Jubel über absehbares Ende des Homeschoolings in Drensteinfurt

Endlich die Freunde und nicht nur das Tablet sehen

Am liebsten zusammen: Marie (vorn) und Leni sind Premiumkontakte der ersten Stunde und treffen sich zum gemeinsamen Lernen.
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Am liebsten zusammen: Marie (vorn) und Leni sind Premiumkontakte der ersten Stunde und treffen sich zum gemeinsamen Lernen.

Seit fast zwei Monaten nun sitzen die meisten Schüler zuhause vor dem Bildschirm statt mit Klassenkameraden und Lehrern vor der Tafel. Sie nehmen die Abschottung per Homeschooling in Kauf – und auch die damit verbundenen Probleme, die in jeder Familie ganz unterschiedlicher Art sind. Aber alle eint nun, dass die absehbare Öffnung der Grundschulen ein Grund zur Riesenfreude ist.

Drensteinfurt – Die achtjährige Leni Schneider hat Glück: Ihre beste Freundin Marie Schulten wohnt gleich gegenüber. Seit dem Kindergarten kennen sich die Mädchen, und seit drei Jahren drücken sie auch die Schulbank gemeinsam. Klar, dass die beiden Achtjährigen sich schon im ersten Lockdown als Premiumkontakte weiterhin besucht haben. So treffen sie sich zum Spielen – und machen auch mal zusammen Hausaufgaben, wenn es irgendwo hakt.

Lenis Mutter Cathrin Schneider ist froh über diesen Kontakt, „das macht den Lockdown weniger schwer“, sagt sie, räumt aber gleich ein, dass ein normaler Tagesablauf kaum möglich ist. Während Leni mit Tablet und Schulbüchern am Esstisch sitzt, arbeite sie selbst derzeit im Homeoffice gleich nebenan am Rechner. Da werden Schwierigkeiten bei einer Matheaufgabe oder die Buchstabierung eines Wortes auf dem „kurzen Dienstweg“ quer durchs Wohnzimmer geklärt. „Es gibt ruhige Tage und weniger ruhige – und dann verschiebt sich mein Feierabend leider automatisch nach hinten.“

Dennoch räumt Cathrin Schneider ein, in einer Luxussituation zu stecken: „Wir schlagen uns gut, mein Mann und ich wechseln und so ab, dass immer einer bei Leni sein kann, und so kommt sie im Lernstoff gut mit“, beschreibt sie die Abläufe. „Dabei ist die Homeoffice-Möglichkeit natürlich sehr hilfreich, und zusätzlich haben wir alle technischen Voraussetzungen.“ Die Internetverbindung im Wohngebiet rund um Berthas Halde läuft weitgehend störungsfrei, „insofern ist die digitale Form des Unterrichts mit dem regelmäßigen Kontakt zur Klassenlehrerin Daniela Wehldreyer super“. Toll sei auch der Zeugnistag gewesen, als die Lehrerin draußen saß und die Zeugnisse zusammen mit einer Tüte Süßigkeiten übergab als „Stärkung fürs Kinder-Homeoffice“.

Lehrer sind präsenter als im ersten Lockdown

Leni und Marie freuen sich zwar sehr darauf, dass sie bald wieder in die Schule gehen können, aber das Lernen mit dem Tablet mögen sie auch. „Vor allem die Videos“, sagen sie kichernd. Einige ihrer Lehrer drehen sogar selbst kleine Lernfilme oder machen Sport per Video vor. „Das ist lustig.“ Neben den Lernvideos lobt Cathrin Schneider vor allem die Präsenz der Lehrer. „Das ist sicherlich viel besser als im ersten Lockdown“, stellt sie fest. Jetzt gebe es Videokonferenzen an zwei festen Tagen in der Woche, und wenn die Kinder Fragen haben und Aufgaben verschicken, kommt von der Klassenlehrerin gleich ein Feedback zurück. „Das gibt dem Tag eine ganz gute Struktur.“ So arrangieren sich hier alle mit dem Distanzlernen, freuen sich aber auf die Rückkehr.

„Jetzt ist aber auch langsam mal gut“

Auch im Haus von Nathalie Reich wird gejubelt angesichts der bevorstehenden Rückkehr zur Schule. Die zehnjährige Henrike sieht ohnehin ihren letzten Wochen an der Grundschule entgegen, da wäre es „schön, wenn ich die noch mit der Klasse verbringen kann“, wie sie sagt. In schulischer Hinsicht macht sich ihre Mutter keine Sorgen, mit einem Notenschnitt von 1,9 schafft sie es mit ziemlicher Sicherheit auf die Fritz-Winter-Gesamtschule in Ahlen, die Henrikes Favorit ist.

Elise (7) tut sich in der ersten Klasse schwerer mit dem Homeschooling, „sie hat schon im ersten Lockdown schnell den Anschluss verloren“, erinnert sich Nathalie Reich. „Mit der Technik wie iPad und der Lernplattform Padlet kommen die Erstklässler super klar“, beschreibt die alleinerziehende Mutter. Sie erlebt aber, dass ihnen der selbstbewusste Umgang damit noch fehlt. „In den Videokonferenzen trauen sich einige einfach nicht, in Erscheinung zu treten.“ Für Elise stellt sie fest, dass ihr einfach diese Alltagsstruktur im System Schule fehlt.

Dennoch haben sie sich ganz gut arrangiert mit der Situation Homeschooling. Auch weil Nathalie Reich sich ihre Arbeitszeit absolut flexibel einteilen kann. „Ich gehe aus dem Haus, wenn hier alles läuft und meine Eltern übernehmen können.“ Anstrengend ist das öfter, fühlt sich an wie ein Hamsterrad. „Es gibt diese Tage, da denke ich: Jetzt ist aber mal langsam gut.“ Doch die energiegeladene Mutter bewahrt sich ihren Optimismus weitgehend: „Ändern können und sollten wir den Lockdown nicht“, ist ihre Devise, „also machen wir das Beste draus“.

Auf die Notbetreuung greift sie bewusst nicht zurück: „Andere haben es schulisch oder familiär sicherlich schwerer, die sollten das Angebot nutzen.“ Sie lobt die Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen, die zum Beispiel Arbeitsblätter zur Verfügung stellten, „bis wir einen eigenen Drucker hatten“. Und sie schätzt sich glücklich, dass auch ihre beiden Töchter je eine Freundin haben, mit der sie sich noch treffen können.

Gemeinschaft in Form einer Steinschlange

Alice Kelker atmet angesichts des bevorstehenden Präsenzunterrichts ebenfalls auf. „In dieser Woche gab es bei allen im Kollegium ein kleines Tief, auch bei mir“, räumt die Schulsozialpädagogin ein. Bei einer gemeinsamen Videokonferenz sei die Stimmung nicht gut gewesen, alle waren sich einig: Es muss wieder los gehen. „Da kam die Nachricht über die Öffnung natürlich genau zur rechten Zeit.“

Zumal die Lehrerinnen der Drensteinfurter Grundschule anhand der bearbeiteten Aufgaben, die sie von den Schülern zurück bekommen, feststellen, dass einige Kinder langsam Rückstände entwickeln und wieder mehr Betreuung brauchen. „Es ist noch nicht dramatisch“, sagt Alice Kelker beruhigend, „aber es wird Zeit.“ Sie lobt Eltern und Kollegen, die viel aufgefangen und gut durchgehalten haben.

Die Nachricht von der Schulöffnung kam genau zur richtigen Zeit, wir steckten irgendwie alle in einem Tief in dieser Woche.

Alice Kelker Schulsozialpädagogin KvG-Grundschule

Nach den Weihnachtsferien hatte die Schulsozialarbeiterin die Schüler animiert, ihre Gemeinschaft mit einer Steinschlange auszudrücken. „Jeder kann einen oder mehrere Steine bemalen und kontaktlos in einen Eimer an der Schule legen“, erklärt sie. Fast 30 Steine lang ist die Schlange bereits, und zur Begeisterung aller hat sich der Künstler Ben Uhlenbrock einmal mehr eingebracht und einen tollen Kopf für die Schlange gemeißelt. Es darf munter weitergemalt werden, alle Steine bekommen eine wetterfeste Lackschicht, sodass die Schlange sich demnächst möglichst lang durchs Schulgelände winden wird.

Alice Kelker macht Mut: „Bald sehen wir uns wieder.“ Sie rät den Familien durchzuatmen: „Wir haben jetzt bis Dienstag frei. Das sollte jeder nutzen und es ruhig angehen lassen.“ Also raus aus der Spirale und am besten rein ins Wintervergnügen.

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