1. wa.de
  2. Lokales
  3. Drensteinfurt

Alice Märtens aus Rinkerode ist lesbisch und in der katholischen Kirche engagiert

Erstellt:

Von: Mechthild Wiesrecker

Kommentare

Trägt das Kreuz an ihrer Kette ganz bewusst: Alice Märtens aus Rinkerode gehört zu den 125 queeren Menschen, die trotz aller Schwierigkeiten, die die katholische Amtskirche mit queeren Menschen hat, weiter zu ihrem Glauben stehen. Märtens macht mit bei der Kampagne #OutinChurch und ist Teil der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der katholischen Kirche“.
Alice Märtens aus Rinkerode macht mit bei der Kampagne #OutinChurch und ist Teil der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der katholischen Kirche“. © Wiesrecker

Alice Märtens ist eine der 125 Christen, die sich in der Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der katholischen Kirche“ öffentlich zu ihrem Anderssein bekannt haben. Die Rinkeroderin ist lesbisch und hat in der Queer-Gemeinde Münster eine spirituelle Heimat gefunden.

Rinkerode - Dass sie sich selbst einmal als „queer“ bezeichnen würde, hat die heute 46-Jährige in ihrer Kindheit und Jugend sicherlich nicht gewusst. „Ich wuchs mit zwei Schwestern in einer katholischen mittelständischen Familie in Werne auf“, berichtet sie. Schon früh stand ihr zukünftiger Lebensweg fest: Mann, Kinder, ein eigenes Haus und ein Job. Ein Wunsch, den wohl viele Mädchen mit ihr teilten. „Ich habe eigentlich alle Klischees erfüllt“, stellt sie lächelnd fest. Dass es lesbische Frauen gab, wusste sie, seit sie beim Mädchenfußball aktiv war. Damals habe sie gedacht: „Die sind so, aber ich bin nicht so.“

Anfangs Leben mit Ehemann und zwei Kindern

Mit 18 Jahren lernte sie ihren ersten Freund kennen, die Beziehung hielt zwei Jahre. 2001 trat dann auf einer Geburtstagsfeier ihr zukünftiger Mann in ihr Leben. Man war sich sympathisch, traf sich regelmäßig und verliebte sich. Alice Märtens zog von Werne nach Rinkerode, der Heimat ihres Freundes. 2005 fand die standesamtliche Hochzeit statt und ein Jahr später die kirchliche Trauung. „Ich war glücklich und verliebt“, erinnert sie sich.

2007 bekam das Paar einen Sohn und zwei Jahre später eine Tochter. Die Familie lebte in einem schönen Haus. „Ich hatte alles: einen tollen Mann, tolle Kinder und ein tolles Haus – einfach alles, was ich mir erträumt hatte“, gibt sie zu. Und doch, fiel ihr auf, dass irgendetwas fehlte. Richtig bewusst wurde ihr das erst, als sie zwei Frauen kennenlernte, die zusammenlebten und Kinder hatten. Da habe sie sich zum ersten Mal richtig mit ihren Gefühlen beschäftigt.

Für ein Coming-out reichte es nicht, das traute sich Alice Märtens erst nach dem Tod ihres Vaters 2013. Ihre Mutter und ihre Schwestern standen sofort hinter ihr. Noch immer hat sie den Satz ihrer Mutter im Ohr: „Es ist mir egal, wen du liebst, Hauptsache du bist glücklich.“

Coming-out für Ehemann zunächst ein Schock

Für ihren Mann jedoch war ihr Bekenntnis ein großer Schock. „Für ihn brach eine Welt zusammen und er war sehr verletzt“, erinnert sie sich. Das sei für sie gut nachvollziehbar und natürlich auch traurig gewesen. Schließlich habe sie ihren Mann geliebt, wollte einst mit ihm alt werden.

Für mich war das, als ob ich einen schweren Rucksack auf meinen Schultern einfach abgelegt habe.

Alice Märtens

Die Erleichterung aber überwog: „Für mich war das, als ob ich einen schweren Rucksack auf meinen Schultern einfach abgelegt habe“, beschreibt sie ihre Gefühle. Jetzt konnte sie so leben, wie sie wollte und nicht so, wie es von ihr erwartet wurde.

Keine Diskriminierung im Ort

Sie zog aus dem gemeinsamen Haus mit den Kindern aus und in eine kleine Wohnung in Rinkerode. Von Anfang an ging sie offen mit ihrer sexuellen Orientierung um. Ein Weg, der richtig war: „Niemand im Ort hat mir oder den Kindern böse Worte gesagt oder gar hinter meinem Rücken getuschelt“, dafür sei sie dankbar.

Anfangs hatte sie das Gefühl, jeder schaue sie an, aber das sei eher ihre Projektion gewesen. Diskriminierung habe sie noch nie erlebt. Sorge hatte sie nur um ihren Arbeitsplatz in einer Hausarztpraxis. Erst spät traute sie sich ihren Chefs an. Da stellte sich heraus: „Es war überhaupt kein Problem, dass ich lesbisch bin.“ Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt die Lebensgeschichte von Carla Bieling.

Niemand im Ort hat mir oder den Kindern böse Worte gesagt oder gar hinter meinem Rücken getuschelt.

Alice Märtens

Alice Märtens ist zufrieden mit ihrem Leben: „Ich habe tolle Kinder und eine Partnerin, die ich liebe.“ Ein Haus hat sie nicht, aber das fehle ihr auch nicht. Dankbar sei sie ihrem Ex-Mann, mit dem sie heute in einer guten und respektvollen Beziehung steht. „Ich bin auch froh, dass er eine neue Partnerin gefunden hat“, erklärt sie. Die Betreuung der Kinder laufe hervorragend und auch der Kontakt zur Familie des Mannes sei gut.

Anfangs war sie besorgt, wie die Kinder mit der Situation umgehen, vor allen Dingen, als sie eine Partnerin hatte, die am Wochenende bei ihre wohnte. Darum holte sie sich bei einer Beratungsstelle professionelle Hilfe und informierte auch Schule und Kita über ihre Trennung und ihr „Anderssein“. Das war eine gute Entscheidung. „Die Kinder haben von Anfang an keine Probleme damit gehabt“, freut sie sich.

Bewusst bei ARD-Dokumentation mitgemacht

Als Kind ging Alice Märtens zur Kirche, bis zum Alter von 17 Jahren war sie Messdienerin, danach war sie nicht mehr in der Kirche aktiv bis zum Katholikentag in Münster 2018. Damals lernte sie das „Netzwerk katholischer Lesben“ kennen und schloss sich den Frauen an, die glauben, dass „katholisch“ und „lesbisch“ sehr wohl zusammenpassen. Über das Netzwerk kam sie auch mit dem ARD-Team in Kontakt. Frauen aus dem Netzwerk waren beim Film dabei und als sie gefragt wurde, ob sie auch ihre Geschichte erzählen wollte, habe sie sofort gewusst: „Ich mache mit, weil ich zu meiner sexuellen Orientierung stehe.“

Engagiert in der Queer-Gemeinde

Seit einiger Zeit hat sie in der Queer-Gemeinde-Münster eine spirituelle Heimat gefunden, hier arbeitet sie aktiv bei der Gottesdienstgestaltung mit. Immer am zweiten Sonntag im Monat besucht die Rinkeroderin dort in der Krypta der Antoniuskirche um 18.30 Uhr den katholischen Gottesdienst. „Hier ist jeder willkommen, Schwule, Lesben, Transvestiten, Transsexuelle, Intersexuelle, Queere und Diverse“, dann fügt sie lachend hinzu: „Und natürlich auch Heterosexuelle.“

Dokumentation

Die Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der katholischen Kirche“ ist in der ARD-Mediathek abrufbar. Dort gibt es zusätzlich auch ein zweiminütiges Video, in dem Alice Märtens ihre Geschichte erzählt.

Auch interessant

Kommentare