Ehrenamt in Drensteinfurt

Birgit Laubrock betreut neun Flüchtlingskinder und ihre Familien

Birgit Laubrock besucht eine der von ihr betreuten Flüchtlingsfamilien
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Hilfe an der Hautür. Birgit Laubrock spricht mit Hasan Ademi und seinem Sohn Gabriell (12). Auf dem Arm des Vaters die zweijährige Arwen. Die Familie aus Kroatien lebt mit sieben Kindern in der Weidenbrede. Dies ist eine von mehreren Flüchtlingsfamilien, die Laubrock betreut.

Drensteinfurt – Schüler haben es im Lockdown nicht leicht, statt Präsenzunterricht findet das Lernen für die meisten Kinder und Jugendlichen jetzt digital statt. Noch schwieriger ist es für Kinder bildungsferner Familien oder wenn ein Migrationshintergrund vorliegt. Birgit Laubrock kennt die Probleme, seit vielen Jahren ist sie als „Rucksack-Tante“ in Drensteinfurt unterwegs, um genau diesen Familien zur Seite zu stehen.

Corona macht alles ein bisschen schwieriger, weiß Laubrock, die seit 2015 im Projekt „Rucksack Schule“ des Kommunalen Integrationszentrums des Kreises Warendorf vier Stunden in der Woche an der Kardinal-von-Galen-Grundschule Kinder mit Migrationshintergrund betreut. Zusätzlich bietet sie zweimal in der Woche einen Elterntreff in der Schule an.

Seit März darf das Treffen nicht mehr stattfinden. „Das ist sehr schade“, findet die 49-Jährige. Die Eltern hätten das Angebot nur zu gerne angenommen. „Hier haben sie sich getraut, ihre Probleme anzusprechen“, berichtet sie. Oft hätten sie auch ihre nicht schulpflichtigen Kinder mitgebracht – eine Gelegenheit, die Laubrock nutzte, um die Kleinen ganz nebenbei auf die Schule vorzubereiten.

Engagiert aus Überzeugung: Birgit Laubrock betreut im Projekt „Rucksack Schule“ an der Kardinal-von-Galen-Grundschule Drensteinfurt Kinder mit Migrationshintergrund.

„Ich stehe im sehr guten Kontakt mit der Schule und den Lehrern; so weiß ich, wo und wann meine Hilfe gebraucht wird“, berichtet sie. In so einem Fall und auch damit der Kontakt nicht abreißt mache sie seitdem Hausbesuche. So ist die 49-Jährige auch weiter als Betreuerin und Gesprächspartnerin bei größeren und kleineren Problemen präsent.

Was sagt man und was sagt man nicht

Als die Kinder nach dem ersten Lockdown endlich wieder zur Schule gehen durften, traf sich auch Birgit Laubrock wieder mit „ihren Kindern“. Insgesamt neun Flüchtlingskinder, die eine individuelle Förderung benötigen oder verhaltensauffällig sind, betreut sie normalerweise in der Offenen Ganztagsschule (OGS). Hilft bei den Hausaufgaben und hört zu. Noch wichtiger sei ihr aber das Zwischenmenschliche. „Ich studiere mit ihnen Verhaltensweisen ein“, erklärt sie. Das sei möglich, weil die Gruppe so klein ist. So bringt Laubrock ihnen bei, was man sagen darf und was nicht. „Auch wenn sie noch nicht gut Deutsch sprechen, kennen sie sexualisierte Wörter und Kraftausdrücke erstaunlich gut“, macht sie deutlich.

„Die Kinder kennen oft keine vernünftige Alternative“, sagt sie. So erfahren sie zum Beispiel bei ihr, dass man anstatt „Ich hau dir auf die Fresse“ besser „bitte lass das“ sagen könne. In ihrer Stunde sei auch Platz für Spielen und Gefühl, alles sei lockerer. „Es funktioniert bei uns“, freut sie sich. Besonders schön sei, dass die Kinder Solidarität und Gruppengefühl entwickelt hätten.

Seit dem erneuten Lockdown kümmert sich die gelernte Erzieherin besonders um eine Familie, die mit vier Kindern in drei Räumen lebt. Vier Kinder teilen sich ein Kinderzimmer. „Ich habe dafür gesorgt, dass der Siebenjährige in die Notbetreuung gehen darf“, sagt sie. „Es ist schwer für die Kinder, wenn die Eltern kaum Deutsch sprechen und sich mit Computern nicht auskennen“, stellt sie fest. „Was bringt es, wenn ein Computer da ist, aber niemand weiß, wie man am digitalen Unterricht teilnimmt, Mails abruft oder Materialien downloadet.“ An der Stelle springt die Rucksack-Tante ein.

Wegen Corona spielt sich vieles an Haustür ab

Sie druckt Arbeitsblätter aus, bringt sie nach Hause oder lässt sie abholen, vereinbart Termine, wie sie den digitalen Geigenunterricht und kontrolliert, ob auch alles reibungslos klappt. Im Moment, so versichert sie, spiele sich wegen Corona vieles an der Haustür ab. Natürlich koste das Zeit, aber sie verbinde die Hausbesuche mit notwendigen Aktivitäten und dann stellt sie fest: „Ich kann den Familien helfen, und das tut mir am Ende auch gut.“

Laubrock ist immer auf der Suche nach kreativen Ideen, damit „ihre Kinder“ den Anschluss nicht verlieren – auch nicht in Zeiten von Corona. Gerne denkt sie an das große Weltpuzzle zurück, das sie geschenkt bekommen hat, mit dem sich die Kinder viele Tage beschäftigt hatten. „Sie wollten wissen, wo ihr Herkunftsland oder wo Deutschland liegt – das hat allen Spaß gemacht.“

Besonders froh ist sie, dass ihr die Stadt jetzt eine Tonie-Box finanziert hat, mit der man spannende Geschichten aus Kinderbüchern und vieles mehr hören kann. Diese bringt sie abwechselnd zu den Familien. Mit dabei hat sie für die Kinder passende Tonies. „Die Kinder sprechen da total drauf an“, verrät sie. Mit den kleinen Geschichten und Liedern lernen ihre Schützlinge zuzuhören, sich zu konzentrieren und so ganz nebenbei wird die Sprache gefördert. Alle zwei Wochen wandert die Toniebox zu einer anderen Familie.

Wenn der Lockdown vorbei ist, wird Laubrock nicht mehr in die OGS zurückkehren. Sie wird eine Stelle als hauptamtliche Mitarbeiterin in der Erwachsenenbildung in Haltern antreten. Doch ehrenamtlich wird sie weiter für die Familien da sein. „Ich glaube, die Einzelarbeit mit den Familien ist am Ende am effektivsten“, resümiert sie.

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