„Das gab es seit 200 Jahren nicht“

Gottesdienstbesucher stehen in Drensteinfurt vor verschlossenen Kirchentoren

Auf die besonderen Verhaltensweisen in der Kirche weist Pfarrer Jörg Schlummer hin.
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Auf die besonderen Verhaltensweisen in der Kirche weist Pfarrer Jörg Schlummer hin.

„Wir wollen dankbar sein, dass wir die heilige Messe hier und heute feiern dürfen“, hatte Pfarrer Jörg Schlummer am Samstagabend bei der Vorabendmesse in der Georgskapelle in Ameke den Gläubigen verkündet. Zu diesem Zeitpunkt landete die E-Mail des Bistums Münster in seinem Postfach. „Alle Gottesdienste und Veranstaltungen fallen ab Sonntag aus.“ Lediglich die geplanten Taufen am Sonntag und die geplanten Beerdigungsfeiern in dieser Woche werden stattfinden. Die Kirchen selbst bleiben zu den gewohnten Zeiten tagsüber für das persönliche Gebet geöffnet.

Drensteinfurt/Walstedde – Es war eine überschaubare Anzahl von Gläubigen, die am Sonntagmorgen in Walstedde den Gottesdienst besuchen wollte. „Es sind weniger gekommen als üblich“, versicherte Küster Alfons Wrocklage, der die Gläubigen an der Kirchentür über den Ausfall der Gottesdienste informierte. Vielleicht habe sich die Information bereits rumgesprochen, möglicherweise sei der eine oder andere auch aus Vorsicht nicht gekommen. Bis auf ein Ehepaar, das sich über die späte Information ärgerte, sei er auf viel Verständnis gestoßen.

„Man muss in diesen Tagen vorsichtig sein“, sagt Gottesdienstbesucherin Maria Tiggemann, sie könne den Ausfall der Messe verstehen. Irmtraud Knobloch findet es sehr traurig, dass sie nicht zur Messe gehen kann; sie hofft jetzt, dass der Zustand nicht zu lange anhält. „Wir haben damit gerechnet“, gibt Hildegard Weismüller zu. Dann fügt sie hinzu: „Beten kann man aber auch ohne Gottesdienst und die Kirchen sind ja weiter offen.“

„Das hat es seit 200 Jahren nicht gegeben, dass am Sonntag in der Walstedder Kirche kein Gottesdienst gefeiert wurde“, vermutet Alfons Wrocklage. Die gebürtige Walstedderin Maria Haase (89) erinnert sich: „Selbst im Krieg wurde am Sonntag die heilige Messe gefeiert.“ Nur, wenn in der Nacht Fliegerangriffe waren, fand statt drei Messen nur eine um 10 Uhr statt. Die alte Dame ist froh, am Sonntag den Gottesdienst am Fernseher mitfeiern zu können.

Coronavirus hat "biblisches Ausmaß"

Pfarrer Jörg Schlummer sprach von einem „biblischen Ausmaß“, mit dem niemand gerechnet habe. Er versichert aber: „Wir versuchen, alle Maßnahme umzusetzen und die Gesundheit im Auge zu behalten, damit sich der Virus nicht ausbreitet.“ Er bedauert, dass keine Messen abgehalten werden dürfen, da sich viele gerade jetzt mit existenziellen Fragen wie dem Tod beschäftigten. Hier könnte der Besuch der heiligen Messe Kraft und Hoffnung bringen.

In der Messe in Ameke hatte der Pfarrer zum Friedensgruß die Gläubigen aufgefordert, es auf die „chinesische Art“ zu versuchen: So verbeugte er sich, während er die Hände vor der Brust zusammenführte. Besonders erfreut zeigte er sich über die Reaktion der Malteser, die schnell und unbürokratisch jenen helfen, die in Quarantäne leben müssen und niemanden haben, der für sie einkauft (siehe Meldung).

Füreinander da sein

Seinen Appell richtete Schlummer an alle Menschen: „Helft euch gegenseitig, telefoniert miteinander, seid für andere Ansprechpartner“, so seine Bitte. Er selbst sei nicht besorgt, er glaubt aber, dass die Pandemie Probleme nicht nur gesundheitlicher Art bereitet, sondern auch gesellschaftlicher: Sie bedrohe Arbeitsplätze, Wirtschaft und Banken. „Es ist eine Riesenverantwortung“, machte Schlummer deutlich.

Am heutigen Montag erwarte er weitere Informationen aus dem Bistum. Noch steht nicht fest, wie lange die Gottesdienste ausfallen, wie es mit den Osterfeierlichkeiten steht und ob noch weitere Maßnahmen ergriffen werden müssen. So könne er sich vorstellen, dass auch Trauungen und Taufen verschoben werden und notwendige Beerdigungen nur noch auf dem Friedhof am Grab stattfinden. Geschlossen sind bis auf Weiteres auch die Büchereien in Walstedde und Drensteinfurt.

Besondere Verhaltensweisen

Die noch stattfindenden Taufen und die notwendigen geplanten Beerdigungen würden unter Einhaltung besonderer Verhaltensregeln durchgeführt. Dazu gehört der Verzicht auf Kelchkommunion, auf die Nutzung des Weihwasserbeckens und auf den Friedensgruß mit den Händen. Außerdem erfolgt die Vergabe der Kommunion nur per Hand, sorgfältige Händedesinfektion von Priestern, Diakonen, Lektoren und Kommunionspendern sind gefordert. Personen mit Krankheitssymptome sollten zu Hause bleiben.

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