Berlage abgewählt - Grawunder ist Bürgermeister

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Carsten Grawunder und Ehefrau Heike Merschhoff-Grawunder hatten Grund zu Feiern.

Drensteinfurt - Carsten Grawunder ist neuer Bürgermeister in Drensteinfurt. Mit 50,8 Prozent der Stimmen wurde der Kandidat von SPD und Bündnis 90/Die Grünen Sonntag gewählt. Der bisherige Bürgermeister Paul Berlage bekam 49,2 Prozent.

Der Wahlabend war an Spannung nicht zu überbieten. Bis 21.15 Uhr lieferten sich Grawunder und Berlage ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem fast immer der Herausforderer die Nase vorn hatte. Um 22.10 Uhr stand das Ergebnis dann fest: Lauter Jubel bei der SPD und den Grünen, betretene Gesichter bei der CDU. Fünf Minuten später verließ ein sichtlich enttäuschter Paul Berlage die Aula der Realschule, nachdem er dem neuen Bürgermeister mit den Worten „Machen Sie was draus“ gratuliert hatte. Für die wartenden Vertreter der Presse hatt er nur den Kommentar „Es war eine schöne Zeit“, übrig und verschwand mit seiner Familie.

Indes konnte sich Carsten Grawunder vor Glückwünschen kaum retten. Positiv optimistisch sei er gewesen und habe im Stillen immer an den Sieg geglaubt. Nun falle eine große Last von ihm ab, der Wahlkampf sei anstrengend gewesen.

Als großer Wahlverlierer bezeichnet sich selber die CDU. Zwar konnte sie 15 von 16 Wahlbezirken direkt gewinnen (in Wahlbezirk 13 wird es eine Nachwahl geben). Doch wahrscheinlich ist auch die absolute Mehrheit futsch. So genau konnte das Sonntagabend niemand sagen. Wilfried Voges, CDU-Stadtverbandsvorsitzender, machte aber deutlich, dass das Wahlergebnis nun besprochen werden müsse. Schade sei, dass Paul Berlage abgewählt worden sei. Natürlich sei er auch zu einer Zusammenarbeit mit Carsten Grawunder bereit. Im Wahlkampf habe man nie ein schlechtes Wort über den Menschen Grawunder verloren. „Uns haben nur die Inhalte gefehlt“, so Voges.

Völlig aus dem Häuschen war gestern Abend Ingo Stude: Der Vorsitzende der SPD spricht von einer neuen Ära in Drensteinfurt. Die SPD habe sensationell zugelegt, den Bürgermeisterkandidaten durchgebracht und vielleicht auch die absolute Mehrheit der CDU gebrochen. Ähnlich sah es auch Grünen-Sprecher Stefan Gengenbacher. Auch seine Partei habe das gute Ergebnis von vor fünf Jahren noch ausbauen können. Zwar sei man nur noch drittstärkste Kraft, doch die gute Arbeit, für die man vom Wähler belohnt wurde, wolle man nun fortführen. - war/jdw

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Von Andreas Wartala

Das war kein leichter Gang für Paul Berlage. Als er Sonntagabend gegen 21 Uhr ins Drensteinfurter Wahlstudio kam, da ahnte er schon, dass es nicht reichen würde. Um 22.10 Uhr dann die Gewissheit: Er ist abgewählt. Niemand hatte das geglaubt – am wenigsten er selber.

So muss die Enttäuschung sehr tief sitzen, zumal Berlage auf eine politisch positive Bilanz blicken kann. Die Stadt ist gut aufgestellt. Es müssen andere Faktoren gewesen sein, die dazu geführt haben, dass er nicht mehr die Mehrheit seiner Bürger hinter sich bringen konnte. Vor fünf Jahren waren es immerhin noch 85 Prozent und vor zehn Jahren 75 Prozent.

Der Wahlkampf wurde auf einer persönlichen Ebene geführt, die Integrität des Amtsinhabers in Frage gestellt. Ihm mangelnde Bürgerfreundlichkeit vorgeworfen und Gutsherrenart unterstellt. Vorwürfe, die niemand richtig entkräftet hat. Da müssen sich die Christdemokraten fragen lassen, warum sie für ihren Kandidaten nicht in die Bresche gesprungen sind. Offenbar hat es schon lange im Gebälk geknirscht. Viele CDU-Ratsmitglieder fühlten sich oftmals nicht ausreichend aus dem Rathaus informiert.

- Mit einem neuen Politikverständnis hat Carsten Grawunder bei den Wählern gepunktet. Er will offen und ehrlich sein, seine Entscheidungen transparent machen. Ein Anspruch, der jetzt mit Leben gefüllt werden muss. Seinen Wahlkampf hat Grawunder intensiv geführt, viele Hausbesuche unternommen und so bei vielen Wählern mit Bürgernähe gepunktet. Offenbar hat es gewirkt.

- Die Ratsarbeit wird in den kommenden Jahren für den politischen Beobachter interessant werden. Wahrscheinlich verliert die CDU die absolute Mehrheit und muss sich nun Mehrheiten suchen. Für die Drensteinfurter CDU, die seit 1945 immer allein regieren konnte, ein ungewohnter Schritt.

Grüne und SPD dürfen sich zurecht als Wahlsieger sehen – obwohl der Wahlkampf recht schleppend geführt wurde und sich beide Parteien nicht so richtig profilieren konnten. Das ist wohl auch dem geschuldet, dass sie gemeinsam einen Bürgermeisterkandidaten unterstützen. So hat auch ihnen Grawunder zum Sieg verholfen.

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