Sie fühlen sich im Stich gelassen

Eingeschränkter Regelbetrieb: Leiterinnen äußern sich zur Corona-Situation in Kindertageseinrichtungen

Laura Merschhoff kümmert sich nicht nur zu Hause um ihren Sohn Johannes. Den Dreijährigen betreut die Drensteinfurterin auch als Erzieherin in der Kindertageseinrichtung Zwergenburg.
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Laura Merschhoff kümmert sich nicht nur zu Hause um ihren Sohn Johannes. Den Dreijährigen betreut die Drensteinfurterin auch als Erzieherin in der Kindertageseinrichtung Zwergenburg.

Seit dem 11. Januar und mindestens noch bis zum 12. Februar befinden sich die Kindertageseinrichtungen im eingeschränkten Regelbetrieb.

Drensteinfurt/Rinkerode/Walstedde – Die Umfänge der Betreuung haben sich nach Vorgabe des Ministeriums um zehn Stunden pro Woche wegen Corona reduziert: von 45 auf 35, von 35 auf 25 und von 25 auf 15. NRW-Familienminister Joachim Stamp appellierte an alle Eltern und Erziehungsberechtigten, das Betreuungsangebot nur zu nutzen, wenn es absolut notwendig ist.

Doch wie ist die Situation in den zehn Kitas in Drensteinfurt? Wie viele Kinder werden aktuell betreut? Wie viele Erzieher sind im Einsatz? Welche Bedenken gibt es? Und sind Corona-Fälle in den Einrichtungen aufgetreten? Der WA hat exemplarisch bei der Verbundleitung der katholischen Kindertageseinrichtungen sowie den Leiterinnen der Kitas Zwergenburg in Drensteinfurt und St. Georg in Ameke nachgefragt.

Corona-Situation: Katholische Kitas

Die Kirchengemeinde St. Regina unterhält vier Tageseinrichtungen für Kinder: St. Regina und St. Marien in Drensteinfurt, St. Pankratius in Rinkerode und St. Lambertus in Walstedde. Verbundleiterin ist seit August 2018 Marion Fritz. „Wir haben getrennte Gruppen. Das ist in allen vier Kitas so. In der Regel haben die Kitas auch die Geschwisterkinder, so wie es in der Empfehlung steht, zusammengefasst“, sagt sie.

Auslastung bis zu 70 Prozent

Prozentual gesehen werden mehr Mädchen und Jungen betreut als im eingeschränkten Regelbetrieb im Frühjahr 2020. In der Kita St. Regina in der Innenstadt sind die Zahlen unterdurchschnittlich. „Sie wäre mit knapp 50 bis 60 Kindern ausgelastet“, berichtet Fritz, nur rund 20 werden täglich gebracht. In der Kita St. Marien am Windmühlenweg ist die Gruppe für Kinder unter drei Jahren voll, die anderen drei sind teilweise zur Hälfte belegt. In Walstedde (St. Lambertus) beträgt die Auslastung 60 bis 70 Prozent, in Rinkerode (St. Pankratius) 50 bis 60 Prozent. „Die Eltern können im Prinzip frei wählen, wann sie ihre Stunden nutzen möchten“, sagt Fritz. Um die Betreuung zu planen, gab es eine Bedarfsabfrage.

Im Einsatz sind alle Erzieher – „soweit es möglich ist“. „Im ersten Lockdown hatten wir – auch wegen der anderen Regelungen – die Möglichkeit, die Älteren, die Risikogruppen und auch die Mütter zu Hause zu lassen.“ Was vermehrt aufkommt, ist, dass die Kinderkrankentage genutzt werden. „Sie möchten ihre Kinder zu Hause betreuen, was ich durchaus verstehen kann. Momentan bekommen wir es noch sehr gut geregelt“, sagt Fritz. Aber: „Wenn uns die Mitarbeiterinnen durch die Kinderkrankentage wegbrechen, kann es natürlich dazu führen, dass wir die Öffnungszeiten nochmal einschränken müssen.“

Die Gefühle der Erzieher seien gemischt, sagt die Verbundleiterin. „Die Angst ist definitiv da.“ Es gebe mittlerweile verschiedenste Studien, dass Erzieher mit zu den gefährdetsten Berufsgruppen gehörten. „Meine Wahrnehmung ist, dass die Erzieher sich sehr im Stich gelassen fühlen – nicht vom Träger, sondern von der Regierung.“ Schließlich sei es ein Appell des Ministeriums, die Kinder selbst zu betreuen. „Die Kinder können zu Hause bleiben, müssen es aber nicht. Ich glaube, damit hadern viele Erzieher – auch wenn sie ihren Job gerne machen und sie sagen, die Kinder benötigen den Umgang mit den anderen Kindern.“ Auch mit den FFP2-Masken täten sich viele schwer, sagt Fritz.

Insgesamt seien die Mitarbeiter allerdings auch in Corona-Zeiten total engagiert. „Wir gucken gerade, wie wir uns vernetzen und den Eltern eine Online-Plattform ermöglichen können.“ Es gebe Ideen, Videos hochzuladen oder Lieder aufzunehmen. „Es ist vieles im Wandel“, sagt Fritz.

Konkrete Corona-Fälle habe es in den katholischen Kitas noch nicht gegeben. „Es gab verschiedenste Sachen. Wir hatten in einer Einrichtung eine Mitarbeiterin, deren Eltern erkrankt waren. Sie war in Quarantäne, das hatte aber auf die Einrichtung keine Auswirkungen“, sagt Marion Fritz, die eine einheitliche Regelung bei den Gesundheitsämtern vermisst. „Wir hatten auch schon Eltern, die infiziert waren.“ Geschlossen werden musste aber noch keine Kita.

Weniger Erkältungen

Das liege auch daran, dass die Erzieher sich strikt an die Hygieneregeln halten. „Das merkt man. Dieses massive Händewaschen und Desinfizieren haben dazu geführt, dass wir wesentlich weniger Erkältungskrankheiten haben“, sagt die Ahlenerin, die im Homeoffice arbeitet. „Ich habe den Luxus. Das können die Erzieher leider nicht.“

Corona-Situation: Kita Zwergenburg

38 von 102 Mädchen und Jungen sind in dieser Woche in der Drensteinfurter Kindertageseinrichtung Zwergenburg. Das sind 37 Prozent – und damit laut Leiterin Petra Wrede „viel mehr“ als während des eingeschränkten Regelbetriebs im Frühjahr 2020. Betreut werden die Mädchen und Jungen weiterhin in getrennten Gruppen, Geschwisterkinder zusammen. „Auch das Team ist strikt getrennt“, betont Wrede.

Von den 19 Erzieherinnen sind zurzeit alle im Einsatz. „Eine unterstützt mich risikobedingt im Büro“, sagt Wrede. „Alle kommen gerne.“ Seitdem bekannt ist, dass es Mutationen des Coronavirus gibt, sei die Angst allerdings größer geworden. Auch wenn es schwierig sei, mit Maske zu arbeiten – gerade wenn sich die Erzieherinnen zu nahe kommen, nutzen sie diese. „Sie müssen die Maske nicht aufsetzen, dürfen aber“, erklärt Berit Fälker, seit 2014 die 1. Vorsitzende der Elterninitiative „Die Zwergenburg“. Die Kinder hätten sich längst an Erziehrinnen mit Maske gewöhnt.

Corona-Fälle habe es in der Kita noch nicht gegeben – „Gott sei Dank“, sagt Wrede. Dass Erzieherinnen sich testen lassen mussten, kam aber schon öfter vor. „Die Tests waren alle negativ.“ Bei Erkältungssymptomen blieben die Mitarbeiterinen natürlich zu Hause. Zudem gebe es die Möglichkeit für die Erzieherinnen, im Homeoffice zu arbeiten, sagt Wrede, die die Kita seit 2010 leitet.

Die Eltern profitieren seit Dezember von einem flexiblen System. Bis freitags müssen die Rückmeldungen vorliegen, wann sie ihre Kinder in der nächsten Wochen betreuen lassen. Betreut werden können die Mädchen und Jungen momentan von 7 bis 15.30 Uhr, in normalen Zeiten ist dies bis 16.45 Uhr möglich (außer freitags). Eine weitere Einschränkung: Die Betreuungszeit pro Kind ist wie bei den katholischen Kitas um zehn Stunden reduziert. Elterngespräche finden als Telefonat, im Augengelände oder als sogenannter Dialog-Spaziergang statt.

Corona-Situation: Kita St. Georg

In der Kindertageseinrichtung St. Georg im Ameke gibt es eine altersgemischte Gruppe. Etwa 50 Prozent der 22 angemeldeten Mädchen und Jungen werden im eingeschränkten Pandemiebetrieb betreut. „Elf bis 13 Kinder sind da“, sagt Beate Brandstetter-Mucha, die seit 1983 in der Kita arbeitet und seit 36 Jahren deren Leiterin ist. Damit sind es etwas mehr als zu Beginn der Pandemie. Damals wurden etwa zehn Kinder betreut.

Das Team besteht aktuell aus drei Erzieherinnen. „Wir teilen uns ein bisschen auf, sodass wir das Ganze mit Abstand über die Bühne bringen.“ Abstand zu den Kindern zu halten, „ist absolut nicht praktikabel“, sagt Brandstetter-Mucha. Sie und ihre Kolleginnen sind skeptisch. „Wir sind bei unserer Arbeit ja nun wirklich ausgesetzt ohne großen Schutz“, unterstreicht die Leiterin. Bislang ist es alles so weit gut gegangen. „Bei uns gab es noch keinen Fall.“ Allerdings blieben Kinder meist symptomfrei, sagt Brandstetter-Mucha. In den Kindergärten in der Umgebung – in Kamen, Werne und Hamm – gebe es dagegen laufend Infizierte.

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