Afghane aus Drensteinfurt hat große Sorgen um seine Familie in Kabul

„Alle in Kabul leben in großer Angst“

Qais Reshad Fazly stammt aus der afghanischen Hauptstadt Kabul und lebt seit sechs  Jahren in Drensteinfurt. Seit der Übernahme der Macht durch die Taliban in seinem Heimatland denkt er nur noch an seine Verwandten in Afghanistan und schaut sich immer wieder ihre Fotos in seiner eigenen Wohnung an.
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Qais Reshad Fazly stammt aus der afghanischen Hauptstadt Kabul und lebt seit sechs Jahren in Drensteinfurt. Seit der Übernahme der Macht durch die Taliban in seinem Heimatland denkt er nur noch an seine Verwandten in Afghanistan und schaut sich immer wieder ihre Fotos in seiner eigenen Wohnung an.

Täglich flimmern Bilder aus Afghanistan über den Bildschirm. Menschen, die den Flughafen stürmen, sich an Flugzeuge klammern und aus großer Höhe abstürzen, zeigen überdeutlich die Angst der Bevölkerung vor dem, was kommen kann.

Drensteinfurt - Qais Reshad Fazly stammt aus Kabul und kam 2015 allein nach Deutschland. Seine Eltern, sechs Geschwister, Nichten und Neffen leben noch immer in der afghanischen Hauptstadt. Mit ihnen steht er täglich über Whatsapp in Kontakt. „Alle Menschen in Kabul leben in großer Angst“, sagt er.

Kabul sei nie sicher gewesen, berichtet der 32-jährige Afghane. Das habe aber nicht daran gelegen, dass die Taliban in den Straßen unterwegs waren, sondern an den täglich stattfindenden Selbstmordanschlägen. Solange die ausländischen Soldaten im Land waren, hätten Frauen unterrichten dürfen und Mädchen die Schule besuchen können. Frauen durften das Haus zwar nur mit Kopftuch, aber wenigstens unverschleiert verlassen.

Die Taliban seien militärisch nicht so gut ausgestattet gewesen. Ihre Macht hätten sie aber schon immer in der Provinz demonstriert. Dort sei das Leben deutlich gefährlicher gewesen.

Was jetzt geschehen ist, kann Reshad Fazly gar nicht verstehen. „Wir haben 300 000 gut ausgerüstete Soldaten, Fahrzeuge, und Hubschrauber“, berichtet er. Jeder sei davon ausgegangen, dass diese gegen die Taliban kämpften. „Stattdessen kam von ganz hoher Stelle der Befehl, kampflos die Waffen niederzulegen“, sagt er fassungslos. Möglicherweise sei Bestechung im Spiel, so seine Vermutung nach der Flucht von Präsident Aschraf Ghani.

Regierungsmitarbeiter in großer Gefahr

Besonders in Gefahr seien die Afghanen, die bei Botschaften und ausländischen Organisationen gearbeitet haben. Noch schlimmer sei die Lage für Regierungsmitarbeiter. „Sie haben niemanden, der ihnen hilft“, stellt er klar. Betroffen davon ist auch sein Schwager, der bei der Regierung beschäftigt war und jetzt im Versteck lebt – immer mit der Sorge um seine Frau und den achtjährigen Sohn.

„Meine Mutter und meine Schwester sind Lehrerinnen, seit dem Abzug der Soldaten gehen sie nicht mehr zur Arbeit“, teilt er mit. Die Schulen seien nicht geschlossen, aber jeder habe Angst, dorthin zu gehen.


Die Geschäfte, bis auf ganz kleine Läden und Banken, hätten geschlossen. „Viele Menschen haben das befürchtet und Vorräte angelegt“, erklärt Reshad Fazly.

Nur Propaganda und Religion im Fernsehen

Von seiner Familie weiß er, dass im Fernsehen keine Unterhaltungssendungen mehr ausgestrahlt werden. „Man sieht nur noch religiöse Sendungen und Propaganda“, teilt er mit und spricht von einem totalen Rückfall in vergangene Zeiten, als die Taliban die Macht hatten.

Jetzt geht die Angst um, Nachbarn und Freunde könnten, um Vorteile zu haben, zu Denunzianten werden. „Man kann niemandem mehr trauen“, sagt er traurig.

„Die Taliban stehen für Gewalt und Schrecken, ich weiß nicht, ob sie sich tatsächlich ändern.“ Vielmehr vermutet er, dass sie sich im Moment noch ruhig verhalten und warten, bis die letzten Soldaten das Land verlassen haben, um dann ihre Ideologie durchzusetzen.

Dabei sei es für ihn unerträglich, dass die Taliban den Islam in ein so schlechtes Licht rücken. „Die Taliban kennen nur den Satz ,Kämpfe für den Islam und du kommst ins Paradies’.“ Der Islam sei aber eine friedliche Religion: „Wir achten sogar jedes Tier und jede Pflanze“, erklärt er. Vieles werde einfach falsch ausgelegt.

In die Zukunft mag er gar nicht blicken. „Meine größte Sorge ist, dass die Taliban in die Familien gehen, die junge Männer zu Taliban rekrutieren und jede unverheiratete Frau von 14 bis 45 mit Talibankämpfern zwangsverheiraten.“

Angst um Schwestern und Brüder

„Ich habe Angst um meine Schwestern und meine Brüder“, sagt er sorgenvoll. Seine Mutter, die nie ihre Heimat verlassen wollte, denke daran, mit ihren Kindern nach Pakistan oder Indien zu fliehen.

Die Bilder vom Flughafen, der von Menschen gestürmt wird, von Menschen, die sich aus Verzweiflung und Angst an ein startenden Flugzeug klammern und aus großer Höhe zu Boden stürzen, könne er nicht mehr ertragen. Gerade habe der Afghane 14 Tage Urlaub gehabt, es sei aber der schlimmste Urlaub gewesen, seit er in Deutschland ist.

Dann spricht er nicht nur für sich, sondern alle Afghanen hier in Deutschland: „Unser Herz blutet aus Sorge um unser Land und unsere Familien.“

Qais Reshad Fazly überlebt zwei Anschläge

Qais Reshad Fazly arbeitete nach seinem Abitur im Jahr 2008 in Kabul für eine amerikanische Organisation für Straßenbau. Nachdem er Kenntnis über Korruption, bei der es um Millionenbeträge gegangen sei, erhalten habe, kam es zu einem Anschlag auf sein Leben. Ob Taliban oder Regierungssoldaten, könne er nicht sagen. Ein halbes Jahr lebte er versteckt.

Qais Reshad Fazly ist vor sechs Jahren aus Afghanistan geflohen.

Ab 2011 studierte er in Kabul Betriebswirtschaftslehre bis zum Bachelorabschluss. Anschließend arbeitete er für eine Botschaftsorganisation als Verwaltungskraft. Auf einem Seminar mit Organisationsvertretern verschiedener Länder traf er seinen alten Chef wieder. Kurz darauf überlebte er nur knapp einen weiteren Anschlag.

Zur gleichen Zeit beobachteten vermutlich Regierungssoldaten das Haus seiner Eltern, glaubt Fazly. Der Grund für die Vermutung: Ohne Warnung sei das Haus in einer Nacht gestürmt worden, dabei sei sein 15-jähriger Neffe, der aus dem Schlaf aufgeschreckt war, erschossen worden.

Reshad Fazly blieb nur noch die Flucht. 2015 kam er in Deutschland an. Hier in Drensteinfurt hat er sich von Anfang an gut integriert, schnell die deutsche Sprache gelernt und eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement beim Bildungsinstitut in Münster abgeschlossen und wurde dort übernommen. Seit fünf Jahren lebt er in einer eigenen Wohnung in Drensteinfurt.

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