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Arzthelferinnen erhalten keine Corona-Prämie

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Von: Mechthild Wiesrecker

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Eingespieltes Team: Julia Otto (links) und Sonja Berstermann-Kowalke arbeiten als medizinisch-technische Fachangestellte im Ärztehaus am Amtsweg bei Dr. Birgit Salomon (stehend). Corona bedeutet für alle einen immensen Mehraufwand.
Eingespieltes Team: Julia Otto (links) und Sonja Berstermann-Kowalke arbeiten als medizinisch-technische Fachangestellte im Ärztehaus am Amtsweg bei Dr. Birgit Salomon (stehend). Corona bedeutet für alle einen immensen Mehraufwand. © Wiesrecker

 Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das medizinische Personal in den Arztpraxen ein unverzichtbarer und wichtiger Baustein, um die heraufordernde und schwierige Situation in den Griff zu bekommen. Trotz der täglichen Gefahren und Mehrbelastungen verweigert das Bundesgesundheitsministerium den Mitarbeitern in den Praxen jetzt einen Corona-Bonus. Pflegekräfte in Krankenhäusern können sich hingegen über eine einmalige Sonderzahlung des Staates freuen.

Drensteinfurt – Julia Otto und Sonja Berstermann-Kowalke sitzen Tag für Tag im Ärztehaus am Amtshofweg und versorgen die Menschen, die mit ihren Beschwerden, Nöten und Ängsten zum Arzt kommen. Seit Beginn der Corona-Pandemie stehen die beiden medizinischen Fachangestellten bereit, um die zusätzlich in der Mittagszeit eingerichtete Infektionssprechstunde zu bewerkstelligen. Rund 30 Patienten kommen täglich zusätzlich zu den üblichen Kranken – mit möglichen Symptomen, zum Impfen oder Testen.

Über die Entscheidung der Politik sind Otto, Berstermann-Kowalke und ihre Kolleginnen einfach nur enttäuscht. „Es geht mir nicht um das Geld, sondern um die allgemeine Wertschätzung des Berufes“, versichert Julia Otto. „Genau wie die Pfleger in den Krankenhäusern leisten wir derzeit Großes, um die ambulante Versorgung sicherzustellen.“

Praxen als Schutzwall vor den Kliniken

Das Team in den Arztpraxen, so Otto, sieht sich als Schutzwall vor dem Gesundheitsdienst und den Kliniken. „Wir impfen, wir testen und machen all das, was der öffentliche Gesundheitsdienst auch macht, und das neben der üblichen Arbeit“, teilt sie mit. Es sei schade, dass die Politik und die Öffentlichkeit das nicht anerkennen. Otto untermalt das mit Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: 13 von 14 Coronapatienten werden von den ambulanten Praxen betreut. Otto: „In der 5. Welle wird der Anteil wohl noch höher sein, da wir mit vermehrt milden Verläufen rechnen.“

Während der gesamten Zeit habe das Team die Verordnungen umsetzen müssen. „Dabei sind wir meist kurzfristig und oft am Wochenende vor vollendete Tatsachen gestellt worden“, sagt Otto. „Wir haben hier rotiert, um alle Auflagen zu erfüllen.“

Immer wieder kurzfristige Änderungen bei Corona-Regeln umsetzen

Hinzu kämen die ständigen kurzfristigen kompletten Änderungen. Sie erinnert sie sich noch an den Morgen an dem sie nach Ennigerloh gefahren sei, um 1 000 Impfdosen Astrazeneca für die Zweitimpfung zu holen. Am Mittag kam dann die Info, dass die Zweitimpfung mit Biontech erfolgen soll. „Wir blieben auf den gesamten Impfstoff sitzen“, sagt sie und ist noch immer entsetzt. Derartige Vorfälle seien fast an der Tagesordnung gewesen.

„Das medizinische Personal arbeitet direkt an der Front und läuft täglich Gefahr, sich anzustecken“, erklärt Dr. Birgit Salomon.

Rechts oder links? Die beiden medizinischen Fachangestellten Susanne Weichenhain (links) und Julia Otto stehen mit Impfpässen, Spritzen und Coronatest-Utensilien vor einem Hinweisständer im Ärztehaus am Amtshofweg. Links geht es zur Infektsprechstunde und zur Impfung, rechts zum PCR- oder Schnelltest. Für die Coronatests tragen die Mitarbeiterinnen zusätzliche Schutzkleidung.
Rechts oder links? Die beiden medizinischen Fachangestellten Susanne Weichenhain (links) und Julia Otto stehen mit Impfpässen, Spritzen und Coronatest-Utensilien vor einem Hinweisständer im Ärztehaus am Amtshofweg. Links geht es zur Infektsprechstunde und zur Impfung, rechts zum PCR- oder Schnelltest. Für die Coronatests tragen die Mitarbeiterinnen zusätzliche Schutzkleidung. © Ärztehaus am Amtsweg

Trotz der Infekt-Sprechstunde, die Menschen mit Erkältungssymptomen – abgetrennt vom normalen Praxisbetrieb – wahrnehmen sollen, gebe es immer wieder Patienten, die sich auch mit Symptomen in die normale Praxis begeben. „Für uns bedeutet das, anschließend den gesamten Bereich zusätzlich zu desinfizieren und zu lüften“, machte Sonja Berstermann-Kowalke deutlich und fügt an: „Da sind auch Ängste, sich anzustecken und die Krankheit in die eigene Familie zu bringen.“

Beruf der medizinischen Fachangestellten nicht mehr mit der Arzthelferin vor 40 Jahren zu vergleichen

Der Beruf der medizinischen Fachangestellten sei heute nicht mehr mit der Arzthelferin vor 40 Jahren zu vergleichen. Durch umfangreiche Weiterbildung und eine verbesserte Ausbildung sei es heute ein interessanter und anerkannter Beruf. „Durch die staatliche Ablehnung des Corona-Bonus macht man die Anerkennung wieder zunichte“, findet Berstermann-Kowalke.

Dr. Salomon findet für ihr Personal nur anerkennende Worte. „Ich habe so ein tolles Team – was das in den fast zwei Jahren geleistet hat, ist absolut großartig.“ Der Praxisbetrieb würde ohne die gute Arbeit „ihrer Damen“ und ohne ihre Bereitschaft, mal Stunden mehr zu arbeiten, nicht funktionieren.

Sie hatte sehr gehofft, dass der steuerfreie Bonus am Ende des Jahres, wie schon am Anfang des Jahres gewährt, noch einmal ausgezahlt werde. Als dann keine Zusage kam, habe das Personal den Bonus von 1 500 Euro bekommen, allerdings nicht steuerfrei. Es könne nicht sein, dass das Personal für seine besondere Leistung eine Auszahlung bekomme und der Staat davon ein Drittel für sich beanspruche, empört sie sich.

Für Pflegepersonal gab es eine einmalige Sonderzuzahlung des Staates. Dadurch wurde die Situation in den Krankenhäusern und besonders auf den Intensivstationen in die öffentliche Diskussion gerückt. „Das wünschen wir uns für die derzeitige Arbeit des Personals in den Praxen auch“, gibt Otto zu. In den Impfzentren gebe es Gelder vom Staat und Hilfen wie etwa von der Bundeswehr. Die Arztpraxen müssten mit eigenen Ressourcen alles selbst organisieren.

KVWL ist für Corona-Bonus für medizinische Fachangestellte

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat sich zu der Entscheidung der Politik gegen einen Corona-Bonus für medizinische Fachangestellte geäußert. Die Absage sei für sie ein Schlag ins Gesicht. Die Arbeit des Praxispersonal müsse ebenso wertgeschätzt werden wie die Arbeit des Pflegepersonals, so der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVWL Dr. Volker Schrage.

Stellvertretend durch ihren Vorstandsvorsitzenden Dr. Dirk Spelmeyer richtete die KVWL nun ihre Bitte an den Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann, sich für den Corona-Bonus stark zu machen.

Anders als die Politik werde das Team von den allermeisten Patienten durchaus wertgeschätzt. „Wir haben zu Weihnachten viele nett geschriebene Karten bekommen, das hat uns gefreut und gerührt“, gibt Julia Otto zu.

Patienten, die ungehalten reagieren, denen man nichts recht machen kann, gebe es natürlich auch, erklärt die Ärztin. Natürlich könne es vorkommen, dass die Wartezeit an der Anmeldung vielleicht mal länger sei als üblich, oder mal kleine Fehler passieren. Dafür wünsche sie sich Verständnis für die Situation. Man sei extrem bemüht, die Lage zu entzerren, durch zum Beispiel Videosprechstunden, Online-Termine, E-Mail-Kontaktformulare oder das Abholen von Medikamenten aus der Apotheke.

Egal ob eine rote Corona-Warn-App, Fragen zur Quarantäne, Impfungen, Tests oder Verunsicherungen – „wir sind und bleiben als erste Ansprechpartner für die Patienten da und versuchen ihnen, die erste Angst zu nehmen“, verspricht Julia Otto.

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