Ex-DDR-Bürger erleben Mauerfall vorm Fernseher 

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Drensteinfurt – Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Mit Stacheldraht und Schießbefehl beendete das DDR-Regime damit die Flucht tausender Ostdeutscher aus der DDR in die Bundesrepublik. Bis zum 9. November 1989 sollte die Hauptstadt Berlin zweigeteilt sein. 30 Jahre sind seitdem vergangen. Das Drensteinfurter Ehepaar Ingrid und Achim Prasse aber erinnert sich noch lebhaft an diesen denkwürdigen Tag. Beide haben Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Nach Westdeutschland kamen sie, nach etlichen Ausreiseanträgen und Sanktionen, noch vor dem Mauerfall.

„Ich habe Rotz und Wasser geheult“, erinnert sich Ingrid Prasse an den 9. November 1989. Als die Bilder der Menschen, die unbehelligt die Grenze zum Westen passierten, über den Bildschirm flimmerten, saß die Drensteinfurterin alleine in ihrem Wohnzimmer. „Ich hätte mich so gerne jemandem mitgeteilt.“ Doch die Telefone zu den Verwandten im Osten sollten infolge der Überlastung noch tagelang blockiert sein. Erst als ihr Ehemann von einer Sitzung nach Hause kam, konnte sie die Neuigkeit loswerden. Achim Prasse reagierte mit Unglauben: „Du spinnst doch“, habe er gesagt, ehe ihn die Bilder im Fernsehen überzeugten.

Ingrid Prasse wuchs in Potsdam auf, Achim Prasse im sächsischen Waldheim. Letzteres galt wegen des Zuchthauses als einer der verruchtesten Orte in Ostdeutschland. Waldheim lag zudem im „Tal der Ahnungslosen“, wo kein Westfernsehen empfangen werden konnte.

Ingrid und Achim Prasse stammten aus katholischen Familien. In der Kindheit war das noch kein großes Problem, zumal Achim Prasse wie alle seine Klassenkameraden bei den Jung-Pionieren war. Problematischer wurde es, als sie älter wurden. „Katholiken durften kein Abitur machen und schon gar nicht studieren“, erzählen sie unisono.

Dass es den Menschen im Westen besser ging, wusste das Ehepaar aus Briefen und zum Teil auch aus dem Radio. Und dann erinnern sie sich mit leuchtenden Augen an die Pakete aus dem Westen. „Das roch so unglaublich gut“, sagt Ingrid Prasse, dieser Geruch sei noch immer präsent. Da waren Orangen in den Päckchen, die es in der DDR für das gemeine Volk nicht zu kaufen gab.

„Wir wussten schon, dass das nicht für die Funktionäre galt“, so die 78-Jährige. „Die wohnten in abgegrenzten Bezirken, mit Jugendstilvillen und eigenen Läden, in denen das Angebot so war wie im Westen“, versichert der Familienvater.

Nach Flucht des Bruders Sanktionen 

Dass viele nicht geflohen sind, als es noch möglich war, können die beiden gut verstehen. „Es ist ja die Heimat und es leben Freunde und Verwandte dort.“ Als sein Bruder bei einem Fluchtversuch in den Westen geschnappt wurde, musste Achim Prasse kurze Zeit später seinen Ausweis abgeben. Fortan wurde er bewacht. Um Menschen zu bespitzeln, wurden Wanzen in den Wohnungen angebracht und Nachbarn bedroht, damit sie nichts verraten. 1973 stellte Achim Prasse seinen ersten Ausreiseantrag, der wie viele weitere abgelehnt wurde. Es folgten Sanktionen im Beruf. Als Elektriker musste er jetzt wieder die Überlandleitungen reparieren, ständige Bereitschaftsdienst übernehmen und wurde drangsaliert.

Ausreise am Tag vor Heiligabend gestattet

1975 stellte er zusätzlich einen Ausreiseantrag für seine Verlobte. Ingrid Prasse arbeitete als Sekretärin in einem katholischen Krankenhaus in Berlin. Von Sanktionen blieb sie verschont – im Gegenteil, die Ärzte im Krankenhaus hatten Verständnis für sie. Am 23. Dezember 1975 wurde Achim Prasse zum Amt einbestellt. Dort teilte man ihm mit: „Heute Nachmittag reist du ab.“ Völlig überrascht konnte er einen Tag rausschinden und bis zum 24. Dezember bleiben. Gerade Zeit genug, um sich von seiner Verlobten zu verabschieden.

So traf er mit 100 D-Mark Heiligabend 1975 in Münster ein. Hier lebte sein Bruder, der nach einer Amnestie von der deutschen Regierung freigekauft worden war. Dieser war nicht minder erstaunt, habe ihn aber sofort aufgenommen. Im Westen sei ihm schnell klar geworden, dass nicht nur die Luft besser und die Wiesen grüner sind, sondern auch, dass er sich um alles selber kümmern musste, so Achim Prasse. In seinem Beruf als Elektriker konnte er nicht arbeiten. „Wir waren in der DDR 20 Jahre hinter der Technik in Westdeutschland zurück.“ So holte er das Abitur nach und studierte über den zweiten Bildungsweg auf Lehramt.

Seine Verlobte traf er auf der Leipziger Messe im Frühjahr und in Prag, denn dorthin durften Ostdeutsche ohne Visum fahren. Im Dezember 1976 kam die erste Tochter zu Welt, die Ausreise von Mutter und Kind wurde jedoch erst im April 1978 genehmigt. Bis dahin schrieben sich die beiden täglich Briefe, die sie sich gesammelt und per Einschreiben zuschickten, oft mit ein paar Zeilen für die Kontrolleure, denn die Briefe wurden geöffnet.

Neue Heimat in Drensteinfurt

In Drensteinfurt haben eine neue Heimat gefunden. „Für unsere drei Kinder war es ein Segen“, sagt die mittlerweile sechsfache Großmutter. Hier konnten sie sich auch in der Gemeinde engagieren, in der Achim Prasse seit 2005 als Diakon wirkt.

Dass die Mauer vor 30 Jahren gefallen ist, sei für die Menschen gut gewesen, doch der ehemalige Ostdeutsche hätte sich gewünscht, die Regierung hätte sich mehr Zeit gelassen. „Man hätte aus beiden Staaten das Beste auswählen müssen“, gibt er zu bedenken.

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