Bomben auf Drensteinfurt - Zeitzeugen erinnern

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58 Häuser wurden beim Bombenangriff vor 76 Jahren völlig zerstört, 47 weitere Gebäude schwer beschädigt. Das Foto zeigt die Münsterstraße.

Über die Sorge um die Folgen der Corona-Pandemie gerät die Vergangenheit zwar in den Hintergrund, aber nicht in Vergessenheit. Am heutigen Montag jährt sich einer der schwärzesten Tage in der Drensteinfurter Geschichte zum 76. Mal.

Drensteinfurt – Heute sind es Viren, die die Menschheit bedrohen, 1944 waren es die alliierten Bomber, die mit rund 380 schweren Sprengbomben innerhalb weniger Minuten das Leben von 64 Drensteinfurter Bürgern auslöschten und weitere 200 verletzten. Große Teile der Stadt wurden in Schutt und Asche gelegt, 58 Wohnhäuser total zerstört, darunter das Amtsgebäude der Stadtverwaltung. 47 Häuser wurden schwer beschädigt, dazu zählte auch das Marienhospital an der Hammer Straße.

Die Zeitzeugen erinnern sich noch heute an die flächendeckende Bombardierung der Stadt. 262 Bomben fielen im Stadtgebiet, 116 zusätzliche Sprengbomben außerhalb der Innenstadt.

„Der 23. März war ein wunderbarer sonniger Tag, als in der Mittagszeit kurz vor 12 Uhr die Flugzeuge kamen“, berichtete Heinrich Böcker, damals 14 Jahre alt. Er sei damals mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder ins Haus gegangen. Eine der Bomben, die auf Drensteinfurt abgeworfen wurden, traf das Haus und verschüttete ihn und seine Familie. „Alles war voller Staub, ich bekam wenig Luft und hatte Angst, aber ich konnte mich melden“, erinnert sich der heute 90-Jährige an die zwei Stunden unter den Trümmern.

Von Franzosen ins Marienhospital gebracht

Die Franzosen hätten ihn herausgegraben, eine Trage gezimmert und ihn ins - Marienhospital gebracht. „Dort lagen überall Verletzte, es gab keinen Platz mehr“, berichtet er. Im Krankenhaus hätte er mit seiner Mutter, die viele Glassplitter im Gesicht abbekommen hatte, bis zum Abend im Keller auf den Abtransport in die Universitätsklinik nach Münster gewartet. „Es wurden ja erst die Schwerstverletzten abgeholt“, sagt er. Heinrich Böcker zog sich damals einen komplizierten Fersenbruch zu, unter dessen Folgen er bis heute leidet.

Die 85-jährige Gertrud Bennemann erlebte die Bombenangriffe im Keller ihres Elternhauses an der Wagenfeldstraße. Damals war sie neun Jahre alt, bis heute erinnert sie sich an die Angst, die sie spürte. „Als der Angriff vorbei war, blieb die große Zerstörung“, sagt sie. Obwohl ihr Elternhaus nicht getroffen wurde, waren durch die Detonationen in der Umgebung Decken heruntergefallen und das Porzellan zerbrochen.

Schutzräume vor Entwarnung verlassen

„Meine Mutter schickte mich mit meinem damals sechsjährigen Bruder durch die Trümmer der Stadt zum Bauernhof von Onkel und Tante in Averdung“, erinnert sie sich. Sie wollte uns in Sicherheit wissen, raus aus der zerstörten Stadt. „Wir haben geweint, ich weiß gar nicht genau warum, vielleicht weil alles so schrecklich war und weil wir große Angst hatten“, sagt sie.

Warum die Zahl der Opfer so hoch war, erklärt der Historiker Dr. Werner Bockholt in seinem Buch mit der Überraschung des Angriffs. Nach einem Fliegeralarm am Morgen waren gegen Mittag keine Flugzeuge mehr zu hören und viele Menschen hatten die Schutzräume verlassen, obwohl die Entwarnung noch nicht erfolgt war. Als gegen 11.30 Uhr die rund 20 Flugzeuge von Osten kommend auf Drensteinfurt zuflogen, um ihre Bomben über die Kleinstadt abzuwerfen, bemerkten sie deren Anflug nicht. Große Teile der historischen Altstadt wurden damals unwiederbringlich zerstört.

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