derzeit wegen Corona sämtliche Termine abgewickelt werden, verkündet, dass sie im Januar und Februar nur Tattoos in Schwarz-Weiß stechen kann.

Schwer zu verstehen sei das Verbot schon, gibt sie zu. Immerhin würden die Tattoofarben seit Jahrzehnten benutzt und sie habe noch nie gehört, dass jemand daran gestorben sei.

Natürlich könne es mal allergische Reaktionen auf die Farben geben, aber die könnte man von bestimmten Lebensmitteln auch bekommen, so Dircks. Was sie besonders ärgerlich findet, sei die Tatsache, dass es keine Studien über die Schädlichkeit gebe. „Da hat jemand überreagiert“, findet sie.

Keine allergische Reaktion auf Farben in sieben Jahren als Tättowiererin

In den sieben Jahren ihrer Tattoo-Tätigkeit habe sie selbst noch keine allergische Reaktion auf die Farbe erlebt. Es komme wohl schon mal vor, dass es zu Entzündungen kommt, räumt sie ein.

Es reiche nicht, steril zu arbeiten, die Tätowierung müsse bis zur Abheilung entsprechend behandelt werden. So dürfe kein Dreck in die Wunde kommen. Auch sollte die Stelle mit speziellen Cremes gepflegt werden.

Grob geschätzt fertigt Dircks zu 75 Prozent schwarz-weiße Tattoos an und nur 25 Prozent farbige. Darum bleibe immer noch viel zu tun. Für Tätowierer hingegen, die sich auf farbige Tattoos spezialisiert haben, sei die aktuelle Situation eine Katastrophe.

Auf ihrer Facebook-Seite informiert sie ihre Kunden regelmäßig über die aktuelle Verordnung und neueste Entwicklung. Kunden, die ein farbiges Tattoo wünschen, vertröstet sie auf später. Dircks: „Es gibt ja Hoffnung, die Hersteller arbeiten daran.“

Kunden zeigen Verständnis

Die Kunden seien verständnisvoll, Angst davor, durch die Tattoos krank zu werden, hätten sie nicht. Nur ein Kunde habe gefragt, ob die Farbe schlecht für seinen Körper sei. Den habe sie aber beruhigen können. „Es sind ja extra fürs Tätowieren entwickelte Farben“, stellt sie klar.

Mit der neuen REACH-konformen Farbe kann Melanie Dircks gut arbeiten, auch wenn sie ihrer alten Farbe noch nachtrauert. „Ich wusste, wie sie sich verarbeiten lässt und wie sie am Ende aussieht“, erklärt sie. Jetzt müsse sie erst einmal probieren und Erfahrungen sammeln. „Die Farben sind gut, aber es ist ein Neuanfang.“ Bei der alten Farbe gab es 13 verschiedene Abstufungen der Farbe Schwarz. Die neue Farbe habe nur sieben Schattierungen.

Ende des Jahres hat sie ihre Kunden aufgefordert, noch bis Jahresende zu kommen, um farbige Tattoos nachzustechen. Neue Tattoos in Farbe stach sie bis Ende Oktober, weil bis dahin eine Nachbesserung bis zum 4. Januar möglich war.

Die alten Farben musste sie übrigens entsorgen. Die Kosten im dreistelligen Bereich, bezahlt sie aus eigener Tasche, eine Versicherung kommt dafür nicht auf.

Hoffnung auf Petition gegen Farbverbot

Die Drensteinfurter Tätowiererin hofft jetzt auf einen Erfolg der Petition „Save The Pigments“, mit der sich europäische Tätowierer gegen das geplante EU-Verbot der Pigmente wehren. In dieser sprechen die Initiatoren Erich Mähnert und Diplom-Ingenieur Michael Dirks von einer massiven Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Anbietern anderer Länder und mahnen vor dem Auftreten von Hinterhof-Tätowierern. Diese könnten durch die Beschaffung illegaler Mittel aus unüberwachten Online-Geschäften das Wohl der Konsumenten gefährden, heißt es in der Petition. Hier findet sich auch der Hinweis auf das Bundesinstitut für Risikobewertung, das beim Verbot der Pigmente von einer nicht ausreichenden Datenlage und einer vergleichsweise geringen Toxizität spricht.

Die Pigmente 74160 (Pigment Blue15) und 74260 (Pigment Green7) seien für die weltweite Tattooszene nicht zu ersetzende Pigmente. Werden sie verboten, sind laut Gordon Lickefett, Vorstand des Bundesverbandes Tattoo, zwei Drittel aller Farben vom Markt verbannt.

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